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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Einer der besten "Deutschland-Versteher" Großbritanniens, der Historiker Brendan Simms, hat für die "Kontinentaleuropäer" ein grandioses Buch über die britisch-europäischen Beziehungen geschrieben. Im Unterschied zum Mainstream im Vereinigten Königreich hält er fest: Die Geschichte Großbritanniens ist eine kontinentale Geschichte, das heißt, die Ereignisse auf dem Kontinent waren für Großbritannien weitaus prägender und wichtiger als die Beziehungen zur weiten Welt. Das gelte auch für die Zeit des Imperialismus.

Simms nimmt die britisch-europäischen Beziehungen der letzten tausend Jahre sowie deren Auswirkungen auf die Verfassungsgeschichte unter die Lupe - angefangen beim Band des gemeinsamen christlichen Glaubens und der Verteidigung der Insel gegen die Wikinger. Entstanden sei ein Staatsvolk mit einer starken nationalen Identität und viel Pragmatismus. Als Reaktion auf die politischen und religiösen Auseinandersetzungen auf dem Kontinent sei der Parlamentarismus etabliert worden als ein wirksames Mittel gegen den europäischen Despotismus.

In Simms Lesart war Großbritannien stets ein "Stück des Kontinents". Dabei sahen sich die Briten selbst als Verteidiger des Liberalismus, der Meinungsfreiheit und als ein Bollwerk gegen die aggressiven Politiken im 19. und 20. Jahrhundert: Angefangen bei Napoleon bis zum nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus. London habe das Projekt der westeuropäischen Integration als Mobilisierung des Kontinents für eine gemeinsame Verteidigung und Eindämmung "nicht zuletzt der deutschen Macht" betrieben. Hier sieht Simms den Kern des Brexit-Konflikts: Nachdem das Vereinigte Königreich jahrhundertelang jedwede "feindliche Übernahme" abgewehrt hatte, sahen sich die Briten aufgefordert, "eine Fusion auf Verhandlungswege in Betracht zu ziehen". Der Historiker glaubt: Großbritannien bleibt auch nach dem Brexit die "einzige Großmacht in Europa" und wird alle Stürme der Zukunft überstehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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