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Gastkommentare - Pro
Timot Szent-Iványi, RedaktionsNetzwerk Deutschland
Es war höchste Zeit

Sind wir jetzt ein einwanderungsland?

H orst Seehofer macht aus seinem Herzen zuweilen keine Mördergrube. Als der Bundesinnenminister vor einigen Monaten das Fachkräfteeinwanderungsgesetz vorstellte, bekannte der CSU-Mann freimütig: Noch drei Jahre zuvor wäre ein derartiges Gesetz in seiner Partei "außerhalb jeglicher Vorstellungskraft" gewesen.

Nicht nur in seiner Partei. Jahrzehntelange wurde insbesondere von Konservativen bestritten, dass Deutschland auf die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte angewiesen ist. Deutschland sei keine Einwanderungsgesellschaft, so das immer wieder vorgetragene Mantra. Das Wunschbild war der "Gastarbeiter", der nach getaner Arbeit wieder nach Hause geht.

Doch tatsächlich setzte sich in der Bundesrepublik fort, was es in der deutschen Geschichte immer gegeben hat: Einwanderung. Ob Slawen, Hugenotten, Ruhrpolen oder ab den 1950er Jahren Italiener, Griechen und Türken. Sie alle haben das Land und seine Kultur nachhaltig beeinflusst.

Durch das Gesetzespaket wird nun quasi amtlich, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Wir machen uns ehrlich. Und das wurde höchste Zeit. Denn es geht nicht nur um einen Mentalitätswandel im Umgang mit Zuwanderung, es geht um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Sicherung unserer Sozialsysteme. Der Fachkräftemangel erweist sich längst als Wachstumsbremse.

Es reicht indes nicht, sich zum Einwanderungsland zu erklären. Pfleger, Handwerker oder Bauarbeiter werden auch von anderen Industriestaaten gesucht. Den begehrten Fachkräften müssen attraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie gute Integrationsmöglichkeiten geboten werden. Sonst machen sie einen Bogen um Deutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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