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ARBEITSMARKT
Susanne Kailitz
Mitarbeiter dringend gesucht

Viele Unternehmen finden keine Fachkräfte mehr. Aber einen allgemeinen Mangel sehen nicht alle

Britta Marschler, Daniel Wirth, Barbara Burckner und Patrick Hilbrenner kennen sich nicht. Aber die Sorgen, die sie im beruflichen Alltag umtreiben, sind so ziemlich die selben: Sie finden kein Personal.

Britta Marschler ist bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Geschäftsführerin des Regionalverbands Radeberger Land und damit für 15 Kitas zuständig, in denen insgesamt 1.600 Kinder betreut werden. Aktuell fehlen ihr zehn Erzieherinnen - und jede Grippewelle bringt sie wieder zum Bangen. Auch wenn eine ihrer meist jungen Erzieherinnen verkündet, dass sie selbst Nachwuchs erwartet, ist die eigentlich gute Nachricht ein Schock: "Weil diese Kolleginnen in aller Regel über ein Berufsverbot von jetzt auf gleich nicht mehr eingesetzt werden können, wird unser Personalproblem in so einem Fall schlimmer." Die Kitas seien zu einem bestimmten Betreuungsschlüssel verpflichtet, in dem aber weder Urlaubszeiten noch Krankheitszeiten einberechnet sind: "Unsere Aufgaben können wir nur durch erhebliche Mehrarbeit des vorhandenen Personals erfüllen." Marschler würde liebend gern neue Fachkräfte einstellen: "Aber es gibt einfach keine. Der Markt ist leer."

»Unheimlich schwierig« Ein Befund, den Daniel Wirth teilt. Er ist Leiter der Personalgewinnung der Firma W. Hundhausen, eines Bauunternehmens mit rund 330 Mitarbeitern mit Sitz im nordrhein-westfälischen Siegen. Für fünf Standorte sucht Wirth Personal - und das sei inzwischen "unheimlich" schwierig: "Bestimmte Stellen lassen wir inzwischen ganzjährig ausgeschrieben und nehmen sie gar nicht mehr offline. Wenn wir einen guten Bauleiter oder Ingenieur bekommen können, stellen wir den ein", berichtet Wirth. Besonders problematisch sei die Lage in den ostdeutschen Niederlassungen Erfurt, Eisenach und Gera. Dort gebe es auch schon lange nicht mehr genug Nachwuchs, Ausbildungsplätze blieben unbesetzt. Das liege nicht an zu hohen Ansprüchen oder zu schlechten Bewerbern: "Es gibt schlicht keine Interessenten."

Auch Barbara Burkner seufzt beim Stichwort Fachkräftemangel. Der nämlich beschäftigt sie permanent: Bei dem Münchner IT-Dienstleister, für den die Prokuristin arbeitet, sei der Bereich Human Ressources "inzwischen ein tagesfüllendes Arbeitsfeld". "30 und mehr" Fachkräfte könnte die Firma aus dem Stand einstellen - weil die aber nicht zur Verfügung stehen, müsse man immer wieder Aufträge ablehnen.

Um Aufträge anderer Art geht es im sächsischen Radeberg: In der Asklepios-Klinik Radeberg sucht Geschäftsführer Patrick Hilbrenner nach Pflegepersonal. 20 bis 30 Stellen seien aktuell in den drei sächsischen Kliniken des Konzerns unbesetzt, schätzt er, "wenn wir dieses Problem nicht hätten, könnten wir deutlich mehr Patienten als derzeit behandeln."

Vier Branchen, viermal Mangel, vier Personalerinnen und Personaler, die sich Sorgen machen, wie es weitergehen soll: Die Beispiele zeigen, dass der Fachkräftemangel die betroffenen Unternehmen und Einrichtungen vor erhebliche Probleme stellt. Doch handelt es sich wirklich um ein flächendeckendes Problem?

Aus der Wirtschaft kommen regelmäßig Horrormeldungen. Im Arbeitsmarktreport 2019 des Deutschen Industrie- und Handelskammertages heißt es, fast jedes zweite Unternehmen könne "offene Stellen längerfristig nicht besetzen, weil es keine passenden Arbeitskräfte findet"; die Rede ist von 1,6 Millionen offenen Stellen. Nach Angaben der Deutschen Bauindustrie entwickelt sich der Mangel an verfügbaren Facharbeitern im deutschen Baugewerbe "immer mehr zum Geschäftsrisiko". Fast 130.000 offene Stellen für Ingenieure zählt das Institut der Wirtschaft. Nach Umfragen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stieg die Zahl der offenen Stellen im Februar 2019 mit rund 1,46 Millionen auf ein neues Rekordhoch. Erstmals kämen auf 150 Arbeitslose rund 100 offene Stellen, hieß es von den Forschern; im Jahr zuvor habe es noch gut doppelt so viele Arbeitslose wie unbesetzte Arbeitsplätze gegeben. In immer mehr Branchen schlagen Verbände Alarm: Es gebe weder ausreichend Paketboten, Lehrer und Erzieher, noch sei die Zahl der Fachkräfte in Pflege und IT-Branche annähernd ausreichend. Dort würden überall zehntausende Fachkräfte gebraucht.

Zurückhaltender ist die Agentur für Arbeit. In ihrer "Fachkräfteengpassanalyse" kommt sie zu dem Schluss, es zeige sich "in einzelnen technischen Berufsfeldern, in Bauberufen sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen" ein Fachkräftemangel, die Nachfrage nach Fachkräften in Bauberufen habe "ebenfalls nochmal deutlich angezogen". Offene Stellen würden im Durchschnitt nach 109 Tagen besetzt, bei Altenpflegern dagegen dauere es 175 Tage. IT-Stellen blieben im Schnitt 159 Tage vakant. Von einem allgemeinen Fachkräftemangel könne jedoch keine Rede sein, auch wenn die Lage in einigen Berufen und Regionen angespannt sei.

Karl Brenke, Volkswirt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, gibt zu bedenken: "Gäbe es wirklich einen Fachkräftemangel, würden die Lohnstückkosten und die Reallöhne steigen. Das ist aber nicht der Fall." Unternehmen und Wirtschaftsverbände würden die Lage dramatisieren, um sich wichtig zu machen und die Arbeitskräfte billig zu halten. "Man tut so, als wäre Deutschland von einer Mauer umgeben. Es gibt aber einen EU-weiten offenen Arbeitsmarkt und eine hohe Arbeitslosigkeit um uns herum."

Dabei ist eines Fakt: Egal, wie dramatisch der Fachkräftemangel eingeschätzt wird -, es gibt kaum Experten, die auf Zuwanderung in den Arbeitsmarkt verzichten wollen. Mindestens 260.000 Migranten würden in den kommenden 40 Jahren jährlich benötigt, hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie berechnet. Ohne diese Migration werde das Angebot an Arbeitskräften angesichts des demographischen Wandels bis zum Jahr 2060 um rund 16 Millionen Menschen schrumpfen - also um fast ein Drittel. Dabei seien die Potenziale der hiesigen Arbeitskräfte schon einberechnet: "Selbst wenn Männer und Frauen gleich viel arbeiteten und in Deutschland eine Rente mit 70 eingeführt würde, könnte der Fachkräftebedarf nicht mit inländischen Mitteln gedeckt werden", heißt es.

Wachsender Bedarf Den Berechnungen zufolge braucht Deutschland jährlich etwa 114.000 Zuwanderer aus EU-Staaten und 146.000 aus Drittstaaten. Die Zuwanderung aus Drittstaaten werde immer wichtiger, weil sich innerhalb der EU Wirtschaftskraft und Lebensqualität voraussichtlich so stark annähern würden, dass für viele EU-Bürger der Anreiz kleiner werde, in Deutschland zu arbeiten. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass zwischen 2051 und 2060 jährlich fast 200.000 Zuwanderer aus Ländern außerhalb der Europäischen Union benötigt werden.

Dass die Große Koalition nun nach vielen Verzögerungen ein Fachkräftezuwanderungsgesetz auf den Weg gebracht hat, wird deshalb einhellig begrüßt. Auch die Praktiker warten dringend darauf. So sagt Britta Marschler, sie habe in ihren Kitas zwar noch keine Erfahrungen mit ausländischem Personal, sehe in der Zuwanderung aber "den letzten Strohhalm": "Selbst wenn jetzt in Deutschland genügend Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden, greift das in der Praxis erst in etwa fünf Jahren - die Kinder müssen aber jetzt betreut werden."

Dass sein Personalproblem schnell gelöst werden könnte, darüber macht sich Daniel Wirth keine Illusionen. Schon vor geraumer Zeit hat sein Unternehmen begonnen, mit Flüchtlingen zu arbeiten; drei sind im vergangenen Jahr in die reguläre Ausbildung aufgenommen worden. Sie seien zwar außerordentlich engagiert und in der praktischen Arbeit sehr begabt, große Probleme aber gebe es beim schulischen Hintergrund. Weil die Agentur für Arbeit aber nur Geflüchtete aus Syrien und dem Irak über flüchtlingsbegleitende Maßnahmen unterstütze, zahle sein Unternehmen Nachhilfe für Menschen aus Pakistan, Afghanistan oder Guinea selbst. Dazu komme, dass es bislang an einer Perspektive für die Azubis mit Migrationshintergrund fehle. Ein junger Mann etwa dürfe für die Dauer der Ausbildung und zwei zusätzliche Jahre bleiben, "aber was danach mit ihm passiert, weiß kein Mensch". Wenn die Unternehmen aber in den Nachwuchs investieren sollten, brauche es für sie Sicherheiten, sagt der Siegener. Grundsätzlich führe kein Weg daran vorbei, dass die Unternehmen noch stärker als bisher ausbildeten und so zeitig eine Bindung an das Unternehmen schafften. "Wir legen als Arbeitgeber jetzt schon viel auf den Tisch: hohe Löhne, Vergünstigungen wie Dienstwagen oder Weiterbildungsangebote. Da ist inzwischen ein Maximum erreicht", konstatiert Wirth.

Auch bei Asklepios setzt man auf Mitarbeiterbindung, bietet etwa familienfreundliche Arbeitszeitmodelle an. Ohne Fachkräfte mit Migrationshintergrund gehe nichts, sagt Patrick Hilbrenner, man beschäftige viele Ärzte und Pflegekräfte aus Osteuropa. "Aber da muss man auch realistisch sein: Für tschechische oder polnische Kollegen ist der Gehaltssprung in Deutschland nicht mehr so attraktiv wie früher, auch weil die steuerliche Belastung in ihren Heimatländern geringer ist." Sein Konzern engagiere sich deshalb etwa in Manila oder Mexiko, um dort Pflegekräfte auszubilden; Kooperationen gebe es auch mit Albanien: "Wir versuchen alles, was geht."

Auch beim bayerischen IT-Dienstleister Mikrostaxx setzt man inzwischen auf neue Wege. Aktuell werden in einem speziellen Quereinsteiger-Programm 15 künftige IT-Fachkräfte geschult, noch einmal so viele sollen im Sommer dazukommen. Gesucht würden Kandidaten, berichtet Prokuristin Burkner, die aufgrund ihrer Berufs- und Lebenserfahrung schon über soziale und unternehmerische Kompetenzen verfügen und die nur noch Nachhilfe in fachlichen Fragen brauchen.

»Wunderbare Nachricht« Genau das sei die richtige Haltung, um auf den Fachkräftemangel - egal, wie groß genau der nun sei - zu reagieren, sagt Philipp Leipold, Geschäftsführer der Academic Work Academy Germany, die im Auftrag von personalsuchenden Unternehmen Crashkurse für IT-Quereinsteiger sucht. Er findet: "Wir haben es inzwischen mit einem Arbeitsmarkt zu tun, der nicht primär die Interessen der Arbeitgeber bedient, sondern den Arbeitnehmer zum entscheidenden Faktor gemacht hat." Es sei "doch eigentlich eine ganz wunderbare Nachricht, dass Bewerber sich jetzt nicht mehr mit Hungerlöhnen und monatlich befristeten Arbeitsverträgen abspeisen lassen müssen, sondern unter lauter guten Angeboten das für sie beste aussuchen können". Das sei "eine ziemlich positive Entwicklung".

Die Autorin ist freie Journalistin.

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