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UMWELT II
Sören Christian Reimer
Wie dem globalen Plastikmüll-Problem beizukommen ist

In Entwicklungs- und Schwellenländern soll die Abfall- und Kreislaufwirtschaft gefördert werden. Umweltverbände fordern weniger Kunststoffverbrauch

Von den 330 Millionen Tonnen Kunststoff, die weltweit pro Jahr produziert werden, gelangen 35 Millionen Tonnen Plastik in die Umwelt und davon wiederum bis zu 13 Millionen Tonnen in die Ozeane. Das entspricht umgerechnet einer LKW-Ladung pro Minute, rechnete Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) vergangene Woche bei einer Anhörung im Umweltausschuss vor. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ergänzte, dass es zu der "absurden Situation" kommen könne, "dass wir 2050 mehr Plastik als Fische in den Meeren haben" - wenn sich nichts ändere im Umgang mit Plastik.

Bilder von Plastikstrudeln in den Ozeanen, das hunderttausendfache Sterben von Fischen, Meeressäugern und Vögeln (siehe Text oben) sowie die Sorge vor den gesundheitlichen Folgen des n Mikroplastiks haben das Müllproblem auf die politische Agenda in Deutschland und Europa gerückt. Gleich fünf Anträge von AfD (19/9237), FDP (19/3172, 19/7695) und Grünen (19/5230, 19/6129) zum Umgang mit Plastikabfällen waren Anlass der Anhörung.

Abfallsysteme Der Wille zum Handeln und die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten fallen bei dem Thema allerdings relativ weit auseinander. Der Grund: Der Eintrag von Plastik in die Meere findet zum Großteil außerhalb Europas statt. Einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zufolge sind zum Beispiel zehn Flusssysteme - acht in Asien und zwei in Afrika - für rund 90 Prozent des globalen Plastikeintrages in die Meere verantwortlich. Entsprechend fordern Fraktionen wie Sachverständige neben einem Exportverbot für Plastikmüll in problematische Länder, die Abfall- und Kreislaufwirtschaftssysteme in den betroffenen Entwicklungs- und Schwellenländern zu fördern. "Ohne Kooperation dieser Länder werden wir beim Thema Plastikvermüllung nicht vorangekommen", urteilte Andreas Proksch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). "Hat der Plastikmüll einmal die Weltmeere erreicht, ist es zu spät, noch wirksam gegenzusteuern." Der Aufbau funktionierender und finanzierter Kreislaufwirtschaftssysteme sei allerdings eine gewaltige Herausforderung, denn aktuell hätten rund zwei Milliarden Menschen keinen Zugang dazu. Es fehle der politische Wille und ein Umdenken in großen Teilen der Bevölkerung.

Finanzielle Anreize könnten das aus Sicht von Proksch fördern. Genau das ist die Idee des Unternehmens "Plastic Bank", die Elke Kunde (IBM Deutschland) den Abgeordneten vorstellte. Die Firma möchte den Wert von Kunststoff sichtbar machen und so dafür sorgen, dass es sich für Menschen lohnt, Plastikmüll zu sammeln und einer Verwertung zuzuführen. In der Folge soll der Eintrag in die Meere verringert werden. Umsetzen will das Unternehmen die Idee auch mit Hilfe der komplexen Blockchain-Technologie, also dezentralen und transparenten Datenbanken.

Hausaufgaben "Das Problem ist längst schon an unseren Küsten angekommen", machte Nabu-Vertreter Detloff in der Anhörung klar. Um es zu lösen, müsse der Plastikverbrauch reduziert und über Recyclingfähigkeit, Langlebigkeit und Mehrwegsysteme intensiver diskutiert werden. Die von der EU verabschiedete Plastikstrategie und die Einwegplastik-Richtlinie begrüßte der Meeresschutz-Experte, da sie eine erweiterte Produzentenverantwortung vorsähen und sich vom Mantra der freiwilligen Selbstverpflichtungen lösten.

Ähnlich argumentierte der DUH-Sachverständige Fischer. Er warnte davor, zu viel mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. Auch Deutschland müsse seine Hausaufgaben machen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Verpackungsmüll sei mit jährlich 226 Kilogramm viel höher als in anderen Teilen der Welt und die Umweltverschmutzung ("Littering") sei ebenfalls ein Problem.

Fischer forderte "mehr Mut zur Abfallvermeidung" und schlug etwa Abgaben auf Plastiktüten und Coffee-to-go-Becher, Mindeststandards für die Recyclingfähigkeit sowie die steuerliche Begünstigung abfallarmer Mehrwegverpackungen vor.

Der Ruf nach neuen Vorschriften stößt beim Handelsverband Deutschland (HDE) jedoch auf wenig Gegenliebe. Für Deutschland sieht der Verband laut Stellungnahme aktuell keinen regulatorischen Handlungsbedarf, "um den Plastikeintrag in die Umwelt weiter zu beschränken". Verbandsvertreter Kai Falk betonte im Ausschuss die Bedeutung von Forschung und Entwicklung in diesem Bereich und hob Maßnahmen im Handel hervor. Die EU-Einwegplastik-Richtlinie hält er für nicht zielführend. Sie helfe nicht dabei, gegen die unsachgemäße Entsorgung vorzugehen.scr

Aus Politik und Zeitgeschichte

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