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Aschot Manutscharjan

Warum verlieren die Volksparteien zunehmend mehr Wähler, während kleinere oder neue Bewegungen immer mehr Zulauf erhalten? Die beiden Berliner Philosophen, Gunter Gebauer und Sven Rücker, führen diese Entwicklung auf eine Neudefinition der Rolle der Massen zurück. Die Zeiten, in denen mobilisierte Massen auf die Straßen gingen, um für eine andere Politik zu demonstrieren, sind ihrer Meinung nach keineswegs vorbei. Ihre These begründen sie mit dem Verweis auf prominente Beispiele: Konkret nennen sie medienwirksam inszenierte Protestaktionen wie die "Occupy"-Bewegung, den Arabischen Frühling oder den Kiewer Maidan, auch die "Fridays for Future"-Initiative könnte man aktuell hinzufügen.

In ihrem empfehlenswerten Buch wenden Gebauer und Rücker den Begriff "Masse" vor allem auf das Phänomen "neuer und populistischer Massen" in Ostdeutschland an. Dort richteten sich "die populistischen Massen unterschiedslos gegen Massen, die von außen kommen, gegen Flüchtlinge, Ausländer, Muslime, Nicht-Deutsche". Zudem hätten die "neuen Massen" ein anderes Verständnis von der Rolle der beteiligten Individuen als die bereits früher aktiven rein "populistischen Massen": Die Teilnehmer würden sich weder im Kollektiv auflösen noch sich als Teil eines "epidemischen Geschehens zwischen Menschen ohne Bewusstsein" begreifen. Stattdessen schreibe sich jedes Mitglied der neuen Massen "einen Einfluss auf die höchste Machtinstanz zu", resümmieren die Philosopen.

In der Mediengesellschaft werde dem Einzelnen permanent eine Beteiligung an den Entscheidungen der Macht angeboten, sei es per Twitter-Botschaft oder über den Like-Button bei Facebook. Jeder könne zu allem seine Meinung äußern oder die Ansichten anderer teilen. "Es gibt nicht mehr eine Bühne, sondern eine Vielzahl von Plattformen". Diese "unmittelbare Beziehung der Einzelnen zur Macht" sei für die Angehörigen der neuen Massen "außerordentlich anziehend". So übernehme quasi jeder die Rolle eines Führers.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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