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Parlamentarisches Profil
Franz Ludwig Averdunk
Der Aufsteiger: Paul Ziemiak

B ei allem Frust ließ sich Paul Ziemiak nicht beirren: Die Große Koalition müsse "weitermachen, damit Stabilität auch in Deutschland herrscht". So fiel seine Reaktion direkt nach der Europa-Wahl aus. Trotz des folgenden Orkans bei der SPD sieht er das immer noch genau so, zumal auch seine Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer versicherte: "Wir stehen weiter zur Großen Koalition." Doch Ziemiak blieb merkwürdig still.

Der Grund waren zwischenzeitlich eingetretene private Turbulenzen, die ihn im heimischen Sauerland festhielten - durchaus fröhliche Turbulenzen. Ziemiak wurde zum zweiten Mal Vater. Da ging Familie über Politik. "Meine Familie ist mir hoch und heilig", bekennt er: "Sie ist meine Kraftquelle. Ich will sie aus allem heraushalten."

So konnte er denn mit gehörigem Abstand zum Berliner Geschehen registrieren, wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die schwierigen Tage durchlebte. Mit dem nötigen Rüstzeug dafür hatte er sie bereits im Oktober des vergangenen Jahres ausgestattet und ihr beim Deutschlandtag der Jungen Union Wollsocken und Friesennerz überreicht - ausdrücklich "für stürmische Zeiten". Dass er selbst bereits zwei Monate später in der CDU-Parteizentrale bei unruhiger See mit auf der Kommandobrücke stehen würde, hatte niemand damals ahnen können. Wobei ihm seine Vorsitzende AKK schon mal während seiner familienbedingten Abwesenheit einen wichtigen Stuhl im Steuerhaus reservierte: Volkspartei könne die nur bleiben, wenn sie den Anschluss an die verschiedenen Lebenswirklichkeiten der Menschen wieder zurückgewinnen könne. Die Federführung in diesem Gesamtbereich "Beteiligung" legte sie in Ziemiaks Verantwortung. Damit dreht er auch an Stellschrauben für seine eigene Zukunft: Denn dass er noch reichlich mitmischen wird in der Politik, steht außer Frage bei einem, der schon mit 33 Jahren viel erreicht hat.

Ohnehin sorgte er früh für entscheidende Weichenstellungen. 2001 trat er in die CDU ein, zwei Jahre zuvor schon in die Junge Union. Seine Frau lernte er mit 18 Jahren kennen. Seine politische Verankerung festigte er 2017, als er über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag einzog. Beim Direktmandat für den Wahlkreis Herne/Bochum hatte Michelle Müntefering die Nase vorn.

Wobei es zwei Freunde gibt, die sich gewiss gegenseitig auf der Karriereleiter behilflich sind: Ziemiak und Gesundheitsminister Jens Spahn (39). Unter anderem diese Zwei schafften es, auf dem CDU-Parteitag Ende 2016 einen Beschluss gegen die doppelte Staatsbürgerschaft durchzusetzen. Zwei Jahre zuvor fand sich in Ziemiaks Bewerbungsrede für den Vorsitz der Jungen Union der Satz: "Wer die Scharia mehr achtet als deutsche Gesetze - da hilft kein Integrationskurs, da hilft Gefängnis."

Seinen größten Kraftakt schaffte Ziemiak eben bei dieser Bewerbung. In einer Kampfkandidatur setzte er sich mit 63 Prozent durch. In seiner Rede hatte er auch als "Botschaft der Jungen Union" propagiert: "Egal, wo du geboren wurdest, egal, ob dein Vater studiert hat oder deine Mutter Hausfrau ist, wenn du hart arbeitest, dann kannst du es schaffen."

Damit spiegelte er zum Teil auch seinen Werdegang in einer polnischen Aussiedlerfamilie wider: 1988 kam er mit seinem älteren Bruder und seinen Eltern aus Stettin nach Deutschland. Beide waren ausgebildete Ärzte, deren Berufsabschlüsse erst einmal nicht anerkannt wurden. Paul machte Abitur, studierte ohne Abschluss Juristerei, hernach Unternehmenskommunikation - zumindest bisher ohne Abschluss. Nebenbei arbeitete er als Werkstudent für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Dass er nun die wesentliche Aufgabe bekam, CDU und Lebenswirklichkeiten zu verzahnen, dürfte ganz im Interesse des Mannes liegen, der als Vormann seiner Jungen Union die Aufgabe zugemessen hatte, die CDU "programmatisch voranzutreiben". Eine andere seiner Vorgaben könnte sich aber auch gegen ihn, den ehemaligen Vorsitzenden richten. "Stachel im Fleisch" der CDU soll die Junge Union sein. Das könnte ihn künftig womöglich schmerzhaft piksen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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