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Eva Illouz
Sören Christian Reimer
»Gar nichts befreit«

Die Soziologin im Gespräch über Liebe, Sex und Dating in Zeiten des Kapitalismus und die negativen Seiten des sexuellen Freiheit

Frau Illouz, in Ihrer Forschung befassen Sie sich mit Liebe, Dating und Sex. Alles Themen, die auf den ersten Blick sehr persönlich und sehr individuell erscheinen. Was macht sie für die breitere Perspektive einer Soziologin interessant?

Das Ziel der Soziologie ist es, zu zeigen, wie sich das Individuelle und das Kollektive überlappen. Sehr wenige Gedanken sind wahrhaftig persönlich und wirklich nur unsere eigenen. Unsere Psyche ist ein Sammelsurium, eine Kollage entliehener Materialien aus öffentlichen Bildern und Diskursen. Zu zeigen, dass etwas Individuelles tatsächlich kollektiv ist, ist der soziologische Zug par excellence.

Wenn man nun die moderne Gesellschaft betrachtet, ist eines der wesentlichen Dinge, die das moderne Individuum charakterisiert, die Suche nach guter Sexualität und romantischer Liebe. Dating- und sexuelle Praktiken definieren den Kern dessen, was wir geworden sind. Darum muss eine soziologische Betrachtung des modernen Individuums Sexualität und Dating als Schlüsselideologien dessen berücksichtigen, was ein gutes Leben ausmacht. Schließlich haben Sex und Liebe auch enorme Folgen für wichtige Institutionen und soziale Prozesse wie die Familie, die Demographie, die Zahl der Menschen, die allein lebt, und Geschlechtergleichheit. All dies ist eng verbunden damit, wie Menschen Bindungen miteinander eingehen.

Was hat sich mit der sexuellen Liberalisierung im Bereich Liebe und Sex im Vergleich zu früheren Zeiten verändert?

Einiges. Da ist zunächst die Entflechtung des Individuums aus der Gruppe beziehungsweise der Familie. Der Einzelne in den westlichen Gesellschaften kann nun einen Partner ohne Kontrolle und ziemlich ohne Rücksicht auf die Normen und Werte der Gruppe bzw. der Familie wählen. Das ist eine sehr gravierende Veränderung. Die Wahl des Partners soll nun das Innerste des Selbst ausdrücken. Die Partnerwahl ist damit nicht mehr eine soziale Strategie, um das Vermögen zu vergrößern oder sozial aufzusteigen. Die Funktion der Partnerwahl ist es nun, Teil einer größeren Erzählung des eigenen Selbst zu sein. Das ist eine enorme emotionale Belastung, denn die Wahl soll von Gefühlen geleitet werden.

Und in Sachen Sex?

Die Norm der Sexualität hat sich verändert. Sex sollte einst nur in der Ehe passieren, auch wenn das niemals völlig respektiert wurde. Diese Verbindung von Sex und Ehe existiert nun nicht mehr. Tatsächlich hat die Sexualität ihre eigene Entwicklung genommen und ist jetzt ziemlich unabhängig von anderen Überlegungen wie Liebe oder Emotionen. Sexuelle Erfahrung wird zu einer Erfahrung um ihrer selbst willen. Aber die wesentliche Veränderung ist, dass die Konsumkultur unablässig das Image und die Praxis der Sexualität genutzt hat, um neue sexuelle Normen und Verhaltensverweisen anzuregen. Die sexuelle Befreiung bedeutete vor allem, dass der Markt den sexuellen Körper zu einem uferlosen Ziel des Konsums machen konnte.

Die sexuelle Befreiung wird oft als etwas Positives gewertet. In ihrem Buch vertreten Sie eine kritische Sicht. Was ist die Schattenseite der Entwicklung?

Viele Dinge sind gut und gleichzeitig schädlich. Der Kapitalismus zum Beispiel: Kapitalismus ist sehr gut darin, die generelle Produktivität und den Wohlstand zu erhöhen, aber er ersetzt auch menschliche Arbeit durch Maschinen, akzentuiert Ungleichheit und pervertiert Demokratie mit Plutokratie. Es ist dasselbe mit der sexuellen Befreiung. Frauen hatten gegenüber Männern einen sehr ungleichen sexuellen Status. Die sexuelle Befreiung bedeutete also nicht nur Befreiung, sondern auch Gleichheit. Zumindest im Prinzip. Praktisch haben Männer die komplette Kontrolle über die Wirtschaft, die Politik und das Militär behalten. Weil aber die sexuelle Sphäre die anderen Sphären spiegelt und von ihnen abhängt, hat man letztlich gar nichts befreit. Man hat Männer nur freier darin gemacht, Frauen sexuell auszubeuten. Sexuelle Gleichheit lässt sich nämlich nicht von anderen Formen der Gleichheit trennen. Ohne Gleichheit handelt es sich nur um einen Vorwand für Männer, Frauen auszubeuten, weil sie mehr Macht haben. Freiheit ist häufig eine Maskierung für Tyrannei.

Wie das?

Denken Sie an die Freiheit des Marktes. Weil Handlungen dort vermeintlich uneingeschränkt sind, nehmen wir an, dass - ganz gleich wie das Ergebnis ist - dieses von einem versteckten Mechanismus reguliert sein muss. Wenn also kleine Unternehmen zurückfallen und sich Monopole formen, erscheint das so, als wäre es ein unvermeidliches Resultat des Marktes. Freiheit legitimiert Machtasymmetrien und macht es schwieriger, über diese Asymmetrien und die Dysfunktionalität eines Systems nachzudenken. Dasselbe ist in der Heterosexualität passiert. Sexuelle Freiheit schafft Vergnügen und Autonomie, aber sie hat auch die Asymmetrien in der sexuellen Arena unsichtbar gemacht.

Wie zeigt sich das im Feld der Dating- und Liebesmärkte?

Männer der Oberklasse kontrollieren das Feld. Sobald ein Mann reich ist, kann man sehen, wie er junge, besonders schöne Frauen anhäuft. Donald Trump ist ein Beispiel für diese Art von hegemonialer Maskulinität des reichen, mächtigen Mannes. Natürlich sind nicht alle Männer so und nicht alle Frauen. Aber es ist ein dominantes Modell, in dem Geld und sozialer Status eine dominante Position im sexuellen Markt verschaffen.

In diesem Markt verfügen Frauen also nur über die vergänglichen Ressourcen Schönheit und Alter?

Das ist die Perspektive von Ökonomen. Ich denke nicht, dass Schönheit und Alter Ressourcen sind. Schönheit und Alter als Attribute weiblicher Attraktivität sind von Männern als begehrenswert definiert worden. Nicht nur, weil sie gefällig sind, sondern weil sie Machtausübung ermöglichen. Junge Frauen sind attraktiver, weil Altersunterschiede Dominanz erlauben, denn junge Menschen sind unerfahrener und haben weniger Ressourcen als ältere. Übrigens waren in Europa in der Arbeiterklasse mal ältere Frauen begehrenswerter, weil sie eher mehr Ressourcen hatten. Frauen reagieren also auf die von Männern definierten Regeln des Marktes.

Selbst in einer sexuell befreiten Welt stehen also Frauen unter Druck, sich an Regeln in sexuellen und Liebes-Märkten anzupassen?

Absolut. Wenn man sich die vergangenen 30 Jahre für Frauen betrachtet, sieht man ein Paradox. Auf der einen Seite sind Frauen freier und gleicher geworden. Auf der anderen Seite sind Frauen viel stärker der Kontrolle durch den Markt unterworfen, weil ihr Aussehen der Kontrolle unterliegt. Während Frauen für ihre Gleichberechtigung kämpften, sind sie über ihren Körper und ihr Aussehen wieder reglementiert worden. Die Normen der ästhetischen Performance haben enorm zugenommen in den vergangenen Jahrzehnten. Sie werden vermeintlich durch den Markt vermittelt, aber der Markt ist nur eine Metapher. Mit Ausnahme von L'Oréal werden die meisten Fashion-, Kosmetik- und Modemedien-Konzerne, also der Markt, überwiegend von Männern kontrolliert.

Welche Rolle spielt Technologie in diesem Prozess?

Dafür ist es wichtig, die Mechanik des von mir so genannten skopischen Kapitalismus zu verstehen. Skopischer Kapitalismus ist die Wertschöpfung durch die Umwandlung von Individuen in visuelle Einheiten. Er zieht sowohl die Schaffung eines Typs von Arbeiter nach sich, der sich selbst in eine visuelle Einheit transformiert, als auch einen Konsumenten, der etwas wegen des visuellen Reizes und der Schönheit konsumiert. Ein Großteil der modernen Technologien entspricht diesem skopischen Regime und vermittelt und verstärkt dessen Tendenzen. Viele dieser Technologien ermöglichen es, andere und sich selbst visuell zu dokumentieren und sich der Welt durch neue Formen der Visualisierung zu näheren. Denken Sie etwa an Apps wie Instagram, einem beliebten sozialen Netzwerk zum Teilen von Videos und Bildern, oder die Dating-App Tinder, die Nutzer dazu auffordert, mögliche Dates innerhalb eines Augenblickes auf Grundlage ihres Bildes zu bewerten.

Sie heben auch hervor, dass Selbsthilfeliteratur als Konsequenz dieser Veränderungen an Bedeutung gewonnen hat. Woran liegt das?

Eine der wesentlichen Thesen des Buches ist, dass die sexuellen und romantischen Arenen durchtränkt sind von Ungewissheit. Ungewissheit hat psychologische Komponenten, ist aber ein soziales Phänomen. Es entsteht, wenn man die Regeln, um Interaktionen einzugehen, die Bedeutung bestimmten Verhaltens sowie die Arten von Emotionen, die wir zeigen beziehungsweise erwarten, nicht mehr kennt. Der Grund, warum diese Selbsthilfeliteratur so erfolgreich geworden ist, liegt darin, dass sie uns Methoden liefert, das Selbst inmitten dieser Ungewissheiten zu managen. Es geht nicht nur darum, das Selbst besser performen zu lassen und in Kapital zu transformieren, wie es viele schon gesagt haben, sondern auch darum, mit der Grundangst, die der Ungewissheit der modernen Liebes- und Datingmärkte entspringt, umzugehen. Diese Unsicherheit hat auch Folgen für das Sexleben der jungen Generation.

Welche?

Die Daten zeigen, dass ironischerweise im Zeitalter der sexuellen Freiheit die junge Generation viel weniger Sex hat als die Generation der 1970er. Es überrascht allerdings nicht. Heute ist es viel komplizierter, Emotionen, Sexualität, Erwartungen, Autonomie und Zuneigung zu managen. Eben weil wir keine Regeln mehr haben, um unsere Beziehungen zu managen, sind wir ausweichender geworden. Und wenn man erstmal ausweichend ist, dann lässt man sich nicht mehr auf Intimität ein.

Das ist ein ziemlich düsteres Bild. Aber was soll getan werden? Sie fordern ja offensichtlich keinen Sprung zurück in die 1950er...

Natürlich nicht. Was wir beim Daten und im Liebesleben aktuell sehen, ist nur ein weiteres Beispiel für die Paradoxien der Freiheit. Sie befreit uns von Macht und Autorität, wirft uns aber in eine Welt der Unbestimmtheit hinein. Ich würde mich also dafür aussprechen, gemeinsam über neue Regeln und Rituale nachzudenken. Aber wir brauchen auch neue Regeln und Rituale, weil die alten sehr von der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen abhingen.


Das Gespräch führte und übersetzte Sören Christian Reimer.

Zur Person: Eva Illouz (*1961) ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Illouz forscht unter anderem zum Zusammenhang von Emotion, Kultur und Kapitalismus. Ihr jüngstes Buch Warum Liebe endet: Eine Soziologie negativer Beziehungen erschien 2018 im Suhrkamp-Verlag. Bereits 2011 erschien Warum Liebe weh tut: Eine soziologische Erklärung.


Aus Politik und Zeitgeschichte

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