Inhalt

ASSISTENZ
Susanne Kailitz
Helfer für ein erfüllendes Sexualleben

Bei manchen körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen ist erotischen Bedürfnissen nur mit Unterstützung selbstbestimmt nachzukommen

Zweimal im Monat besucht Nina de Vries einen jungen autistischen Mann in seiner Wohngruppe. Sie spricht mit ihm, berührt ihn und manchmal verhilft sie ihm zu einem Orgasmus. Am Ende bekommt sie Geld vom Betreuer des jungen Mannes: Nina de Vries ist Sexualassistentin und hat sich in ihrer Arbeit auf Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Wenn die 57-Jährige über ihren Job spricht, macht sie das mit Humor und Wärme - und in dem Wissen, dass das, was sie tut, bei vielen Menschen auf Irritation oder gar Unverständnis stößt.

Die wissenschaftlichen Dienste des Bundestags definieren Sexualassistenz als "Dienstleistung gegen Entgelt", die Menschen mit Behinderungen, die "oftmals durch körperliche oder geistige Hemmnisse in ihrer sexuellen Autonomie eingeschränkt" sind, unterstützt und damit zur Selbstbestimmung beitragen kann. Sexualassistenten unterstützen also Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen dabei, ihre Sexualität auszuleben - sei es, indem sie ihnen bei der Masturbation oder dem Sexualakt assistieren, ihnen aktiv Befriedigung verschaffen oder ihnen überhaupt erst einmal zu einem Weg verhelfen, Lust wahrzunehmen und den eigenen Körper kennenzulernen.

All dem liegt der Gedanke zugrunde, dass Sexualität zu den Grundbedürfnissen der Menschen gehört. Aus dem Grundgesetz lässt sich das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ableiten. Wie schwer Menschen leiden, die ihre Sexualität nicht selbstbestimmt ausleben können, lasse sich täglich in Heimen und Einrichtungen für Alte und Menschen mit Behinderungen sehen, sagt Lothar Sandfort. Der Psychologe leitet in Niedersachsen das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter und bildet seit vielen Jahren Sexualbegleiter aus; er ist in Kontakt mit vielen Betreuern und Heimleitern und konstatiert: "Das ist ein Problem in eigentlich jeder Einrichtung. Die Menschen zeigen dann ein auffälliges Verhalten, sind angespannt oder aggressiv oder suchen nach körperlichem Kontakt zum Pflegepersonal. Leider wird darauf dann in der Regel mit Medikamenten reagiert, die den Sexualtrieb lahmlegen."

Sandfort, selbst seit einem Unfall querschnittsgelähmt, weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, mit einer körperlichen Beeinträchtigung ein erfüllendes Sexualleben zu gestalten. Noch schwerer sei es für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, sagt der 67-Jährige. Viele von ihnen hätten nie gelernt, mit ihren sexuellen Bedürfnissen umzugehen oder Wege zu finden, für ihre Befriedigung zu sorgen.

Das ist auch die Erfahrung von Nina de Vries: "Wir denken immer, dass Menschen ganz von allein lernen zu masturbieren. Das ist aber nicht so. Viele geistig Behinderte wissen überhaupt nicht, wie das funktioniert." Häufig übernimmt de Vries zusammen mit ihren Kunden quasi die Grundlagenforschung. "Es bringt nichts, jemandem mit geistiger Behinderung einen Film über den Körper und die Möglichkeiten der Selbstbefriedigung zu zeigen oder ihm das zu erklären, wenn er aufgrund der Behinderung diese Information nicht zu sich zurückkoppeln kann. Das funktioniert nur über Handführung und Nachahmung."

Bleibt die Frage: Wer zahlt für diese Form der Bedürfnisbefriedigung? Denn die ist teuer, das weiß Katja Alekseev nur zu gut. Die 29-Jährige lebt mit spinaler Muskelatrophie und ist auf Assistenz angewiesen, um ihren Alltag zu gestalten. Mit ihrem ebenfalls behinderten Ex-Freund hat sich die Studentin deshalb vor einigen Jahren für die Sexualassistenz entschieden: Für den Sex buchte das Paar zwei Sexualbegleiter, die ihre Körper in verschiedene Stellungen brachten und bewegten. Für Menschen, die keine Beeinträchtigung hätten, sei das vermutlich eine irritierende Vorstellung, sagt Alekseev, "aber wenn man sowieso den ganzen Tag auf Assistenz angewiesen ist, dann braucht man die eben auch in so einer intimen Situation." Wirklich problematisch seien die hohen Kosten für die Dienstleistung gewesen: 360 Euro hätten zwei Stunden bei den Sexualassistenten gekostet, zudem sei jedes Mal eine zweistündige Anfahrt nötig gewesen. "Das konnten wir uns höchstens einmal im Monat leisten." Sie würde sich deshalb wünschen, dass diese spezielle Assistenz staatlich finanziert werde.

Diesen Gedanken teilt auch Lothar Sandfort: Er wünscht sich, "dass es in den Einrichtungen ein Budget für sexualpädagogische Angebote gibt. Das sollte aber nicht die Krankenkasse zahlen. Das sexuelle Grundbedürfnis ist schließlich keine Krankheit, sondern das Recht jedes Menschen." In der Politik hat dieser Gedanke noch nicht viele Unterstützer: Als die Grünen-Abgeordnete Elisabeth Scharfenberg 2017 sagte, für sie sei "denkbar", die Sexualassistenz - ähnlich wie in Holland - über die Kommunen zu finanzieren, brach Kritik von allen Seiten los.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag