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SEXFILME
Verena Reygers
Ja zum Porno

Feministische Erotikstreifen wollen zeigen, dass die Darstellung von Sexualität auch positive Akzente setzen kann

Porno und Politik - das war lange eine Geschichte von Verboten und Restriktion. Mit ihrer Forderung, feministische Pornos staatlich zu fördern, hat die Berliner SPD im Juli vergangenen Jahres entsprechend für Aufsehen gesorgt. Auf Initiative der Jusos setzt sich der Landesverband nun dafür ein, feministische Sexfilme als "außerschulische Bildungsarbeit" zu unterstützen, und schlägt vor, diese beispielsweise über die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender zur Verfügung zu stellen. Dazu wollen die Sozialdemokraten auch über die Altersfreigabe neu nachdenken.

Dabei standen in jüngster Zeit die möglichen positiven Seiten der Pornografie nicht im Fokus. Stattdessen wurde eher über die mögliche Gefährdung Jugendlicher durch im Netz frei verfügbare Hardcoreclips und Möglichkeiten, den Jugendschutz auch online durchzusetzen, debattiert. Um Inhalte der Filme ging es dabei weniger. Für die Alice-Schwarzer-Generation gelten Pornografie und Feminismus ohnehin als unüberbrückbarer Gegensatz.

Schade eigentlich, denn im Vergleich zum gewöhnlichen Porno, in dem das sexistische Narrativ der unterwürfigen Frau und des dauerpotenten Mannes herrscht, will feministische Pornografie authentischere Perspektiven anbieten. Sie zeigt normale Körper beim normalen Sex: eine Vielfalt an Körperformen, Geschlechtern und Ethnien, die auf unterschiedliche Arten Sex haben - Cunnilingus und Cumshot genauso inbegriffen wie Kuscheln und Konsens. Sie betont die Lust und das aktive Begehren der Frau. Und schließlich wirken am feministischen Pornoset faire Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung gegen soziale und ökonomische Ausbeutung.

Dass Feminismus und Pornografie einander ergänzen, findet beispielsweise Erika Lust. Die Schwedin dreht seit zehn Jahren in Barcelona feministische Pornos. Für sie ist Pornografie eine gute Gelegenheit, sich und ihre Sexualität besser kennen zu lernen: "Sich zu erregen, ohne all diese christlichen Ideen von Scham zu empfinden" - es gehe darum, Sex positiv zu sehen: "Es ist gut, es macht Spaß, ist gesund und eine rundum schöne Sache. Ich bin diese negative Sicht auf Porno und Sex leid, die nur das Schlechte und Aggressive sieht. Als ob Sex schmutzig sei", sagt die 41-Jährige.

Allgegenwärtig Das Internet hat den Porno allgegenwärtig gemacht, er wird nicht einfach verschwinden. Eine von vier Suchanfragen im Netz bezog sich nach Erhebungen aus dem Jahr 2015 auf Pornografie. Pro Sekunde wurden demnach weltweit 30.000 Pornoclips abgerufen. Die weltweit größte Pornoseite zählt pro Monat 1,63 Milliarden Aufrufe (Stand: Januar 2017). Frauen sollen zwischen einem Fünftel und einem Viertel der Pornokonsumentinnen im Netz ausmachen. Entsprechend obsolet ist die Frage nach dem Ob der Pornografie. Wie Pornografie aussehen kann, muss dagegen noch geklärt werden. Damit sexuelle Beziehungen gelingen können, braucht es Bilder, die es Menschen ermöglichen, sich individuell in ihrer Sexualität zu erkennen. Diese der Mainstreampornografie zu überlassen, wäre fatal. Weil diese oft nur eine Erzählweise kennt: sich jaulend windende Frauen stellen sich Männern mit Riesenpenissen zur Verfügung, deren Drauflosrammeln multiple Orgasmen garantiert. So absurd wie unoriginell.

Pornografie kann, darf und soll Fantasien anregen und befriedigen, sie kann das aber auch tun, indem sie Standards aufbricht und Diversität zeigt. Das ist nicht nur für Jugendliche bedeutsam. Auch Erwachsene profitieren von Darstellungen, in denen die Sexualpartner miteinander kommunizieren, was sie mögen oder gerade nicht so gut finden. Sexualtherapeuten empfehlen immer wieder, die Kommunikation im Bett nicht zu vernachlässigen. Das gilt auch für Absprachen beim Safer Sex, der auch Oral- und Analpraktiken einbezieht. Es reicht eben nicht zu wissen, wie man ein Kondom überstreift.

Daran setzt Lust an. In ihren Filmen legt die Filmemacherin, die gebürtig Hallqvist heißt, Wert auf ein stilvolles Setting, in dem sich Menschen lustvoll begegnen. Die Geschichten, die sie dabei erzählt, reichen vom Quickie am Herd während das Nudelwasser kocht, über romantischen Sonntagmorgensex bis zum Kinky-Date eines Ehepaars, das sich zuvor noch in der Küche über Haushaltspflichten streitet.

Aber Lust will noch mehr, als erotische Momentaufnahmen zu verfilmen. Sie will die Branche revolutionieren. Die Politikwissenschaftlerin erklärt, es benötige 30 Prozent Frauenanteil, um Machtverhältnisse zu verändern. Statt einer von der Norm des männlichen Blicks dominierten Branche braucht es ihrer Meinung nach den weiblichen, den feministischen Blick, um andere Perspektiven zu entwickeln. "Wir müssen unsere Stimmen erheben und unsere Geschichte von Sexualität erzählen. Und je mehr wir werden, desto besser", sagt Lust.

Patrick Catuz sieht das genauso. Der österreichische Kulturwissenschaftler und Autor des Buchs "feministisch ficken" glaubt, dass auch Männer von einer feministischen Darstellung von Sexualität profitieren, in der eben nicht Härte, Dauer und Funktionalität des Penis entscheidend sind, sondern wo Erotik, Sinnlichkeit und Sex auch anders stattfinden können. Er ist überzeugt: "Auch viele Männer könnten dadurch einen viel entspannteren Zugang zu ihrem Körper oder zu ihrer Sexualität finden, wenn sie erkennen, dass ihre Sexualität nicht nur dann erfolgreich ist, wenn sie mit einem Orgasmus abschließen können und dass Sex nicht nur mit Penetration vollwertig ist." Feministische Pornos zeigen genau das, Sex, der nicht männlich oder weiblich stereotypisiert ist und keinem Ziel unterworfen sein muss, einfach, weil man dann doch zu müde vom Tag ist, die Erektion nicht hält oder der Nachwuchs im Nebenzimmer kräht. Realität halt.

Weder Lust noch Catuz sind mit dieser Maxime Vorreiter. Der sexpositive Feminismus verfolgt diese Perspektive in der queeren Szene schon lange. Seit den 1960ern setzen sich Vertreterinnen der PorYes-Bewegung für die positive Darstellung von Sexualität jenseits von Körpernormen und Geschlechterstereotypen ein. In klarer Abgrenzung zur PorNo-Bewegung, die in Deutschland auch von Alice Schwarzer vertreten wird, setzt sich die PorYes-Fraktion für pornografische Vielfalt ein. In Berlin prämiert der PorYes-Award jährlich die Filme, welche die Kriterien feministischer Pornografie besonders kreativ umsetzen.

Wie aber kann feministische Pornografie außerhalb einer ohnehin emanzipatorisch definierten Szene stattfinden und welche Rolle kann Politik dabei spielen? Schweden hat es vor zehn Jahren vorgemacht. Dort entstand die Pornoanthologie "Dirty Diaries", in der Produzentin Mia Engberg mehr als ein Dutzend Regisseurinnen und Regisseure erotische Kurzfilme drehen ließ. Subventioniert wurden die Kurzfilme durch den SWI, das schwedische Filminstitut, das großteils vom schwedischen Staat finanziert wird. Der Kritik, mit Steuergeldern Pornografie zu ermöglichen, entgegnete SWI-Geschäftsführerin Cecilia Elwin Frenkel, "Dirty Diaries" sei nicht finanziert worden, weil es Pornografie ist, sondern weil man eine andere Perspektive auf weibliche Sexualität beabsichtige. Auf dieses Projekt bezieht sich auch die Berliner SPD. Gegen Körperstereotype und Schönheitsideale geht auch Nicole Rüdiger vor. Zusammen mit Elke Kuhlen bringt sie seit 2005 das "Jungsheft" auf den Markt, ein Magazin mit nackten Männern, die mehr dem eigenen Partner, Bruder oder Nachbarn ähneln als den Mitgliedern der Chippendales.

Eine Frage des Winkels Weil der Gesetzgeber Pornografie anhand eines Erektionswinkels von 45 Grad definiert - bei Frauen anhand der Sichtbarkeit der inneren Schamlippen - gelten die Hefte als pornografisch. Rüdiger ärgert das: "Für mich sind nackte Jungs nicht pornografisch". Trotzdem setzt sie mit dem "Jungsheft", und dem seit 2007 erscheinenden Äquivalent "Giddyheft", der Mainstream-Pornografie bewusst etwas entgegen: "Es wird ja oft vorgegeben, wie jemand zu sein hat, um als schön definiert zu werden, zum Beispiel muskelbepackt, aber genau das ist bei uns in den Heften nicht der Fall," erklärt Rüdiger und verweist auf schlaksige Jungs, Schambehaarung oder Brustansatz. Dass diese irritieren, weil sie selten bis gar nicht in den Medien vorkommen, sieht die Rheinländerin als Bestätigung, die Schönheit des Normalen zu zeigen. Denn Rüdiger beobachtet die Tendenz, dass Menschen sich immer weniger trauen, sich nackt zu zeigen - selbst in langjährigen Beziehungen. "Es gibt ganz viele Menschen, die extreme Probleme mit ihren Körpern haben," sagt sie, auch weil junge Menschen heute zwar ungehemmt sexualisiert würden, aber nur unzureichend aufgeklärt. Entsprechend freut sie sich über die Anfragen von Beratungsstellen und Jugendzentren, die anhand der Jungs- und Giddyhefte Jugendlichen zeigen möchten, wie nackte Körper aussehen.

An Pornografie als Sexualaufklärung wird im digitalen Zeitalter kein Aufklärungspfad mehr vorbeiführen. Annie Sprinkle, Künstlerin und PorYes-Aktivistin der ersten Stunde, hat es treffend auf den Punkt gebracht: "Die Antwort auf schlechte Pornos ist nicht, keine Pornos, sondern bessere Pornos zu machen." Verena Reygers

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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