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sextourismus
Claus Peter Kosfeld
Lustreisen rund um den Globus

Auf der Suche nach Exotik und Erotik

"Die Ladys von der Beach Road" verzeichnen in einem Thailandforum mehr als eine halbe Million Aufrufe. Begeistert ergehen sich anonyme Männer in Detailschilderungen von ihrem Besuch in Pattaya. Einer gibt als "Berufsbezeichnung" ganz geradeaus "Sextourist" an und hat Tipps parat für andere Männer, die auf der Suche nach billigem Sex mit jungen Frauen sind.

LT, ST und LB sind gängige Abkürzungen in dieser pseudoverschämten Männerwelt, die über thailändische Frauen reden wie über Fischsorten auf dem Wochenmarkt. LT steht für longtime, ST für shorttime und LB für "Ladyboy": Sexdienste unterschiedlicher Dauer und Vorlieben. 1.500 Thailändische Bath (rund 40 Euro) werden im Internetforum genannt für ein Abenteuer der LT-Kategorie, es geht aber auch billiger.

Abseits der Front Als Pattaya Beach in den 1950 und 1960er Jahren noch ein armes Fischerdorf war, rückten Tausende US-Soldaten aus dem benachbarten Vietnamkrieg ein, um ein paar unbeschwerte Tage abseits der Front zu erleben. Das "Rest & Recreation"-Programm der US-Armee, eigentlich als Familienauszeit annonciert, schuf an der thailändischen Küste das Fundament für einen gigantischen Rotlichtdistrikt und in den Folgejahren die Grundlage für den internationalen Sextourismus. Befördert wurde die Entwicklung von zunehmend billigen Flügen und einer boomenden Reisebranche.

Die Sexindustrie speziell in Südostasien ist nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) schon seit vielen Jahren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit einem Umsatz in Milliardenhöhe. Allein in Thailand soll es schätzungsweise mehr als 300.000 Prostituierte geben und Freier aus aller Welt. Oft bietet diese Branche die einzige Chance für Frauen, ausreichend Geld zu verdienen. Aus Deutschland machen sich nach Expertenschätzungen jedes Jahr Tausende Sextouristen auf den Weg.

Die immens hohe Nachfrage hat auch das Angebot erheblich erweitert. Sextourismus gibt es heute auf allen Kontinenten, wobei sich manche Zielgebiete einen einschlägigen Ruf erarbeitet haben und eine spezielle Klientel anlocken. Den typischen Sextouristen gibt es nach Darstellung der Fachleute nicht, manche fahren mit dem klaren Ziel in den Urlaub, käuflichen Sex zu haben, andere lassen sich vor Ort inspirieren. Alte und junge Freier sind dabei, reiche und weniger begüterte, Akademiker ebenso wie Arbeiter, Männer und zunehmend auch Frauen. Auch Homosexuelle, Pädophile und Frauenhasser suchen auf Reisen exotischen Sex mit willigen Partnern, der ihnen zu Hause verwehrt oder erschwert wird oder verboten ist.

Sexuelle Macht Die Sexualwissenschaftlerin Gisela Wuttke spricht von Prostitutionstourismus und erklärt, es gehe eigentlich gar nicht um Sex, sondern um die Demonstration sexueller Macht. Vor allem Männer leben sexuelle Fantasien aus und kaschieren Frustrationen, Versagensängste und Impotenz. Gesucht werden meist junge, kindliche Körper. Ort der Handlung sind Bordelle, Massagesalons, Cafés oder Clubs.

Die neben der hohen Infektionsgefahr wohl größte Schattenseite dieser Lustreisen ist der Missbrauch von Kindern. Die internationale Organisation zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung (ECPAT) kommt in einer Studie von 2016 zu dem Schluss, dass Armut die Kinderprostitution am stärksten beschleunigt. In manchen Kulturen, heißt es in der Studie, würden Mädchen zudem als schwach und passiv angesehen. Daraus schlössen Touristen, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern in der Kultur des Landes akzeptiert sei.

Wuttke vermerkt dazu, es gebe Eltern, die ihre Kinder verkauften, um das Überleben der Familie zu sichern. In weiten Teilen Thailands etwa werde es als normal angesehen, wenn Mädchen "in den Süden" gingen, in die Prostitution. Die Freier genössen derweil ihre ökonomische Überlegenheit und die Abhängigkeit der Frauen und Kinder. Der Trend gehe dahin, immer jüngere Kinder zu prostituieren, auch solche, die noch gar nicht geschlechtsreif sind.

Wirtschaftlich abgehängt Auf Reisen in wirtschaftlich abgehängte Regionen bieten sich viele Möglichkeiten, Kinder sexuell zu missbrauchen. So werden laut ECPAT ungeachtet des eigentlich hehren Anspruchs, Reisen und soziales Engagement zu verbinden, Voluntourismus, Waisenhaustourismus und Slumtourismus kritisch gesehen, weil auch hier Kinder leicht ausgebeutet werden können. Dabei spielen einheimische Frauen bei der Vermittlung der Kinder eine wichtige Rolle.

Laut Bundeskriminalamt (BKA) kann sexueller Missbrauch an Kindern im Ausland in Deutschland auch dann bestraft werden, wenn das Verhalten in dem betreffenden Staat nicht geahndet wird. Seit 2014 bietet die Plattform www.nicht-wegsehen.net die Möglichkeit, Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch an Kindern zu melden. Die europaweite Initiative wird von Touristikern unterstützt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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