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Alexander Weinlein
Die Macht öffentlicher Erregung

Das Liebesleben von Königen und Politikern und die voyeuristische Lust am Skandal

Eine junge Frau in völliger Nacktheit unfreiwillig den Blicken von gut zwei Dutzend alter Männer preisgegeben. Was wie ein Szenario aus der Sexismus-Debatte des vergangenen Jahres anmutet, soll sich Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus so oder ähnlich in Athen zugetragen haben. Die wegen ihrer Schönheit berühmte Hetäre Phryne steht vor dem Gerichtshof des Areopags. Angeklagt ist sie wegen schamlosen Verhaltens und der Lästerung der Götter. Die in vielen Quellen erwähnte Gerichtsverhandlung könnte aber ebenso politisch motiviert sein. Zumindest liest sich die Kundenkartei des antiken Escortgirls wie das "Who is Who" des griechischen Stadtstaates. Da die Argumente ihres Verteidigers Hypereides, selbst ein prominenter Politiker und Liebhaber der Hetäre, das Gericht nicht von der Unschuld Phrynes überzeugen können, entkleidet er kurzerhand die Angeklagte vor den Augen der Stadtoberen. Der theatralische Trick gelingt. Phryne wird freigesprochen - weil ihre Richter glauben, bei der Schönen handle es sich um die fleischgewordene Liebesgöttin Aphrodite selbst.

In der Netflix-Serie "House of cards" beruft sich der fiktive US-Präsident Francis Underwood darauf, dass sich alles im Leben um Sex drehe, nur nicht der Sex selbst: "Beim Sex geht es um Macht." Ein Blick auf das Gemälde des französischen Malers Jean-Léon Gérôme, der die Gerichtsverhandlung der Phryne 1861 auf Leinwand bannte, offenbart, dass sich das bekannte Zitat auch umkehren lässt. Sex war stets ein verlässlicher Begleiter der Macht. Als Symbol von Potenz, als Teil der Staatsräson, als Spiegel gesellschaftlicher Moralvorstellungen und in Form von Skandalen - echten und inszenierten.

Ein solcher Sex-Skandal im Zentrum der Macht erregt rund 2.300 Jahre nach Phryne gar die Gemüter der gesamten Weltöffentlichkeit. Am Abend des 17. August 1998 muss US-Präsident Bill Clinton in einer Fernsehansprache einräumen, dass er entgegen ursprünglicher Behauptungen doch eine "unangemessene Beziehung" mit Monica Lewinsky hatte. Was Clinton unter der Formulierung "unangemessene Beziehung" versteht, mutmaßen zu diesem Zeitpunkt bereits Millionen von Menschen: Der 52-jährige Präsident hatte Sex mit der ehemaligen 27-jährigen Praktikantin im Weißen Haus. Und in den kommenden Wochen werden sie es in allen Details erfahren. Es geht um Oralsex, es geht um Clintons Sperma auf einem Kleid, es geht um eine Zigarre und deren Verwendung beim Liebesspiel. Das Oval Office, das Dienstzimmer des "Führers der freien Welt", mutiert im Volksmund zum "Oral Office". Ein Sex-Skandal wie aus dem Bilderbuch.

Stoff für Bestseller All die pikanten Details sickern während der gut einjährigen Affäre, die Präsident Clinton beinahe das Amt kostet, an die Öffentlichkeit. Formal geht es in dem gegen ihn eingeleiteten Amtsenthebungsverfahren zwar nicht um Clintons "unangemessene Beziehung" zu einer Praktikantin, sondern um dessen Falschaussage unter Eid und eine mögliche Beeinflussung Lewinskys als Zeugin. Doch die Öffentlichkeit interessiert vor allem das amouröse Abenteuer des "wilden Bill". Dementsprechend fallen die Reaktionen aus, die von moralischer Empörung bis hin zu Hohn und Spott reichen. Voyeurismus ist aber immer im Spiel. Und so wird auch der Abschlussbericht von Sonderermittler Kenneth Starr, in dem sich die sexuellen Eskapaden des Präsidenten nachlesen lassen, weltweit übersetzt und stürmt die Bestsellerlisten.

Als 36 Jahre zuvor Marilyn Monroe in einem atemraubend eng anliegenden Kleid ihr berühmt gewordenes "Happy Birthday Mr. President" für John F. Kennedy lasziv ins Mikrofon haucht, wirkt dies auf viele Amerikaner zwar ebenfalls wie eine Bestätigung der Gerüchte über ein Verhältnis des US-Präsidenten mit dem Weltstar und Sexsymbol. Doch eine öffentlich und medial ausgetragene Debatte über das Sexleben Kennedys bleibt in jenen Tagen aus - und dies, obwohl Kennedy ebenso wie später Clinton im Ruf eines ausgemachten Schürzenjägers steht.

Wiederum 20 Jahre nach der Clinton-Lewinsky-Affäre zieht mit Donald Trump ein Mann ins Weiße Haus, der sich Jahre zuvor noch gerühmt hat, Frauen ungefragt zwischen die Beine greifen zu dürfen, und der seinen Anwalt wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl beauftragte, der Porno-Darstellerin Stormy Daniels 130.000 Dollar Schweigegeld wegen einer Sex-Affäre zu zahlen. Während sich Trumps sexistische Entgleisung nahtlos in die weltweite Debatte über die Übergriffigkeit machtvoller Männer gegenüber Frauen einreihte und mit zu jenen Gründen gehörte, die hunderttausende Amerikaner nach der Wahl Trumps unter dem Slogan "Not my President" auf die Straßen trieb, scheint die Affäre mit einem Porno-Sternchen allenfalls noch die öffentliche Lust am Voyeurismus zu befriedigen. Zum Skandal à la Clinton-Lewinsky reicht es bereits nicht mehr.

Liberales Europa In Europa wird stets mit einem gewissen Spott auf die öffentlich-mediale Verhandlung von Sex-Skandalen jenseits des Atlantiks geblickt. Wenn sich US-Kongressabgeordnete vor Fernsehkameras bei ihren betrogenen Ehefrauen, ihren Familien und der ganzen Nation für außerhäusliche Affären reumütig entschuldigen, dann beweist dies den Europäern einmal mehr ihr Urteil über die als prüde und bigott geltenden Amerikaner. Frankreichs Präsidenten hingegen etwa genießen einen schon legendären Ruf wegen ihrer Seitensprünge. Francois Mitterand lebte ein regelrechtes Doppelleben mit einer Zweitfamilie, Jacques Chirac fing sich den Spitznamen "Monsieur fünf Minuten einschließlich Dusche" ein, Nicolas Sarkozy verließ kurze Zeit nach seiner Amtseinführung seine Ehefrau Cecilia, um nur wenige Monate später das ehemalige Top-Model Carla Bruni zu heiraten. Bei Francois Hollande wiederholte sich die Geschichte, seine Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayeter führte zur Trennung von seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler. Und auch wenn die amourösen Volten der Präsidenten mediale Aufmerksamkeit erregten, politisch geschadet haben sie ihnen kaum oder gar nicht. In Italien überlebte Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2010 politisch sogar den Vorwurf, im Rahmen organisierter "Bunga Bunga Partys" minderjährige Prostituierte für Sex bezahlt zu haben.

Lancierte Geschichten Auch in Deutschland zeigt sich die Öffentlichkeit meist liberal im Umgang mit den Sex- und Liebesaffären seines politischen Spitzenpersonals. Über echte und vermeintliche Affären von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) oder Bayerns Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) war zwar viel Gerede im Umlauf, aber die Presse griff solche Geschichten in den seltensten Fällen auf. Das Privatleben von Politikern galt in der Bundesrepublik lange Zeit als Tabu. Eine unrühmliche Ausnahme stellte der Fall von CSU-Parteichef Theo Waigel 1993 dar. Mitten im Kampf um die bayerische Staatskanzlei druckten Boulevard-Zeitungen die Geschichte über sein außereheliches Verhältnis mit seiner späteren, zweiten Ehefrau Irene Epple. Die Informationen über die Affäre sollen der Presse aus dem Lager von Waigels Konkurrent Edmund Stoiber zugespielt worden seien, der dann auch Ministerpräsident wurde. Ein ähnliches Schicksal ereilte sieben Jahre später die bayerische Gesundheitsministerin Barbara Stamm (CSU), deren außereheliches Verhältnis bewusst publik gemacht wurde.

Solche Fälle bewusst lancierter Skandale sind jedoch eher die Ausnahme. Und selbst im konservativ-katholischen Bayern führen außereheliche Liebschaften nicht zwangsläufig ins politische Aus, wie sich 2007 bei Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) zeigte, als seine Affäre nebst unehelicher Tochter bekannt wurde. Ein Jahr später wurde Seehofer trotzdem bayerischer Ministerpräsident.

Doch die öffentliche Nachsicht kennt auch Grenzen. Diese Erfahrung musste der frühere schleswig-holsteinische CDU-Vorsitzende Christian von Boetticher machen, als 2011 eine inzwischen beendete Affäre mit einer 16-jährigen und damit minderjährigen Schülerin publik wurde. Als Fraktions- und Landesvorsitzender sowie Spitzenkandidat war von Boetticher nicht mehr zu halten. Er musste von allen Ämtern zurücktreten. Zum politischen Sex-Skandal taugt letztlich eben nur das, was der Durchschnittsbürger auch in seiner Nachbarschaft als moralisch verwerflich einstufen würde.

Homosexualität Einen Sonderfall in der Geschichte der echten und vermeintlichen Sex-und Liebesskandale spielt das Thema Homosexualität. Einen besonders drastischen Fall erlebte die Bundesrepublik 1983 mit der vorzeitigen Entlassung des Vier-Sterne-Generals Günter Kießling wegen dessen angeblicher Homosexualität. Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) entließ Kießling mit der Begründung, er sei erpressbar und somit ein Sicherheitsrisiko. Der Fall löste im Bundestag und in der Öffentlichkeit eine breite Debatte über die Frage aus, worin eigentlich der Zusammenhang zwischen Homosexualität und Erpressbarkeit beziehungsweise Eignung zur Führung liegt. Kießling wurde 1984 schließlich rehabilitiert, wieder in den Dienst übernommen und schließlich mit allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet.

Rund 20 Jahre nach der Kießling-Affäre bekannte sich mit Klaus Wowereit (SPD) dann erstmals ein deutscher Spitzenpolitiker öffentlich zu seiner Homosexualität. "Ich bin schwul - und das ist auch gut so!", sagte er im Juni 2001 bei seiner Nominierung als Spitzenkandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Und spätestens mit den Outings von Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wenige Jahre später taugte Homosexualität endgültig nicht mehr zur Skandalisierung in der deutschen Politik.

Staatsräson Doch ob Skandal oder nicht, die Frage nach dem "Wer mit wem" erregt bei Politikern seit jeher die Gemüter. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Liebes- und Sexleben der Mächtigen gar Teil der Staatsräson. In den Monarchien und Aristokratien Europas wurde über Jahrhunderte aus dynastischen und machtpolitischen Gründen geheiratet und Nachwuchs gezeugt. Für die Habsburger wurde "Tu felix Austria nube!" ("Du glückliches Österreich heirate!") gar zum Leitsatz ihrer Politik, das Reich nicht durch Eroberungen, sondern durch eine geschickte Heiratspolitik zu vergrößern. Das Fehlen eines legitimen Thronfolgers führte im schlimmsten Fall gar zu kriegerischen Auseinandersetzungen wie im Fall des Spanischen oder des Pfälzischen Erbfolgekrieges. Nachwuchs war an den Fürsten- und Königshöfen geradezu existenziell. So erscheint es heute wie ein Nachhall aus vergangenen Zeiten, wenn in Großbritannien Prinz William und seine Ehefrau Kate im April 2018 nur wenige Stunden nach der Entbindung ihr drittes Kind der Öffentlichkeit präsentierten.

Öffentliches Interesse weckte allerdings nicht nur das offizielle Ehe- und Familienleben gekrönter Häupter. Europas Potentaten machten in der Regel keinen Hehl daraus, dass sie Liebe und sexuelles Vergnügen außerhalb des ehelichen Schlafgemachs suchten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde dies regelrecht institutionalisiert. Die Mätresse wurde zum offiziellen Amt bei Hofe, ausgestattet mit eigener Wohnung und Zahlungen aus der Staatskasse. Als ideale Kandidatinnen galten junge, schöne und gebildete Frauen, die den Herrschern nicht nur körperliches, sondern auch intellektuelles Vergnügen bereiten sollten. Oftmals entstammten sie dem niederen Adel oder dem Bürgertum, waren aber alles andere als Opfer royaler Begierden. Im Gegenteil: Das Mätressentum versprach sozialen Aufstieg, Reichtum, Macht und Einfluss bei Hofe. Mätressen wie Madame de Pompadour verewigten sich gar in den Geschichtsbüchern. Mitunter führte der Weg über das königliche Bett sogar bis zum Traualtar, wie etwa im Fall König Ludwig XIV., der nach dem Tod seiner Ehefrau, Königin Marie Therese, einer seiner zahlreichen Geliebten, die Marquise de Maintenon, heiratete.

Vertauschte Rollen So normal das schillernde Liebesleben der Herrschenden empfunden wurde, zur Skandalisierung genutzt wurde es dennoch - vor allem, wenn die Rollen von Mann und Frau vertauscht waren. Selbst eine so beeindruckende Herrschergestalt wie Katharina die Große musste bereits zu Lebzeiten Hohn und Spott wegen ihres angeblich unersättlichen Hungers auf Männer über sich ergehen lassen. Bis heute beflügelt die russische Zarin so manch erotisches Kopfkino, soll sie doch Liebhaber in Kompanie-Stärke verschlissen haben. Mit der Realität haben diese Skandal-Geschichten jedoch wenig zu tun. Das Liebesleben der Monarchin unterschied sich kaum von dem ihrer männlichen Kollegen in Europa, bot ihren Gegnern im Ausland aber ausreichend Motive für zotige Texte oder Karikaturen. Katharina selbst nahm es gelassen. Als ihr im Alter von 63 Jahren ein französisches Flugblatt präsentiert wurde, das von "unerhörten Orgien und wilden Ausschweifungen in den Kellern des Winterpalastes" fabulierte, quittierte sie dies mit der Bemerkung: "Wie köstlich hätten wir uns dort amüsieren können, wenn wir das gewusst hätten."

Unter umgekehrten Vorzeichen schrieb Elisabeth I. von England Geschichte. Sie inszenierte sich trotz vermuteter Affären erfolgreich als "virgin queen", als jungfräuliche Königin, die unzählige Heiratsanträge aus dem In- und Ausland ablehnte. "Schließlich soll es mir genügen, wenn auf meinem Grabstein steht, dass eine Königin so und so lange regiert hat und als Jungfrau lebte und starb!", beschied sie dem englischen Parlament, als dieses die Monarchin einmal mehr zur Ehe mit Aussicht auf Nachwuchs in der Thronfolge drängte.

Elisabeths inszenierte Jungfräulichkeit ist nicht ohne Ironie, hatte sich doch ihr Vater einen selbst für seine Zeit skandalösen Ruf erworben. Nebst unzähligen Geliebten führte Heinrich VIII. gleich sechs Ehefrauen ins königliche Schlafgemach. Zwei von ihnen schickte er aufs Schafott und trennte sich von zweien durch Annullierung der Ehe. Dafür nahm der katholische Monarch gar die Exkommunikation durch den Papst und eine weitere Kirchenspaltung in Kauf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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