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GrenzerfahrunG
Lisa Brüßler
Verbotene Liebe

Immer unentdeckt bleiben, komische Blicke, Anfeindungen - dass Liebe keine Grenzen kennt, ist für viele Paare nicht mehr als ein Kalenderspruch

Der will doch nur dein Geld". "Du bist seine Fahrkarte nach Deutschland". "Nicht, dass der vom IS ist" - Sprüche wie diese hat Vanessa Franke in ihrer Heimatstadt Kassel öfter zu hören bekommen. Im Sommer 2015, im Urlaub auf der Sinai-Halbinsel, lernte sie den heute 31-jährigen Rifo kennen. Rifo heißt eigentlich Refaat Mohammed, ist Masseur und kommt aus Assuan. In Berge von Handtüchern eingepackt, brachte er ihr bei einer Massage eine Tasse ägyptischen Tee. "Zu dem Zeitpunkt war ich schon seit fünf Jahren nicht mehr in einer Beziehung. Ich hätte mir nichts weniger vorstellen können, als mit einem Moslem mit arabischen Wurzeln und dunkler Haut, der auch noch kleiner ist als ich, zusammen zu sein", erinnert sich die 37-Jährige. "Aber bei genau dem hat es Zoom gemacht."

Dass Liebe nicht einfach ist, ist eine Binsenweisheit. Manche Liebende müssen aber Widerstände, Hürden und Grenzen überwinden, die deutlich stärker sind als bei anderen Paaren. Eine Beziehung abseits des Mainstreams erfordert vor allem eines: Mut. So eine Liebe leben auch Vanessa und Refaat: Sie ist nicht verboten, nur sehr, sehr kompliziert.

Wie schwierig es werden würde, eine Beziehung zu führen, das war ihnen nicht bewusst. Sich regelmäßig sehen? Fehlanzeige. Das ging immer nur dann, wenn Vanessa genug Geld für die Flugtickets zusammen hatte. Drei Mal zwei Wochen miteinander in dreieinhalb Jahren - das ist nicht viel. Auch Rifo konnte sie nicht in Deutschland besuchen, denn dafür hätte sie finanziell bürgen müssen. Mindestens genauso schwer wie die geographische Grenze wogen auch die Probleme, die das Umfeld mit dem jeweiligen Partner hatte: "Auch wenn ich selbst noch gar nicht genau wusste, was daraus wird, wussten alle um mich herum, dass eine Beziehung zu einem Masseur aus Ägypten wohl nichts Ernstes sein kann", erinnert sich Vanessa. Also sagte sie nichts: Wenn Bekannte nachfragten, wie lange sie ihn schon kenne, sagte sie, das bleibe ihr Geheimnis.

Aus Frau Franke wird Frau Mohammed

Für ihren Bekanntenkreis hatten sich die Vorurteile nach drei Jahren Beziehung größtenteils erledigt. "Aber Rifo bekommt noch heute oft zu hören, warum er sich nicht eine Frau aus Ägypten ausgesucht hat", erzählt sie. Zwei seiner zehn Geschwister kennt sie persönlich, sonst gibt es nur telefonischen Kontakt mit seiner Familie. Die erste Zeit hatte sie noch in Erwägung gezogen, nach Ägypten zu gehen: "Als Touristin wirst du wie eine Prinzessin behandelt, aber als Partnerin eines Einheimischen wurde ich nicht mal mehr gegrüßt", erinnert sich Vanessa. "Das echte Leben dort finde ich ehrlich gesagt ziemlich furchtbar."

Also wuchs der Gedanke, dass Rifo zu ihr nach Kassel kommt. Doch er wollte eigentlich nicht nach Deutschland - Freunde hatten ihm erzählt, dass es Probleme mit Rassismus gibt. "Ich musste da viel Überzeugungsarbeit leisten", sagt Vanessa. "Er wusste ja gar nicht, dass hier viel bessere Löhne gezahlt werden oder dass man auch Urlaubsansprüche hat."

Aber jetzt soll erstmal aus Frau Franke Frau Mohammed werden, freut sich Vanessa und kann es selbst noch nicht ganz fassen. Vor allem dann, wenn sie an Dinge wie die Wohnungssuche mit neuem Namen denkt. Momentan ist das Paar aber erstmal dabei, alle für die Hochzeit benötigten Papiere zusammenzubekommen. "Das ist eine Qual in Ägypten. Wenn die sehen, dass er eine Deutsche heiraten will, geht es ohne Bestechung meist nicht weiter", sagt Vanessa. Termine beim Standesamt in Kairo und in der deutschen Botschaft sind für Ende März geplant. Danach will sie einen Antrag auf Familienzusammenführung für den Ehegattennachzug in Deutschland stellen - so zumindest der Plan. Doch dieser ist an viele Voraussetzungen geknüpft: Für ein erstes Visum muss das Paar neben der Heiratsurkunde und einer Reihe von Originaldokumenten etwa auch den Nachweis von Grundkenntnissen der deutschen Sprache vom Goethe-Institut erbringen. Für eine Aufenthaltserlaubnis müssen weitere Bedingungen erfüllt werden. Eine Menge gemeinsame Arbeit.

Keine gemeinsame Sprache Harte Arbeit war es auch, überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden. An Kommunikation war am Anfang nicht zu denken: "Außer 'Gute Nacht', 'umdrehen' und 'eine Stunde' konnte Rifo nichts auf Englisch sagen", erzählt Vanessa. Zurück in Deutschland übersetzte ein Freund von Rifo Vanessas Nachrichten an ihn. Sie begann ihr Englisch runterzuschrauben und brachte ihm die Sprache per Video-Call langsam bei - so wie er ihr mit dem Arabischen half. Meist finden die Anrufe jetzt in ihrer eigenen Misch-Masch-Sprache statt. Vor kurzem haben die beiden auch mit dem Deutschlernen angefangen: "Aber versuch mal jemanden per Videochat die Unterschiede zwischen 'sch', 'tsch' und 'ch' zu erklären", sagt sie und lacht.

Auch wenn Rifo noch lange nicht in Deutschland ist, macht sich Vanessa schon Gedanken, wie es dann sein wird. Der Alltag wird eine starke Umstellung für ihn werden. "Ich will nicht, dass er 'Ja' sagt, wenn er etwas nicht verstanden hat, weil er glaubt, die Kontrolle haben zu müssen", nennt sie einen kulturellen Unterschied. Denn auch hier gilt es, Grenzen zu überwinden. "Ich bin mir sicher, dass er hier Probleme mit Rassismus haben wird. Hinzu kommt, dass er nicht mehr der King ist, wie in Ägypten, sondern der schwarze Ausländer", befürchtet Vanessa. Aber dafür hat sie eine Idee: "Wenn er hier in einen Fußballverein geht, wird das vieles erleichtern und die Leute werden sehen, was ich an ihm so toll finde." Das ist zumindest der Plan.

Knackpunkt Herkunft Dass andere sehen, was Lina Papadopoulo an ihrer Partnerin Ricarda Fischer so toll findet, ist bei den beiden, die in Wirklichkeit anders heißen, nur sehr eingeschränkt möglich. Die 26-jährige Juristin ist gebürtige Griechin und lebt und arbeitet in München. Ihre Freundin Ricarda ist Deutsche. An der juristischen Fakultät der Universität lernte sie die ein Jahr ältere Doktorandin kennen. "Ich merkte schnell, dass da mehr ist als nur Sympathie, auch wenn das meine erste Beziehung mit einer Frau ist", erzählt Lina. Seit ein paar Monaten sind die beiden zusammen. Ricarda hatte schon einige Freundinnen und geht offen mit dem Lesbisch-Sein um. "Sie möchte natürlich wissen, wie ich aufgewachsen bin, wo ich herkomme und auch meine Familie kennenlernen", erzählt Lina. Doch genau da beginnen die Probleme. Denn ihre Beziehung ist in ihrer Heimat ein Tabu.

"Ich kann sie auf gar keinen Fall meiner Familie vorstellen und mich so als lesbisch outen", sagt Lina. Ihre Familie lebt auf der ländlich geprägten Halbinsel Peloponnes und ist eher konservativ eingestellt. Traditionen spielen eine große Rolle. "Die wissen gar nichts über Homosexualität - das wird totgeschwiegen in meiner Heimat", erzählt Lina. Sexualität und Sexualaufklärung sind in Griechenland in der Schule kein Thema. Alles, was Jugendliche darüber wissen, wird über Geschwister, das Internet oder Freunde zusammengetragen.

Homosexuelle Freunde hatte sie nie. "Die Zahl der Beispiele von homosexuellen Pärchen in meiner Heimat ist sehr gering. Wenn überhaupt, geht es um Coming-Outs von Männern", berichtet sie. "Und das führt fast immer dazu, dass die Familie den Kontakt abbricht und derjenige sein familiäres Umfeld verliert und dazu oft auch noch seine Ansprüche auf ein Erbe", sagt Lina: "Es gib sogar die Möglichkeit, vor Gericht durchzusetzen, dass der Pflichtanteil bei einem Erbe nicht an das Kind, das sich geoutet hat, ausgezahlt wird. Das wäre auch in meinem Fall so", ist sie überzeugt. Sie glaubt aber, dass ihre Familie bisher nichts vermutet. "Ich bin sicher, dass sie sich nicht vorstellen können, dass man seine Präferenzen auch wechseln kann", sagt sie.

Persönliche Kämpfe Es ist ein Thema, das sie nur schwer mit Freundin Ricarda besprechen kann. "Wir sind in München ein ganz normales Paar. Ich habe hier kaum Bedenken, dass uns jemand sehen könnte", sagt Lina. Sie fühlt sich frei, denn auch die gemeinsamen Freunde machen es den beiden leicht. Keiner dreht sich um, wenn die beiden Händchen haltend durch die Stadt gehen. "Das ist undenkbar in meiner Heimat. Da reden alle übereinander", sagt Lina. Im Sommer würde sie Ricarda gern mal mitnehmen auf den Peloponnes - nur wie?

"Wenn du in meiner Heimat mit 30 noch nicht verheiratet bist, heißt das, es gibt ein Problem mit dir", erklärt Lina. Viele Menschen hätten eine ganz bestimmte Vorstellung, wie ihr Leben auszusehen habe: "Für mich ist das Bild der erfolgreichen Juristin mit Mann und Kindern vorgesehen", sagt sie. Es ist ein persönlicher Kampf für sie, zu lernen, nicht die Vorstellungen anderer Menschen über ihre Zukunft zu erfüllen, sondern ihre eigenen, sagt sie. "Die Situation wäre vielleicht anders, wenn ich als erfolgreiche Anwältin in einer hohen Position nach Griechenland zurückkäme. Dann würde sich keiner trauen zu betonen, dass ich lesbisch bin", überlegt sie.

Doch das könnte noch einige Jahre brauchen. In Griechenland gibt es keine Erhebungen zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Der Mikrozensus 2017 geht für Deutschland von 112.000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aus, von denen 53.000 eingetragene Lebenspartnerschaften sind. Die Mehrheit dieser Gemeinschaften und Partnerschaften bestehen zwischen Männern. Diese Zahl gilt als untere Grenze - die tatsächliche Anzahl liegt wohl deutlich darüber. Selbst wenn Lina und Ricarda in Deutschland heiraten würden, würde das bedeuten, dass ihre Ehe in Griechenland nicht in dieser Form anerkannt wird. "Ich glaube, für Ricarda wäre es leichter, eine Frau aus Deutschland kennenzulernen - auch was das Thema Kinder angeht", sagt Lina nachdenklich. "Meine Herkunft ist da wirklich ein Problem".

Differenziert katholisch Mit Heimlichkeiten kennt sich auch Hans-Jörg Witter aus. Denn nicht nur die Herkunft oder gesellschaftliche Normen können gegen eine Liebe sprechen, sondern auch festgelegte Regeln und strikte Verbote. Wie das Zölibat. Weil der ehemalige katholische Priester die Härte der Kirche selbst erlebt hat, berät er seit 2016 als Vorsitzender der "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frau e.V." Betroffene. "Die Probleme, die Priester heute haben, die sich für eine Familie entscheiden wollen, sind ähnlich wie damals bei mir", sagt Witter. Die Vereinigung schätzt, dass mehrere tausend verheiratete Priester in Deutschland leben. "Allein 2018 habe ich elf Priestern Tipps gegeben, wie sie am besten das Thema bei ihrem Bischof ansprechen", erzählt Witter. Wie es danach weitergehe, das sei auch heute immer noch eine Einzelfallentscheidung.

Liebe und der berufliche Abstieg Witter selbst trat als 19-jähriger Novize Mitte der 1980er Jahre dem Kapuziner-Orden bei. Aus Hans-Jörg wurde Bruder Raymund. Um den Bauch trägt er fortan eine Kordel, die ihn an die drei Gelübde Gehorsam, Armut und Enthaltsamkeit erinnern soll. "Gehorsam und Armut waren nie ein Problem für mich. Ich habe mich in der Gemeinschaft intellektuell und interkulturell sehr gut entwickeln dürfen, hatte ein riesiges Netzwerk und wurde gefördert", erzählt er. Bruder Raymund schätzt die Internationalität der Kirche. Seine Missionszeit verbrachte er in Mexiko und Brasilien.

Es war das dritte Gelübde, das zum Problem werden sollte: Während seines Studiums in kirchlicher Dogmatik und Missionswissenschaft in Sao Paolo lernte er seine heutige Frau kennen, die dort Theologie studierte. "Das Verlieben ist einfach so passiert", sagt Witter. "Im ersten Moment haut das einen natürlich aus den Schuhen", erzählt er. An die Heimlichkeiten gewöhnte er sich in den zwei Jahren Beziehung: "Trotzdem war das eine extrem belastende Zeit. Auch wenn Sao Paolo natürlich riesig ist, war da immer die Gefahr, entdeckt zu werden", erinnert er sich. Als seine Freundin ungewollt schwanger wurde, musste Witter handeln: Er entschied sich, dem Orden von seinem Kind zu berichten.

Die Pflicht zum Zölibat besteht seit dem Zweiten Laterankonzil in 1139. Wie in solchen Fällen üblich bot der Orden an, den Unterhalt für das Kind zu zahlen, wenn er sich im Gegenzug von der Frau trenne. Für Witter keine Option: "Natürlich wollte ich meine Tochter, aber ich war mir damals absolut nicht sicher, ob ich auf Dauer eine Beziehung eingehen will", sagt er. Der Orden räumte ihm etwas Zeit für die Entscheidung ein. Er holt sich psychologische Hilfe. In der Zeit wird ihm klar, dass er ohne eine gelebte Beziehung und ein erfülltes Sexualleben nicht leben möchte.

Zwischen IT und Kirche Eine Erkenntnis, die noch für große Enttäuschung sorgen sollte. "Als ich kommuniziert habe, dass ich mich für meine Familie entscheide, wurde ich fallen gelassen", sagt Witter. Es folgte seine Suspendierung als Priester. "Im kirchlichen Dienst durfte ich außer ehrenamtliche Tätigkeiten nichts, aber auch gar nichts mehr machen", sagt er. Die Kirche fasse Liebe in diesem Sinn als selbstverschuldeten Verstoß, als Gesetzesbruch auf, der bestraft werden müsse. Ein Schnitt, der tief sitzt bei ihm.

"Ich bin beinhart katholisch. Konvertieren kam nicht infrage für mich", sagt er. An seiner Religion zweifelte der 54-Jährige aus Oberhausen nie, schon eher an der Institution. Es war der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der ihn dazu brachte, sich öffentlich gegen das verpflichtende Zölibat auszusprechen und in der Vereinigung aktiv zu werden. "Was mich besonders ärgert ist, dass uns die Kirche abgestraft und entlassen hat, aber gleichzeitig Missbrauchstäter gedeckt und behalten hat", kritisiert Witter. "Die Institution stellt ihr Wohl über das Wohl der Kinder. Ob bei Missbrauchsfällen oder wenn sie Familien dazu zwingt, dass Kinder ihre Väter nicht kennen oder nicht über sie sprechen dürfen", sagt Witter. Für ihn widerspricht das allem, was die Kirche verkündet. "Es mag Menschen geben, die das Zölibat einhalten können, aber der größte Teil - egal, ob homo- oder heterosexuell, ist dazu nicht in der Lage oder nur unter sehr großen Anstrengungen", da ist sich Witter sicher. Seit dem Missbrauchsskandal denkt er viel darüber nach, wie die Kirche eine Körper- und sexualitätsbejahende Lebensweise angehen kann.

Denn mit der Entscheidung für die Familie verlor Witter seinen Beruf und seine Berufung. Durch die Auslandstätigkeit war da zudem keinerlei Anspruch auf Arbeitslosengeld. Hilfe von der Kirche? Fehlanzeige. Also hielt er die junge Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser und begann eine Umschulung zum IT-Berater in der Personalwirtschaft: "Ich verdiene in meinem Job relativ gut. Aber klar, es ist nicht das, was meine Berufung ausmacht", sagt Witter. Denn auch heute noch würde er lieber mit Menschen über Spiritualität sprechen, anstatt sich mit Systemmodulen und Personalprozessen zu beschäftigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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