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Philipp Gessler
Der Sündenfall

Tausende Kinder sind von katholischen, aber auch evangelischen Priestern sexuell missbraucht worden. Die Aufarbeitung fällt den Kirchen schwer

Ich kann dich nicht brauchen." Es gibt Sätze, die sich auch fast neun Jahre nach Beginn der Aufklärung des epochalen Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche der Bundesrepublik ins Gedächtnis brennen. Ein Mann, mittlerweile Mitte 70, hat diesen Satz Ende der 1950er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Kind gehört, wie er Anfang Oktober dem heutigen Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, berichtet hat. Der um Anonymität bittende Mann war vor rund 60 Jahren Messdiener. Den Satz vernahm der Junge damals aus dem Mund von einem Vorgänger Wilmers im Hildesheimer Bischofsamt: Heinrich Maria Janssen, der von 1957 bis 1982 der Oberhirte der norddeutschen Diözese war und 1988 starb. Davor hatte sich der Messdiener nackt vor Bischof Janssen ausziehen müssen. Aber was er sah, gefiel dem Oberhirten offenbar nicht. Dieses Mal kam es zu keinem sexuellen Missbrauch. Unbrauchbar.

Aber der Messdiener wurde dennoch immer wieder durch Lehrer und Geistliche in den früheren Hildesheimer Kinderheimen Bernwardshof und Johannishof missbraucht. Die Berichte über das erschütterndes Schicksal des einst missbrauchten Mannes sind für die katholische Kirche Deutschlands zugleich eine weitere Eskalationsstufe im nun schon Jahre anhaltenden Skandal: Janssen ist der erste deutsche Bischof, dem sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige vorgeworfen werden. Und es gibt keinerlei Grund, an den Schilderungen des früheren Ministranten zu zweifeln. Denn schon 2015 hatte ein anderer ehemaliger Messdiener ähnliche Vorwürfe gegenüber Bischof Janssen geäußert. Der habe ihn sogar über mehrere Jahre, von Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre, immer wieder sexuell missbraucht. Nicht als Entschädigung, aber als Anerkennung seines Leids hat ihm das Bistum mittlerweile 10.000 Euro gezahlt.

"Es zerreißt mir das Herz angesichts dessen, was der Betroffene uns mitgeteilt hat", sagte Wilmer öffentlich. Der heutige Bischof von Hildesheim hatte sich schon Mitte Oktober für eine externe Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in seinem Bistum ausgesprochen und, noch brisanter, seinem Vorvorgänger Josef Homeyer in Sachen Missbrauch durch Geistliche in seinem Bistum Versagen und Vertuschung vorgeworfen. Homeyer (1929 - 2010) war von 1983 bis 2004 Bischof von Hildesheim. Bischof Hilmer betonte: "Sexualisierte Gewalt ist kein Versagen, sondern ein Verbrechen. Das verlangt Aufklärung sowie klares und konsequentes Handeln von uns."

Nur die Spitze eines Eisbergs Konsequentes Handeln hatten schon die unabhängigen Wissenschaftler gefordert, die im Auftrag der deutschen katholischen Bischöfe Ende September in Fulda ihre über Jahre erstellte Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Bundesrepublik vorstellten. Die Zahlen: 1.670 Kleriker, die laut Aktenlage Missbrauchstaten vorgenommen haben, 3.677 missbrauchte Kinder und Jugendliche in den vergangenen sieben Jahrzehnten.

Aber die Zahlen dürften in Wirklichkeit weit höher liegen. Das muss man auch für die Quote der Täter im geistlichen Stand annehmen, rechnerisch 4,4 Prozent. Das "Dunkelfeld" aber sei riesig. Die Forscher schreiben ausdrücklich: "Die ermittelte Quote ist die Spitze des Eisbergs, dessen tatsächliche Größe unbekannt ist."

Ein Anhaltspunkt sind ähnliche Studien in den katholischen Kirchen etwa der USA oder Australiens. Demnach ist eher eine Quote von sieben oder mehr Prozent missbrauchender Geistlicher zu vermuten. Die Unsicherheit bei den Zahlen liegt darin begründet, dass die Studie zentrale Schwächen hatte, denen sich die Forscher gleichwohl bewusst waren: Es wurden eben nicht alle Akten gesichtet. Die Beobachtungstiefe der genutzten Personalakten reichte lediglich bei zehn der 27 deutschen Bistümer bis zum Jahr 1946 zurück. Außerdem gab es eine Vorauswahl durch die Diözesen. Schlimmer noch: Einige der über 38.000 ausgewerteten Akten sind offenbar zuvor manipuliert worden. Vieles wurde in den vergangenen Jahrzehnten bewusst vernichtet.

Das auf den ersten Blick Erstaunliche ist aber, dass sich die Fachleute, die die Missbrauchsstudie verfasst haben, trotz dieser eher wackligen Datengrundlage recht zufrieden mit der Untersuchung zeigten: Denn es ging sowohl ihnen wie den beauftragenden Bischöfen vor allem darum, spezifische Strukturen aufzuzeichnen, die den Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche in der katholische Kirche der Bundesrepublik begünstigten. Es ging eher um Strukturen als um Zahlen, eher um das Verstehen des Skandals als um erneut geäußertes Mitgefühl für die Opfer - von solchen Worten haben diese sowieso in den vergangenen Jahren so viel erhalten, dass sie das nicht mehr überzeugen kann, so lange sie nicht eine wirkliche Entschädigung erhalten und ernsthafte Konsequenzen in der katholischen Kirche beobachten können.

Einer der brisantesten Analysen der Studie betrifft einen Kernpunkt des katholischen Priesterbildes: "Die Verpflichtung zu einem zölibatären Leben könnte Priesteramtskandidaten mit einer unreifen und abgewehrten homosexuellen Neigung als Lösung innerpsychischer Probleme erscheinen, die zusätzlich die Aussicht auf ein enges Zusammenleben ausschließlich mit Männern zumindest während der Priesterausbildung mit sich bringt", schreiben die Wissenschaftler in ihren Ausführungen. Und weiter: "Insoweit könnten spezifische Strukturen und Regeln der katholischen Kirche ein hohes Anziehungspotential für Personen mit einer unreifen homosexuellen Neigung haben."

Zugleich stellten die Forscher fest: Der "Klerikalismus" in der katholischen Kirche sei gefährlich. Er könne als ein "ein hierarchisch-autoritäres System" auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen, "nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position inne hat". Das haben Folgen bezüglich des sexuellen Missbrauchs. Denn der sei "ein extremer Auswuchs dieser Dominanz". Und, das weiß man schon länger, sexueller Missbrauch sei "vor allem auch Missbrauch von Macht".

Missbrauch auch bei Evangelischen Nun gibt es keinen Zölibat in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) - und Klerikalismus ist einer Kirche, die theologisch das "Priestertum aller Gläubigen" betont, eher fremd. Aber natürlich gibt es auch Macht in der evangelischen Kirche der Bundesrepublik. Und es war ebenfalls bei ihr in den vergangenen Jahrzehnten Missbrauch zu vermelden. Auf der EKD-Synode Mitte November 2018 in Würzburg redete die Sprecherin des Beauftragtenrats der Landeskirchen zum Thema Missbrauch, Kirsten Fehrs. Sie ist Bischöfin in Hamburg und sprach von 479 "Fällen", die mittlerweile im Raum der EKD für die vergangenen Jahrzehnte nachweisbar seien. Aber auch hier ist klar: Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit sehr viel größer.

Die protestantischen Spezifika bei diesen Verbrechen sind nach einer erster Einschätzung der Bischöfin Fehrs: Zwei Drittel der Betroffenen lebten in Heimen der Diakonie, also in den sozialen Einrichtungen der evangelischen Kirche der Bundesrepublik Deutschland. Aber das Ganze muss noch tiefer erforscht werden. Dazu sollen nun zwei Studien im Auftrag der EKD erstellt werden, ebenfalls durch unabhängige Wissenschaftler. Zum einen ist eine "Dunkelfeldstudie" geplant. Sie soll nach bisher unbekannten Fällen von sexuellem Missbrauch suchen. Eine zweite Studie schließlich soll "Risikofaktoren speziell der evangelischen Kirche" herausarbeiten - und zwar solche, die "systematisch bedingt" seien.

Dazu gehören nach Aussage der Bischöfin etwa die Gefahren der dezentralen Strukturen der evangelischen Kirche und unklare Zuständigkeiten, beispielsweise bei Verdachtsfällen von sexualisierter Gewalt. Auch die häufige Vermischung von Privatem und Dienstlichem in den protestantischen Kirchen mit ihrer besonderen Tradition des evangelischen Pfarrhauses spielen womöglich eine Rolle. Schließlich soll es eine zentrale Ansprechstelle der EKD für alle Menschen geben, die sexualisierte Gewalt im Raum der evangelischen Kirche melden wollen. Für die beiden Studien und die Anlaufstelle sind im EKD-Haushalt erst einmal 1,3 Millionen Euro vorgesehen.

Klar ist schon jetzt: Auch wenn nach dem ersten Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bereits knapp neun Jahre vergangen sind, steht die Aufarbeitung immer noch am Anfang, solange nicht vor allem die Namen der Vertuscher mit Bischofsstab in den Archiven erforscht und veröffentlicht werden. Das ist die Aufgabe der Kirche.

Aber auch die Gesellschaft insgesamt hat eine Aufgabe, nicht nur auf Bundesebene: Noch Ende 2015 lehnte der Ortsrat Stadtmitte von Hildesheim eine Umbenennung der zentralen Bischof-Janssen-Straße ab - obwohl schon damals Vorwürfe gegen den früheren Oberhirten wegen sexualisierter Gewalt bekannt waren. Die Lokalpolitiker hielten damals die Missbrauchsvorwürfe nicht für zweifelsfrei bewiesen. Noch ist Bischof Janssen Ehrenbürger der Stadt Hildesheim.

Der Autor ist Redakteur der Zeitschrift "Zeitzeichen".

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