Inhalt

Aufarbeitung
Philipp Gessler
Viele Bistümer machen sich jetzt endlich auf den Weg

Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs; Johannes-Wilhelm Rörig, über den Einsatz der Kirchen

Herr Rörig, vor bald neun Jahren hat der Missbrauchsskandal in Deutschland mit den Enthüllungen zum Canisius-Kolleg in Berlin seinen Anfang genommen. Sind Sie mit dem Einsatz der Kirchen zur Aufarbeitung der Verbrechen zufrieden?

Wir müssen uns klarmachen, dass es in der Vergangenheit vor allem Betroffene waren, die die Aufarbeitung vorangetrieben haben - mit großem persönlichem Einsatz und viel erneutem Leid, weil ihnen oftmals nicht geglaubt wurde oder sie wie Bittsteller behandelt wurden. Institutionen- und Täterschutz standen lange vor Kinderschutz. Vermisst habe ich in den vergangenen Jahren, dass in Bistümern und Landeskirchen proaktiv Aufklärung und Aufarbeitung vorangetrieben wurden. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Kirchen die Missbrauchsfälle bisher eher als Taten Einzelner bewerteten und sich als Institutionen für den Missbrauch nicht verantwortlich fühlten. Heute wissen wir, wenn Missbrauch über so viele Jahrzehnte und in diesem Ausmaß stattfinden und vertuscht werden konnte, hat dies strukturelle Ursachen. Diese müssen jetzt genau untersucht werden, um mit diesem Wissen Kinder heute besser zu schützen.

Die katholische Kirche hat eine aufwendige Studie vorgelegt, musste aber zugleich einräumen, dass die dort vorgelegten Zahlen der Missbrauchsfälle wahrscheinlich um ein Vielfaches höher sind. Hat Sie diese Studie enttäuscht?

Diese Studie ist enorm wichtig. Die Ergebnisse sind erschütternd, auch vor dem Hintergrund, dass das Dunkelfeld sicher um ein Vielfaches größer ist. Aber wir haben nun eine Vorstellung über das Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Kleriker und Kirchenmitarbeiter in allen Bistümern. Für mich ist die Studie eine echte Zäsur. Viele Bistümer machen sich jetzt endlich von sich aus auf den Weg, sie entwickeln Strukturen zur Aufarbeitung und überlegen, wie sie Betroffene in die Prozesse einbinden können.

Haben Sie die Befürchtung, dass man es nun in der katholischen Kirche dabei belassen wird?

Die Studie ist noch keine Aufarbeitung. Das haben die Forscher immer wieder klar gemacht und das ist auch in der Kirche angekommen. Man kann sicher nicht bei allen Bistümern von Aufarbeitungseifer sprechen, aber einige sind jetzt doch sehr aktiv und machen deutlich, dass sie bereit sind, dranzubleiben und auch mit staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten. Der Ständige Rat hat Ende November aufbauend auf den Beschlüssen der Vollversammlung von Fulda im September wichtige Eckpfeiler der Aufarbeitung beschlossen. Jetzt geht es darum, einheitliche Standards zu erarbeiten - und zwar auch mit staatlicher Unterstützung. Der Staat hat tausende Kinder in die Obhut der Kirche gegeben, er trägt eine Mitverantwortung. Zu solchen Standards gehört zum Beispiel, wie Betroffene im Aufarbeitungsprozess achtsam beteiligt oder wie Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse, Akteneinsicht für Betroffene oder auch Fragen der Anerkennung und Entschädigung geregelt werden können. Im Moment führe ich verschiedene und bisher sehr positive Gespräche mit Kirchenvertretern, politischen Akteuren sowie den Mitgliedern der auf Bundesebene berufenen Aufarbeitungskommission und des Betroffenenrates. Nur durch die Einbeziehung staatlicher Stellen und externer Expertinnen und Experten kann Kirche Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu zurückgewinnen. Das haben auch die Bischöfe verstanden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich erst Anfang November 2018 dazu verpflichtet, ihre eigene Schuld in Sachen Missbrauch wissenschaftlich zu erkunden - kommt das zu spät?

Die evangelische Kirche ist viel dezentraler organisiert als die katholische. Das hat es in der Vergangenheit erschwert, Aufarbeitung systematisch anzugehen. In der evangelischen Kirche sind bisher weitaus weniger Fälle bekannt, umso wichtiger ist es, dass auch hier das Ausmaß jetzt erhoben und die Strukturen untersucht werden, die Missbrauch begünstigt haben oder noch begünstigen. Es wird höchste Zeit, dass sich auch die evangelische Kirche ihrer Verantwortung stellt. Alle 20 Gliedkirchen müssen in die Aufarbeitung einsteigen.

Wäre es nicht sowohl für die evangelische wie für die katholische Kirche Zeit für eine staatliche Untersuchung?

Wir haben in Deutschland andere Voraussetzungen dafür als zum Beispiel in den USA. Bei uns ist klar geregelt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft einen Anfangsverdacht benötigen, um ihre Ermittlungen aufzunehmen. Ich gehe davon aus, dass die Vorlage der MHG-Studie (siehe Beitrag oben) dazu führt, dass jetzt alle Bistümer mit den jeweiligen Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten, um herauszufinden, welche Vorfälle noch nicht verjährt und auch noch nicht zur Anzeige gebracht wurden. Regularien beider Kirchen sehen übrigens mittlerweile vor, dass bei Vorliegen eines Verdachts eine Strafanzeige gestellt werden muss.

Welche großen gesellschaftlichen Institutionen stehen noch ganz am Anfang der Aufarbeitung von Missbrauch in ihren Reihen? Wer müsste jetzt die Sache besonders dringend anpacken?

Alle Organisationen und Einrichtungen, denen Kinder und Jugendliche anvertraut sind, sollten sich Gedanken machen, ob es möglicherweise in der Vergangenheit Fälle gab, die unter den Tisch gekehrt und nicht analysiert wurden, um daraus wichtige Schlussfolgerungen für die Prävention zu ziehen. Ich denke hier vor allem an den organisierten Sport. Nirgends außerhalb der Schule sind so viele Kinder und Jugendliche aktiv. Ich denke aber auch an Einrichtungen der Behindertenhilfe. Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigungen sind eine höchst gefährdete Gruppe. Auch Heime, Internate, Jugendfreizeiten oder Orte der musikalischen Erziehung können Orte sexueller Übergriffe sein. Ich hoffe sehr, dass es in den kommenden Jahren gelingt, dass Schutzkonzepte in allen Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, fester Qualitätsstandard sind.

Das Gespräch führte Philipp Gessler.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag