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DER FLEISCHBOTSCHAFTER
Lisa Brüßler
Du bist, was du isst

»Nichts berührt mich so wie das Stück Heimatfleisch«

Dort wo Thomas Müller aufgewachsen ist, gab es nicht so etwas wie eine "Grillsaison". In Idar-Ober-stein im Hunsrück wurde ganzjährig und fast täglich gegrillt. Grillen war ein soziales Event. "Wir hatten eine selbstgemauerte Grillstelle mit Buchenholzfeuer, auf der das Fleisch auf einem Rost geschwenkt wurde - da entwickelte es einen ganz eigenen Geschmack", erzählt der 33-Jährige. Spezialität der Region und Leibgericht des IT-Beraters ist der örtliche Spießbraten. Weil die Mutter aus dem einen, der Vater aus dem anderen Ortsteil kommt, ziehen zwei Zubereitungsarten in die fleischaffine Familie ein. Müller lernt beide schon als Kind. Die Frage, wo das Fleisch herkommt und wer es gewürzt hat, ist wichtig in der Familie: "Wir sind irgendwann nach Koblenz umgezogen und ich erinnere mich, dass wir trotzdem regelmäßig in die alte Heimat gefahren sind, um Fleisch beim Metzger unseres Vertrauens zu kaufen, weil wir in Koblenz keinen fanden", sagt er.

Als er 2006 zum Studium der Wirtschaftsinformatik nach Köln kam, wurde die Auswahl noch dünner: Doch seine Faszination für Fleisch blieb. Er begann sich Wissen anzulesen, Metzger, Fleischer und Köche auszufragen. Als 2010 der Hype um Burger aufkam, begann er einen Blog darüber. Eine weitere Begeisterung war geboren, als ihm Freunde zum Geburtstag ein Steak für 50 Euro schenkten. Am Etikett konnten Rasse, Herkunftsland und sogar die genaue Region und wie das Tier gefüttert wurde abgelesen werden. "Erst dachte ich 'Was ein Preis', aber die Qualität hat mich total beeindruckt und angefixt", erinnert er sich. Seit Ende 2016 erweiterte sich sein Blog auf das gesamte Thema Fleisch und er sicherte sich den Titel "Fleischbotschafter" und die Domain dazu. Seitdem darf für ihn ein 300g-Steak ohne Beilagen auch mal 50 Euro kosten. Allerdings geht er kaum noch Steak essen: "Wenn ich ein Steak zuhause zubereite, stecke ich so viel Liebe da rein und brate es von allen Seiten perfekt, das macht nicht mal ein Sternekoch", sagt Müller. Inzwischen interagiert er als Fleischbotschafter mindestens drei Stunden täglich mit der weltweiten Food- und Grillszene in den Sozialen Netzwerken. "Meine Community wuchs sehr schnell und mittlerweile schule ich auch kleine Metzger im Umgang mit Sozialen Netzwerken", erzählt er. Jeden Tag trudeln Mails bei ihm ein, die ihm um seine Expertise zum Thema Fleisch bitten. "Manche wollen auch bei mir reservieren, um zu essen, oder mich als Grillmeister für Hochzeiten buchen, obwohl ich das gar nicht mache", sagt er. Er versteht sich eher als Botschafter, der Leute zusammenbringt und empfiehlt einen befreundeten preisgekrönten Grillmeister.

"Ich esse schon sehr gerne Fleisch, aber nicht jeden Tag", sagt Thomas. "Meine Tiefkühlfächer sind eigentlich immer voll, sodass ich das Fleisch, das ich für Tests bekomme, auf die Truhen von Freunden verteile." Auch wenn er oft und mehr Fleisch esse als der Durchschnittsbürger, versuche er, kleinere Portionen zu essen. Seine Blutwerte lässt er regelmäßig kontrollieren. "Es ist schon vorgekommen, dass mir der Arzt empfohlen hat, mal öfters ein Stück Fleisch zu essen", sagt er. "Mir ist sehr klar, dass wir nicht so weitermachen können mit dem Fleischkonsum, wie es jetzt ist", sagt Müller. Es ist ihm ein Anliegen, 100 Prozent der Tiere zu verwerten. Deswegen will er Menschen ermuntern, wieder den Metzger des Vertrauens zu finden. "Innerhalb von 15 Jahren ist die Zahl der Metzger in Köln von über 100 auf 35 gesunken", berichtet Müller. Das gibt ihm zu denken, weil nur noch wenige Handarbeit machen.

Dass das Thema Grillen in Deutschland sehr angesagt ist, sieht der 33-Jährige auch kritisch: "Viele Anbieter von Grillkursen sind schon im Winter über Monate im Voraus ausgebucht und es gibt meilenweite Unterschiede", sagt er. Er setzt weniger auf Masse als darauf, Fleisch zu genießen und das auch zu zelebrieren. Mit einem Promotion-Fleisch-Truck ist er manchmal auf Festivals unterwegs: "Die meisten Menschen dort finden das Fleisch lecker, aber wenn sie hören, dass vier kleine Streifen sechs Euro oder mehr kosten, sind sie geschockt", berichtet er. Manche sagen aber auch, dass es ihnen das Wert wäre. Das ist sein Konzept: "Du musst die Leute anfixen und ihren Geschmack durch qualitativ hochwertiges Fleisch versauen", erklärt er. Also versucht er, Menschen so zu beeinflussen, dass immer weniger schlechtes Fleisch essen wollen.

Doch das gefällt nicht allen: "Ich bekomme jeden Tag Nachrichten von Menschen, die mich beschimpfen oder sich wünschen, dass ich auch geschlachtet werde wie die Tiere", erzählt er. Meistens lässt ihn das eher kalt: "Die haben mein Anliegen und meine Botschaft überhaupt nicht verstanden", sagt er. Ihn würde mehr Dialog freuen: "Ich finde Veganer und Vegetarier sehr interessant, weil sie ihre Speisen besser würzen als Fleischesser und sich oft mehr Mühe geben, etwas geschmacklich zu erreichen." Gleichwohl gehören für ihn in den Sozialen Medien auch etwas provokantere Titel dazu. Sein Video "Wie aus Bambi Wurst wird" erreichte schnell hunderttausende Klicks. "Wenn ich die Reichweite sehe, denke ich manchmal, dass ich das öfters machen sollte, aber wenn dann ein Shit-storm losgeht, muss man abwägen, ob es das wert ist", sagt Müller.

Obwohl er auf Recherchetour in Amerika und Japan gewesen ist und die Steaks aus Nebraska und vom Kobe-Rind ihn beeindruckten, bleibt eines unangetastet: "Es gibt einfach nichts, das mich so anspricht und berührt wie das Stück Heimatfleisch."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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