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DIAGNOSE ZÖLIAKIE
Lisa Brüßler
Du bist, was du isst

»Ich sehe mir jede Verpackung im Supermarkt genau an«

Wenn Natascha Schneehain heute nur mal kurz in den Supermarkt einkaufen geht, braucht sie dafür keine Stunde mehr. 2012 sah das noch ganz anders aus: Die damals 22-Jährige bekommt die Diagnose Zöliakie - Glutenunverträglichkeit. Und das bedeutet: Verpackungen studieren, Inhaltsstoffe merken und Produkte identifizieren, die ungefährlich sind. "Ich habe mir angewöhnt, wirklich auf jede Verpackung genau draufzuschauen, weil manchmal Lebensmittel betroffen sind, bei denen man es überhaupt nicht vermutet", erzählt sie. Schon als sie noch ein Kind war, hieß es immer 'Ja, die Natascha und ihr Bauch'. Dass die Problemchen auch die Autoimmunerkrankung bedeuten konnten, daran dachte damals niemand. Eine Blutuntersuchung und eine Magenspiegelung, die ein Arzt wegen des dauerhaft niedrigen Eisenwertes anordnete, brachte dann die Gewissheit. Bis die endgültige Diagnose kam, vergingen allerdings drei Jahre - die vor allem Bauchschmerzen nach dem Essen bedeuteten. "Ich hab damals eher die zu fettige Soße oder den Belag in Verdacht gehabt als die Nudeln und das Brot", erinnert sich Schneehain.

Gluten ist ein Getreidebestandteil in Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Dinkel, Grünkern und im Urgetreide. Aber auch viele verarbeitete Lebensmittel enthalten die Klebereiweiße als Hilfsstoffe: Wurst und Fleischwaren, Teigwaren, Frisch- und Weichkäse, Eis, Fruchtshakes, Fertiggerichte und panierte Lebensmitteln - in allen versteckt sich Gluten. Lässt der Betroffene diese Produkte weg, können sich die dauerhaft entzündete Dünndarmschleimhaut und die Darmwände erholen und Nährstoffe werden wieder richtig aufgenommen.

Glück und Schwierigkeit zugleich ist Schneehains Beruf: Die 29-Jährige ist Ökotrophologin und arbeitet mit essgestörten Menschen. Ihr Arzt sagte daher frei heraus: "Na dann können Sie sich ja selbst therapieren!" Ein Fehler, findet sie heute, denn sie hätte Beratung von einem Unbeteiligten benötigt. "Am Anfang habe ich aus Unsicherheit sehr viele Reiswaffeln gegessen und die belegt. Ich wusste nicht, was ich überhaupt essen darf", sagt sie. Auch Rückschläge gehörten dazu: "Ich musste lernen, dass die Pommes einer Fast-Food-Kette glutenfrei sind, die einer anderen aber leider nicht. Das war ziemlich schmerzhaft." Denn wird versehentlich wieder Gluten gegessen, sind die Schmerzen extremer als vorher.

Nach und nach erweiterte sich ihre Palette an Lebensmitteln wieder. Aber die glutenfreie Ernährung ist auch eine Preisfrage: "Backmischungen und Nudeln kosten meist das Doppelte oder Dreifache", berichtet Schneehain. Ersatzprodukte kauft sie nur noch wenige. Weil sie nicht einfach zum Bäcker gehen kann, hat sie unterwegs immer etwas zu essen dabei und backt ihr eigenes Brot. Ohne Plan, Recherche und Nachfragen funktioniert nicht viel in ihrem Leben: "Am Anfang ist es mir schwer gefallen, immer Nein zu sagen, wenn Arbeitskollegen etwas mitgebracht haben", berichtet sie. Und auch wenn jemand sagt, er habe glutenfrei gebacken, sei es tagesformabhängig, ob sie tatsächlich probiere: "Man kommt sich einfach doof vor, wenn man so kleinteilig nachfragt, ob nicht doch die Kuchenform mit Mehl ausgestäubt wurde, aber das ist für mich nun mal extrem wichtig."

Erstaunt hat sie, dass die Auswahl an Produkten im Ausland sehr viel größer ist. Im Urlaub in Frankreich oder Skandinavien macht sie oft Fotos von den Supermarkt-Regalen und packt das Auto voll. "Es kommt auf der anderen Seite aber auch vor, dass ich mir Brot für zwei Wochen Urlaub mitnehmen muss", sagt sie.

Eine besondere Herausforderung sind Restaurantbesuche. "Wenn ich essen gehe, bin ich auf die Ehrlichkeit des Personals angewiesen. Das ist oft anstrengend, weil man sich fragt, ob wirklich ein anderer Toaster oder Extra-Geschirr verwendet wurden", sagt Schneehain. Eine Zeit lang ging sie sehr wenig aus, weil ihr das ganze Thema schlechte Laune bereitete: "Meine Freunde müssen sich immer nach mir richten. Es muss immer vorher angerufen und gefragt werden, ob es etwas gibt - einfach spontan losgehen, das geht nicht", berichtet sie. Im Restaurant angekommen, fragt sie zuerst nach der Allergie-Karte. Während die anderen bestellen, studiert sie die Speisen. Das führt dazu, dass ihr Essen meist verspätet kommt. "Ich esse meist nicht unbedingt das, worauf ich Lust habe, sondern nehme das Gericht, das möglichst wenig Risiko birgt", erklärt sie. Hunderte von den Karten hat sie schon in den Händen gehalten. "Die sind meist sehr klein geschrieben und manchmal sogar schlicht falsch. Das ist fahrlässig", kritisiert sie.

"Ich habe öfters das Gefühl, dass man schnell in eine Schublade gesteckt wird", sagt Schneehain. Wenn mal wieder die Augen verdreht werden, würde sie am liebsten antworten, dass sie es selbst gern anders hätte. "Der Trend, aus gesundheitlichen Gründen kein Gluten zu essen, macht es denen, die wirklich krank sind und keine Ausnahmen machen können, schwerer", sagt sie nicht ganz ohne Wut. Sie erlebt es häufiger, dass Menschen das Thema sehr lapidar sehen und die Auswirkungen für Betroffene nicht kennen. Sie wünscht sich mehr Offenheit, auch auf der Seite der Supermarkt-Inhaber, sodass die Regale hier bald wie die in den europäischen Nachbarländern aussehen. Denn dann muss sie keine Beweisfotos mehr aus dem Urlaub mitbringen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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