Inhalt

Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Ist das Kunst oder Bio-Müll?

Es gibt bestimmt etliche ungelesene Abhandlungen von angehenden Kunsthistorikern zum Bananen-Motiv und dem ihm inhärenten Phallozentrismus in der modernen Kunst seit Warhol. Diese müssen nun alle neu geschrieben werden. Die Geschichte von der Banane als Kunst, von der Kunst als Banane - sie ist um ein vitaminreiches Kapitel reicher. Auf der Art Basel, die, wie der Name schon vermuten lässt, jüngst in Miami stattfand, war ein Exemplar der Südfrucht das Gesprächsthema Nummer eins. Der italienische Künstler Maurizio Cattelan hatte eine handelsübliche Banane (Kilo: 1,99 Euro) mit ebenso handelsüblichem Klebeband (Centbetrag) an die Wand geklebt. Fertig war die Installation "Comedian". Ein französischer Sammler hatte dafür 120.000 Euro auf den Tisch gelegt. Kunstmarkt statt Supermarkt.

Noch bevor die Diskussion, ob das nun Kunst sei, aufkommen konnte, kam der nächste Künstler: David Datuna nahm die Frucht von der Wand und aß sie auf. "Hungry Artist" nannte Datuna treffend seine destruktiv-dekonstruktivistisch-digestive Performance. "Sie ist köstlich", kommentierte Datuna. Die postmoderne Pointe: Der Galerist klebte einfach eine andere Banane an die Wand. Wer braucht schon den Künstler?

Aus "Sicherheitsgründen" wurde die Banane dann doch abgenommen und der nächste Künstler begann sich auszutoben: Er schrieb mit Lippenstift an die Wand, dass der US-Milliardär, Kunstsammler und mutmaßliche Mädchenschänder Jeffrey Epstein sich nicht selbst umgebracht habe, und verwies auf Memes im Netz. Verschwörungstheorie trifft Kunsttheorie trifft Internetkultur. Alles Banane. Aber immerhin keine Fettecke.Sören C. Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag