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Ortstermin: Jugendbegegnung im deutschen bundestag
Lisa Brüßler
Letzter Ausweg Versteck

Gespannt nehmen sie an dem kreisförmigen Tisch im Sitzungssaal des Paul-Löbe-Hauses im Berliner Bundestag Platz: Die 78 Jugendlichen aus Deutschland, Frankreich, Polen, Israel, Russland, Aserbaidschan, Tschechien, Österreich sowie der Schweiz und der Ukraine. Als Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) zusammen mit dem Historiker und Holocaust-Überlebenden Saul Friedländer vergangenen Donnerstag den Saal betritt, werden sie ganz still und erheben sich.

Kurz zuvor hatte Friedländer, der 1932 als Kind jüdischer Eltern in Prag geboren wurde, in der Gedenkstunde zum Bundestag gesprochen. Nun diskutiert er mit den Jugendlichen, die zwischen 17 und 26 alt sind. Über seine Biographie, sein Wirken als Wissenschaftler und die Zeit imVersteck, einem katholischen Internat in Frankreich, in dem keiner wissen durfte, dass er Jude ist. Denn darum geht es bei der internationalen Jugendbegegnung in diesem Jahr: versteckte jüdische Kinder. Anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (siehe auch Seite 9) treffen sie bei der viertätigen Begegnung Überlebende und Zweitzeugen, gehen auf Spurensuche und kommen miteinander ins Gespräch.

Die 17-jährige Lea aus dem Emsland belegt Geschichte als Leistungskurs in der Schule: "In der Nähe von uns, bei Meppen, gibt es ein Strafgefangenen- und Arbeitslager mit Gedenkstätte, für das ich mich interessierte. Dann habe ich an einem Austausch nach Auschwitz teilgenommen und bin am Thema drangeblieben", erklärt sie ihre Teilnahme. Beate Kosmala von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand berichtete, dass es in der Bundesrepublik erst spät ein größeres Interesse an der Rettung von Juden durch mutige Helfer gegeben habe. 1941 lebten die meisten Juden, die noch in Deutschland waren, in Berlin - auch deswegen tauchten hier viele unter. Angaben über genaue Zahlen von Betroffenen, seien trotz intensiver Forschung nicht möglich. "Für Berlin lässt sich jedoch sagen, dass etwa 300 Kinder der Geburtenjahrgänge 1928 bis 1944 versteckt wurden", sagte Kosmala. Demgegenüber stehen knapp 3.400 Kinder, die deportiert wurden.

Kein leichtes Thema für die Diskussion, doch für die Jugendlichen ist die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte nichts Ungewöhnliches: Alle engagieren sich bereits in Initiativen zur Geschichte des Nationalsozialismus oder gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus. Immer wieder melden sich die Jugendlichen in den folgenden eineinhalb Stunden Diskussion zu Wort. "Ich hatte vier Identitäten", antwortete Friedländer auf die Frage von Anton, der im Konzentrationslager Bergen-Belsen seinen Freiwilligendienst leistet. "Aber eins blieb: das - nicht religiöse - Jude-Sein, das zieht sich durch und ist sogar noch stärker geworden", erklärte er. In Prag als Pawel geboren, in seinem Versteck in einem katholischen Internat in Frankreich Paul genannt und in Israel dann zu "Saul" geworden - es gab viele Brücher in Friedländers Biographie. "Keine Nation kann sich ihre Geschichte aussuchen oder sie abstreifen", sagte Bundestagspräsident Schäuble abschließend. Friedländer habe dank neuer Identitäten überlebt, doch solle nicht in Vergessenheit geraten, dass jedes vierte Opfer des Nazi-Rassenwahns ein Kind gewesen sei.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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