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Film
Katharina Dockhorn
Weiblicher Blick

Trotz Erfolgen bei der Förderung von Frauen bleiben ihre Werke auf der Leinwand unterrepräsentiert

Maren Ade überzeugte 2016 mit "Toni Erdmann" die Fachwelt bei den Filmfestspielen in Cannes und bezauberte weltweit Millionen Zuschauer, 2017 wurde Valeska Griesebachs "Western" an der Cote d'Azur gefeiert. Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" feierte 2018 bei der Berlinale Premiere und räumte bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise ab. Dort gilt in diesem Jahr Oscar-Preisträgerin Caroline Link mit dem Kinohit "Der Junge muss an die frische Luft" als Favoritin. Und im Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2019, die am 7. Februar startet, ist Deutschland mit "Ich war zuhause, aber" von Angela Schanelec und "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt vertreten.

Die Bilanz täuscht darüber hinweg, dass der weibliche Blick im Kino chronisch unterrepräsentiert ist, worauf die Initiative "Pro Quote Regie", jetzt "Pro Quote Film", während der Berlinale 2014 mit einer Bubble auf dem Potsdamer Platz aufmerksam machte. Sie symbolisiert jene Blase mit unsichtbaren Wänden, aus der Frauen sich nicht befreien können. 50 Prozent der Studierenden im Fach Regie sind heute weiblich, Frauen zeichnen aber nur für rund 20 Prozent der Filme auf Leinwand und Bildschirm verantwortlich.

Förderung Zu einer Quote konnte sich der Bundestag bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes 2016 nicht durchringen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) setzte auf die paritätische Besetzung aller Gremien der Filmförderanstalt (FFA). Ihre Hoffnung ist aufgegangen: Die Zahl der Bewilligungen für Filme von Frauen stieg beim Filmförderfonds ebenso wie in bei anderen Fördertöpfen.

Auch Berlinale-Leiter Dieter Kosslick hat sich die Förderung von Regisseurinnen auf die Fahnen geschrieben. Die Retrospektive des diesjährigen Festivals erinnert an die Frauen, die in den beiden deutschen Staaten und dem wiedervereinigten Deutschland international anerkannte Meisterwerke oder kleine Perlen schufen. Schon in den Kindertagen des Kintop drängten Frauen wie Rosa Porten auf den Regiestuhl. Doch erst Leni Riefenstahl und Lotte Reininger, die 1926 einen der ersten langen Trickfilme schuf, schafften den Sprung in die erste Reihe. In der Tradition der Silhouetten-Animationsfilmerin schlossen sich in der DDR in den 1950er Jahren die Trickspezialisten der DEFA zusammen. Die Hälfte der Gründer waren Frauen - diese Quote hatte bis zum Ende des Studios Bestand. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gleichberechtigung in der DDR nur auf dem Papier stand. Die DEFA-Stiftung machte nur 63 Regisseurinnen wie Helke Misselwitz in der ostdeutschen Produktionsfirma aus. Das fiel nicht auf, weil Autorinnen und Dramaturginnen hinter den Männern standen. Frauenfiguren wie die Paula im Clinch mit Paul oder Solo Sunny gruben sich ins kollektive Filmgedächtnis ein.

Männliche Dominanz Im Westen waren solche Filme lange die Ausnahme, der männliche Blick dominierte. Mit dem Entstehen der Frauenbewegung meldeten sich Regisseurinnen wie Helge Sander oder Jeanine Meerapfel zu Wort, später setzten Margarethe von Trotta und Doris Dörrie Akzente. Aber die strukturellen Defizite blieben bestehen.

Heute sind über 30 Prozent der Mitglieder des Bundesverbands Regie (BVR) weiblich, in der AG Dokumentarfilm sind es rund 40 Prozent. Dies müsse sich bei den Förderentscheidungen widerspiegeln, fordern die Filmemacherinnen. Außerdem sind die Budgets ihrer Filme im Schnitt kleiner als die ihrer Kollegen. Obwohl Frauen wirtschaftlich hocheffizient arbeiten, stellt BVR-Geschäftsführerin Edith Forster klar. An der Kinokasse nähmen die von Frauen hergestellten Filme pro Förder-Euro mehr ein als die ihrer männlichen Kollegen.

Bei der FFA ist der veränderte Geist nicht zu übersehen.. 2016 erhielten Männer noch zwölf von 18 Millionen Euro aus dem Topf der Produktionsförderung, 2018 war das Verhältnis der Geschlechter nahezu ausgeglichen. Der Anteil der Regisseurinnen unter den Nutznießern stieg von 20 auf 45 Prozent - obwohl die Zahl der Anträge von Frauen nicht stieg. Sie fiel sogar von 40 auf 32. Der Rückgang dürfte den neuen Leitlinien der FFA geschuldet sein, die kommerzielle Filme mit höheren Budgets fördern will. Die Zahl der Anträge auf Produktionsförderung insgesamt fiel von 161 in 2016 auf 101 in 2018.

Bei der Medienboard Berlin-Brandenburg liegt die Zahl der Dreh-Förderanträge in den vergangenen Jahren konstant bei knapp 200. Regisseurinnen stellten weniger Anträge, doch die Zahl der Zusagen für ihre Projekte stieg. Zudem können sich Filmemacherinnen über höhere Budgets freuen. 2017 konnten acht Regisseurinnen über drei Millionen Euro ausgeben, 2018 waren es schon zwölf .Millionen

Eine ähnliche Entwicklung ist bei der Kulturellen Filmförderung der Kulturstaatsministerin zu verzeichnen, wo eine geschlechterparitätisch besetzte Jury entscheidet. Die Zahl der Anträge auf Produktionsförderung von Spielfilmen ging von 2016 bis 2018 von 134 auf 89 zurück. Der Anteil an geförderten Projekten von Produzentinnen liegt deutlich über ihrem Part bei den Anträgen. 2016 erhielten sie 47 Prozent der Fördermittel, 2018 waren es 41 Prozent. Die Fördersumme pro Film war im Vergleich zwischen Projekten von Männern und Frauen gleich. Bei den Dokumentarfilmen blieb der Frauenanteil bei den Antragstellern konstant bei 44 bis 50 Prozent.

Zwei Wehrmutstropfen sind trotzdem zu beklagen. Die Zahl der Autorinnen unter den Bewerbern um den Drehbuchpreis der Kulturstaatsministerin, der am 8. Februar verliehen wird, liegt konstant um die 15 Prozent. Und beim Deutschen Filmförderfonds wurden nicht einmal zehn Prozent der Filme von Produzentinnen eingereicht. Dafür stieg die Zahl von Projekten, hinter denen beide Geschlechter stehen. Ihr Anteil liegt mittlerweile bei knapp 50 Prozent. In vielen deutschen Produktionsfirmen hat sich herumgesprochen, dass der gleichberechtigte Blick der Königsweg bei der Abbildung von Geschlechterrollen sein könnte.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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