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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

"Chinas aufgeklärte Demokratie stellt den Westen in den Schatten", behauptet Pekings Propaganda unverdrossen. Die Machthaber verdrehen bewusst die Fakten nach dem Motto: Besetze die Begriffe deiner Feinde! Zugleich verbreitet die in China herrschende Kommunistische Partei skrupellos Lügen über ihr angeblich so gerechtes System, um so ihre Machtstellung gegenüber der eigenen Bevölkerung zu festigen. Dazu vermischen die ideologischen Taktgeber die Klassenkampf-Parolen von Karl Marx mit den "Harmonie"-Ideen von Konfuzius zu einer neuen Heilslehre. Diese Strategie beschreibt detailliert der Journalist Kai Strittmatter, der in China studierte und für die "Süddeutsche Zeitung" 15 Jahre aus dem Reich der Mitte berichtete. Sein Befund: Das Klima der Einschüchterung besteht nach der verheerenden Kulturrevolution fort, so dass es nur eine Möglichkeit des Protestes gegen die Willkür gibt: den tiefen Seufzer und das Schulterzucken.

In seinem fachlich exzellenten Sachbuch erklärt der Autor, wie das komplexe chinesische System aus KP-Führung, Armee, Staatsbürokratie und moderner Marktwirtschaft funktioniert: "Die Skeptiker, die noch immer der Meinung sind, ein autoritäres System sei Gift für jede Art von Innovation, hat China zumindest auf dem Feld der Technologie schon lange widerlegt." Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung ist das Land längst die Nummer zwei hinter den USA - und wird Amerika bald überholen, ist sich Strittmatter sicher.

In China gibt es 800 Millionen Internetnutzer und 1,4 Milliarden Smartphones. Der Überwachungsstaat nutzt erfolgreich die künstliche Intelligenz, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Dabei kooperieren private Internetfirmen und Staat eng miteinander. Als besonders gelehriger Schüler erweist sich dabei Russland. Immer wieder reisen die Chinesen nach Moskau, um dort ihre Erfahrungen weiterzugeben. Strittmatters Warnung an den Westen lautet: Nicht das stagnierende Russland ist die eigentliche Gefahr für die freiheitliche Demokratie, sondern China. aw

Aus Politik und Zeitgeschichte

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