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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Bekannt wurde Masha Gessen durch ihre Putin-kritische Biographie. Die amerikanische Autorin, 1967 in Moskau geboren, war 1981 mit ihrer Familie in die USA emigriert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrte die Journalistin nach Moskau zurück. Wegen der Homophobie in Russland übersiedelte sie 2013 mit ihrer Frau und den beiden Kindern nach New York.

In ihrem aktuellen Buch erzählt die Gessen die Geschichte des postkommunistischen Russlands anhand der Biographien von sieben Menschen, darunter eines Soziologen, einer Psychotherapeutin, eines Homosexuellen und der Tochter eines prominenten Politikers. Gessen versucht zu erklären, warum die Russen auf die errungenen Freiheiten des demokratischen Umbruchs der 1990er Jahre wieder verzichteten, warum der "Totalitarismus" erneut siegte und ein "Mafia-Staat" entstand. Dafür erhielt sie 2017 den National Book Award, außerdem wird ihr in diesem Jahr der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen.

Gessen zitiert den Soziologen Lev Gudkov. Er meint, dass die sowjetische Gesellschaft im postsozialistischen Russland fortbesteht. Die eher unpolitischen Proteste der Jahre 2011 und 2012 bestätigen diese These, denn die Demonstranten forderten, ebenso wie der Kreml, die Rückkehr zur "Stabilität".

Allerdings vermögen Masha Gessens deprimierende Geschichten nicht wirklich zu überzeugen, denn sie verschweigt die Ursache für das Scheitern der liberalen Demokratie in Russland: Ein Volk von 140 Millionen Menschen wurde durch die neoliberalen Wirtschaftsreformen von einem Tag auf den anderen ohne soziale Sicherheit, ohne Gehalt oder eine auskömmliche Rente sich selbst überlassen. Gleichzeitig bekämpften sich die "Liberalen" gegenseitig, so dass Kommunisten und Rechtsradikale die Mehrheit im Parlament erringen konnten. Erst nach einem Jahrzehnt Wildwest-Kapitalismus erschien Putin als vermeintlicher Retter der Nation auf der politischen Bühne.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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