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Dirk Neubauer
Volle Energie oder halbe Kraft?

Deutschland verliert seine Vorreiterrolle bei der Energiewende. Es gibt viele Probleme

Herkules wankt. Die nach dem GAU im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im Jahr 2011 von der Bundesregierung eingeleitete Energiewende erweist sich in allen Dimensionen als Herausforderung. Die Zwischenbilanz fällt bescheiden aus. Deutschland verfehlt seine Klimaziele - vor allem beim CO2-Ausstoß sehr deutlich. Auch bei Ziel Nummer zwei, den Energieverbrauch bis 2050 zu halbieren, liegen die aktuellen Zahlen deutlich hinter dem für 2020 gesteckten Zwischenziel. Der Leitungsausbau kommt nicht voran. Die Kosten für die Komplettabschaltung und den Rückbau der Kernkraftwerke übertreffen die von den Betreibern gebildeten Rücklagen deutlich.

"Beim Thema Energiewende hat Deutschland im internationalen Vergleich seine Vorreiterrolle verloren." So fasst die Unternehmensberatung McKinsey den aktuellen Status zusammen. Sie hat zusammen mit dem Weltwirtschaftsforum erstmals einen globalen Energiewende-Index (Energy Transition Index, ETI) ermittelt. Dabei sei in 114 Ländern anhand von 40 Indikatoren der Status der Energiewende ermittelt worden.

In Deutschland werde trotz stabiler politischer Rahmenbedingungen und einer hohen Wirtschaftskraft das zentrale Klimaziel klar verfehlt. Anstelle einer Reduktion des Kohlendioxidausstoßes bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent scheinen aktuell nach Angaben der Bundesregierung rund 32 Prozent erreichbar zu sein. Bei der Reduktion des Primärenergieverbrauchs sieht es ähnlich schlecht aus. Der sollte bis 2020 im Vergleich zu 2008 um 20 Prozent sinken; aktuell steht der Wert bei sechs Prozent. Gleichzeitig liegen laut dem globalen Energiewende-Index von McKinsey die Strompreise für Haushalte und Industrie um rund 50 Prozent über dem Durchschnitt von 114 untersuchten Ländern.

Damit erklimmt Deutschland im ETI-Ranking Platz 16 von 114. Im europäischen Vergleich sind elf Länder besser - darunter der weltweite Spitzenreiter Schweden, Norwegen, die Schweiz, Finnland, Dänemark, Österreich und Großbritannien. Beim Indikator "Struktur des Energiesystems" schneidet Deutschland besonders schlecht ab: Rang 110 von 114. Als Grund dafür nennen McKinsey und das Weltwirtschaftsforum die hohe Abhängigkeit von der Kohleverstromung. Deren Anteil beträgt demnach immer noch 42 Prozent. Die CO2-Emissionen in Deutschland stagnieren seit 2014 auf einem Wert von 906 Millionen Tonnen.

Regenerative Quellen Dabei haben sich auch die regenerativen Energiequellen - Sonne, Wasser, Wind - zu Leistungsträgern entwickelt. Sie decken nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie mehr als 40 Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs, knapp die Hälfte davon stammt von rund 30.000 Windrädern, von denen rund 1.170 als Offshore-Anlagen vor den Küsten stehen. Damit gehört Deutschland weltweit zu den Top-Drei-Ländern.

Doch auch hier sind die Aussichten trübe. Im vergangenen Jahr brachen die Ausbauzahlen für Windräder stärker ein als ohnehin schon befürchtet, teilt der Bundesverband Windenergie mit. Es seien lediglich 743 Anlagen mit einer Leistung von 2.402 Megawatt aufgestellt worden. Erwartet wurde eine zusätzliche Leistung von 3.300 Megawatt. Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Fachverbandes VDMA Power Systems, befürchtet, dass die Schere zwischen der Nachfrage nach erneuerbarem Strom und dem notwendigen Aufbau von Kapazitäten 2019 und 2020 noch weiter auseinander geht. Möglichst rasch müssten ein Ausbauziel bis 2030 definiert und anschließend die Rahmenbedingungen geschaffen werden: "Es ist selbsterklärend, dass das 65-Prozent-Ziel der Bundesregierung mit einem Fortführen des aktuell absehbaren jährlichen Zubaus bis zum Jahr 2030 nicht erreicht werden kann." Wenn Zug um Zug auf die Verstromung von Braunkohle verzichtet werden solle, seien solche Schritte umso dringlicher.

Manchmal allerdings können die deutschen Leitungsnetze den produzierbaren Ökostrom gar nicht aufnehmen. Ihre Kapazität ist zu gering. Das Orkantief Friederike sorgte am 15. Januar 2018 für solch einen Fall. Mitten in den ergiebigsten Windböen wurden viele Windanlagen abgeschaltet, um die Leitungen nicht zu überlasten. Das geht zu Lasten der Steuerzahler, denn die Energieanlagenbetreiber bekommen von den Netzbetreibern Entschädigungszahlungen für just solche Fälle. Wie ein Sprecher der Bundesnetzagentur bestätigte, stiegen diese Entschädigungsansprüche von 142 Millionen Euro im Jahr 2017 auf 228 Millionen Euro im Jahr 2018. Dahinter steckt der festgefahrene Ausbau sogenannter Stromautobahnen in Deutschland. Denn grob vereinfacht kommt derzeit der an den Küsten entstehende Ökostrom nicht bei den häufig im Süden des Landes sitzenden Unternehmen an. Die Netzagentur rechnet es nüchtern vor (Stand 3. Quartal 2018): Nach dem Bundesbedarfsplangesetz ergibt sich ein Bedarf von rund 5.900 Kilometern Stromleitungen von Nord- nach Süddeutschland. Davon fielen etwa 3.600 Kilometer in die Zuständigkeit der Bundesnetzagentur. Lediglich 60 Kilometer davon seien reif für ein Planfeststellungsverfahren, etwa 2.900 Kilometer befänden sich in der Bundesfachplanung. Die Bundesländer seien für rund 2.200 Kilometer Stromleitungen zuständig. Davon befänden sich 115 Kilometer im Raumordnungsverfahren und 1.050 Kilometer vor beziehungsweise im Planfeststellungsverfahren. Ökologisch erzeugten, möglichst günstigen Strom wollen alle Bürger nutzen; eine Überlandleitung vor dem Haus möchte hingegen niemand haben - in einem dicht besiedelten Deutschland eine schwierige Ausgangslage.

Mehr Tempo Mit dem im Herbst verkündeten "Aktionsplan Stromnetz" will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) für mehr Tempo sorgen: "Die Stromnetze sind das Herz-Kreislauf-System unserer Stromversorgung." Der Netzausbau soll durch ein besseres Controlling und die Vereinfachung von Planungsverfahren beschleunigt werden. Gleichzeitig würden die Bestandsnetze mit neuer Technologien und Betriebskonzepten optimiert. Zudem hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zum beschleunigten Netzausbau vorgelegt (siehe Text unten). Ein besseres Controlling hatte der Bundesrechnungshof angemahnt. Die Prüfer kritisierten unter anderem, dass das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) 48 verschiedene Datenquellen nutze, um anhand von 72 Indikatoren den Stand der Energiewende überprüfen. Für Ziele wie Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit seien bislang keine quantitativen Zielgrößen und Messwerte festgelegt: "Solange das BMWi aber nicht alle Ziele der Energiewende messbar und überprüfbar ausgestaltet, ist eine wirksame Steuerung kaum möglich. Sie wird auch nicht über weitere Indikatoren verbessert."

Kosten des Atomzeitalters Bleibt zum Schluss: die Atomindustrie, jener Bereich also, bei dem die Energiewende ihren Anfang nahm. Nach Fukushima wurden acht von 17 Kernkraftwerken sofort abgeschaltet. Die übrigen sollen bis 2022 folgen. Beim Abriss der belasteten Anlagen taucht ein Problem auf, das die Gemüter schon während des Betriebs erhitzte: In Deutschland fehlt ein Endlager. Frühestens 2050 könnte ein solches in Betrieb gehen. Sofern der Bund eines findet. Die Atomkonzerne RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW haben für die Folgekosten der Kernkraftnutzung etwa 39 Milliarden Euro zurückgestellt. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little rechnete vor, dass vermutlich weitere 28 Milliarden Euro benötigt werden, um die Atomwirtschaft abzuwickeln.

Vor wenigen Tagen bereicherte der Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, Alfred Gaffal, die Energiediskussion um diesen Vorschlag: Angesichts des absehbaren Mangels an heimischem Strom dürfe auch die Verlängerung der Laufzeiten der bayerischen Atomkraftwerke kein Tabuthema sein.Dirk Neubauer

Der Autor ist freier Journalist in Düsseldorf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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