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FALL AMRI
Winfried Dolderer
Der Streit der Ermittler

Zeuge berichtet von »fachlichem Dissens«

Genervt? Von einem fleißigen Informanten? "Warum sollte ich?" Vielleicht, weil der Mann Arbeit machte? "Er hat ja uns gar keine Arbeit gemacht." Und außerdem: Deswegen "genervt" zu sein, wäre doch "völlig unprofessionell".

Genau diese Behauptung steht indes im Raum: Das Bundeskriminalamt (BKA) habe einen hochproduktiven V-Mann des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes im Islamistenmilieu "totschreiben" wollen, weil er "zu viel Arbeit" mache. Das Thema beschäftigt den Amri-Untersuchungsausschuss, seit im November 2019 ein Hauptkommissar aus Düsseldorf davon berichtete. Vergangene Woche kam es erneut zur Sprache, mit einem Zeugen aus dem BKA.

Kontroverse Einschätzung Kriminaldirektor Martin K. war im Frühjahr 2016 stellvertretender Leiter im Referat ST33, zuständig für "Gefährdungssachbearbeitung" und "Phänomenauswertung". Was der Informant des Düsseldorfer LKA, die sogenannte VP01, über Anschlagspläne des späteren Breitscheidplatz-Attentäters Anis Amri zu berichten wusste, wurde dort zunächst nicht allzu hoch veranschlagt. Mit der Beute aus einem Raub in Deutschland in Paris oder Neapel Kalaschnikows kaufen, um auf deutschen Straßen Passanten abzuknallen? Der BKA-Analyst senkte den Daumen - "eher auszuschließen". Als weitere Erkenntnisse aus abgehörten Telefonaten Amris vorlagen, wurde die Bewertung hochgestuft - als "eher unwahrscheinlich".

Die Düsseldorfer Kollegen indes ließen nicht locker. Gestützt auf Erkenntnisse ihrer VP01 brachten sie die Einschätzung in Umlauf, dass Amri seine Anschlagsabsichten intensiviere und sicher daran festhalten werde. Aus heutiger Sicht gewiss ein zutreffendes Urteil, meinte der Zeuge K., der gleichwohl um Verständnis dafür warb, dass man es nach damaligen Kenntnisstand im BKA für völlig übertrieben halten konnte. Ein interner Mailverkehr in höchst gereiztem Tonfall gibt davon Zeugnis.

Der Zeuge mochte ihn nicht dramatisch gewertet wissen. Die gelegentlich drastische Wortwahl erklärt sich für ihn als "Impulsabfuhr" aus dem Temperament der Beteiligten, keineswegs aus einem Zerwürfnis der Behörden. Nicht einmal einen "Konflikt" habe es gegeben, nur einen "fachlichen Dissens". Wie konnte dann in Düsseldorf der Eindruck entstehen, das BKA wolle die geschätzte VP01 "kaputtschreiben"? "Das halte ich für eine phantastische Geschichte", sagte der Zeuge. "Ich bin fast vom Hocker gefallen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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