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Thomas Gesterkamp
Kurz rezensiert

Egoshooter ist ein Begriff aus der Gamer-Szene, eine Spielfigur, die imaginäre Gegner per Mausklick mit Schusswaffen bekämpft. Die Mörder von Christchurch oder Utoya haben sich aus der virtuellen in die reale Welt begeben, mit furchtbaren Folgen. Stephan Balliet präsentierte sich in Halle als Livestream. Dem Versuch des Eindringens in die Synagoge und den Hinrichtungen konnte man weltweit zusehen. In Hanau tötete Tobias Rathjen ohne virtuelle Inszenierung. Doch auch er versendete über die digitalen Netzwerke ein Manifest, war mit einem Blog online. Der von Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit herausgegebene Sammelband "Rechte Ego-Shooter" untersucht dieses Phänomen.

Die zentrale These des Buches: Die vermeintlichen Einzelkämpfer sind keine einsamen Wölfe, sondern in eine Hass-Community eingebunden, in der alle hetzen und einer schießt. So werde das gesellschaftliche Klima angeheizt und "auf Worte folgen Taten". Wie ihr norwegisches Vorbild Anders Breivik wollen die Terroristen Heroen werden, möglichst viele ausgemachte Feinde töten - und sich "erheben aus einer anonymen Masse, die besorgt ist um die weiße, männlich dominierte Welt".

Mehrere Texte thematisieren die Krise traditioneller Männlichkeit. Speit benennt "zwei alte Feindbilder", den Juden und die Frau. Antisemitismus und Antifeminismus würden verknüpft. Dieses Muster finden sich bei Breivik oder Balliet: Sie machen die Emanzipation für niedrige Geburtenraten verantwortlich, die zu einer "Masseneinwanderung" führten.

Der Gleichsetzung "Killerspieler gleich potentielle Attentäter" widersprechen die Autoren zwar. Gefährlich sei aber, dass "in der Gaming-Szene menschenverachtende Einstellungen bloß als zugespitzte Provokationen wahrgenommen und so legitimiert werden". Die in den Spielen vermittelten Werte könnten, "müssten aber nicht" zur Radikalisierung führen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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