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Alexander Heinrich
Spur der Gewalt

Die Liste von Anschlägen auf russische Oppositionelle sowie auf abtrünnige Agenten ist lang

Die Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny sorgt für Aufsehen weltweit, aber der Anschlag ist nicht der erste dieser Art. Die Liste der Anschläge gegen jene, die sich mit dem russischen Machtapparat anlegen, ist lang.

2006 wurde die Journalistin Anna Politkowskaja, die für die regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta" arbeitete, am Geburtstag des russischen Präsidenten Wladimir Putin in ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen. Das war zwei Jahre, nachdem ihr - wie jetzt Nawalny - auf einem innerrussischen Flug schlecht geworden und sie in Ohnmacht gefallen war. Auch sie musste damals wegen einer schweren Vergiftung behandelt werden. Politkowskajas Mörder wurden verurteilt, allerdings warf der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2018 der russischen Justiz mangelhafte Ermittlungen vor.

Für Aufsehen sorgte 2009 der Tod Natalja Estemirowas, die für die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" tätig war: Sie wurde vor ihrem Wohnhaus in Grosny entführt und am selben Tag mit mehreren Kopf- und Brustschüssen tot aufgefunden. Bis heute sind der oder die Täter nicht ermittelt worden. 2015 wurde auf der Großen Moskwa-Brücke in Kreml-Sichtweite Boris Nemzow hinterrücks erschossen. Der einstige Vizepremier und Hoffnungsträger des Reformerlagers war einer der prominentesten Kritiker Putins.

Wenige Monate nach Nemzows Tod fiel dessen Berater Wladimir Kara-Mursa mit Nierenversagen überraschend ins Koma. Ärzte diagnostizierten eine Vergiftung, konnten aber keine Substanz als Ursache identifizieren. 2018 wurde Pjotr Wersilow, Mitglied der Protestgruppe "Pussy Riot", mit Symptomen einer möglichen Vergiftung in einem Moskauer Krankenhaus und dann in der Berliner Charité behandelt.

Nicht nur Kremlkritiker leben in Russland gefährlich, sondern auch Geheimdienstmitarbeiter, die die Seiten wechseln. Im Zusammenhang mit einem Agentenaustausch sagte Putin einst im russischen Fernsehen: "Die Verräter werden ins Gras beißen. Vertrauen Sie mir. Diese Leute haben ihre Freunde betrogen, ihre Waffenbrüder."

Alexander Litwinenko, ein Überläufer vom russischen Geheimdienst FSB zum britischen Dienst MI6, starb 2006 in London an einer Vergiftung mit dem Strahlengift Polonium 210. Folgen hatte der Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal im März 2018 in Großbritannien - auch er war wie Nawalny mit einem Kampfstoff der Nowitschok-Gruppe in Berührung gekommen. Wegen dieser Tat hatte die EU Anfang 2019 Führungskräfte des russischen Militärgeheimdienstes GRU sowie die beiden mutmaßlichen russischen Täter auf ihre Sanktionsliste gesetzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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