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30 Jahre Deutsche Einheit
Susanne Kailitiz
Standort-Vor(ur)teile

Ost-Hochschulen punkten fachlich und sozial. Trotzdem müssen sie kämpfen

Die Entscheidung, fürs Studium von Bremen nach Jena zu gehen, fiel Mintje Zorn nicht schwer. Sie habe die Stadt selbst zwar vorher noch nicht gekannt, erzählt die 26-Jährige, aber in ihrem Umfeld habe es Menschen gegeben, die dort studiert hätten und begeistert gewesen seien. "Deshalb wusste ich, dass man hier gut studieren und leben kann."

Noch weniger Gedanken darum, ob ein Umzug von West nach Ost problematisch sein könnte, machte sich Zorns Freundin Isabel Reda. "Ich wollte Bildung, Kultur, Anthropologie studieren und den Studiengang gibt es nur in Jena: Also bin ich von Hannover hergezogen." Bereut haben die jungen Frauen den Schritt keine Sekunde: Die Friedrich-Schiller-Universität sei klasse: gute Ausstattung, moderne Räume, gute Lehre. "Jeder vierte Einwohner von Jena studiert", sagt Mintje Zorn, "das prägt die Stadt sehr."

Studierende wie Zorn und Reda sind das, was sich ostdeutsche Hochschulen händeringend wünschen: Westdeutsche, die an ihre Universitäten kommen. Denn davon gibt es auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit immer noch wenige. Nur ein gutes Drittel aller Studierenden verlässt das Bundesland, in dem es Abitur gemacht hat; das ergibt sich aus der 21. Sozialbefragung des Deutschen Studentenwerks. Wer die Koffer packt, den zieht es viel häufiger vom Osten in den Westen; nur fünf Prozent der westdeutschen Abiturienten wechseln nach Ostdeutschland.

Millionenschwere Kampagne Der Befund ist seit vielen Jahren stabil, obwohl Hochschulplaner und Politiker versuchen, daran etwas zu ändern. Denn nach dem Geburtenknick in den 1990er Jahren und der massenhaften Abwanderung von Menschen gibt es immer weniger ostdeutsche Jugendliche, die in ihrer Heimat die Hörsäle füllen könnten.

Dank doppelter Abiturjahrgänge und der Abschaffung der Wehrpflicht war Mitte der 2000er Jahre im Westen dagegen absehbar, dass die Zahl der Studienwilligen nicht zu bewältigen sein würde. Also wurde 2007 ein Hochschulpakt geschlossen: Der sicherte den Hochschulen im Westen Geld, um die Studienplatzkapazitäten aufzustocken, und denen im Osten finanzielle Mittel, damit sie ihre Studienplätze nicht abbauten und so die West-Unis entlasten konnten. Um die Ströme in die gewünschte Richtung zu lenken, gab es eine millionenschwere Kampagne. Unter dem Motto "Studieren in Fernost" warben die fünf ostdeutschen Bundesländer für ihre Hochschulstandorte. Tatsächlich hatten Greifswald, Halle und Chemnitz einiges zu bieten: moderne Gebäude, Ausstattung auf Top-Niveau, deutlich bessere Betreuungsverhältnisse als im Westen und günstigen und verfügbaren Wohnraum.

Doch das konnte einen entscheidenden Standortnachteil kaum aufwiegen: West-Studenten hatten den Osten kaum auf dem Schirm - und wenn doch, dann häufig mit negativen Assoziationen. Man kann in verschiedensten Erstsemesterbefragungen ostdeutscher Unis nachlesen, was mit dem unbekannten Terrain verbunden wurde: ein Leben in der Platte, tote Innenstädte und jede Menge Nazis. Axel Burchardt aus der Pressestelle der Jenaer Uni kann sich noch gut daran erinnern, wie seine Hochschule auf Messen im Westen von Studieninteressenten auf einer unbeschrifteten Europa-Karte verortet wurde: "Da sind wir nicht nur einmal kurz vor Sibirien gelandet. Auf der geistigen Landkarte im Westen kamen wir oft überhaupt nicht vor." Das hat sich inzwischen geändert: Inzwischen genießt die Schiller-Universität bundesweit einen hervorragenden Ruf - im Wettbewerb um Studienanfänger aber kann auch sie sich nicht ausruhen, obwohl Thüringen als einziges Ost-Bundesland seine Studienanfängerzahlen in den vergangenen 15 Jahren von knapp 8.500 auf mehr als 13.500 steigern konnte.

Überall anders im Osten ist ein gegenläufiger Trend zu erkennen, der sich trotz aller Anstrengungen nicht stoppen lässt. Haben die Werbekampagnen also versagt? Das Urteil über diese Frage fällt unterschiedlich aus. Sachsen, das zusätzlich zur Fernost-Kampagne noch eine eigene Werbung mit dem Titel "Pack dein Studium" aufgelegt hat, habe den Rückgang der sächsischen Abiturienten um 40 Prozent seit 2008 mehr als kompensieren können, sagt Sabine Hülsmann, Referentin im Sächsischen Wissenschaftsministerium und während der Laufzeit der Kampagnen dafür zuständig. Mit etwa 20.000 sei die jährliche Zahl der Studienanfänger im Freistaat relativ stabil, "das funktioniert nur mit Studierenden außerhalb von Sachsen".

Tendenz nach unten Ernüchterter ist man in Rostock. Hier schwanken die Studierendenzahlen seit Jahren, mit Tendenz nach unten. Für die Frage, was letztlich entscheidend dafür sei, Studierende in eine Stadt zu holen, gebe es einfach nicht die treffende Erklärung, sagt Uni-Pressesprecher Michael Vogt. Im Wintersemester 2018/19 zählte seine Uni rund tausend Studierende weniger als noch vor fünf Jahren, der Uni im benachbarten Greifswald geht es ähnlich. Eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, bundesweit seien 41 der 263 Fachhochschul- und Universitätsstandorte vom Rückgang der Studentenzahlen betroffen; knapp zwei Drittel der Standorte liegen in den neuen Bundesländern. Vor allem in den strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands wird um jeden Studienanfänger gekämpft. Und man kann dort nicht mehr mit allem punkten, was noch vor 15 Jahren in die Waagschale geworfen wurde: Den Vorsprung der ostdeutschen Bundesländer in Sachen Ausstattung dank Renovierungen, Sanierungen, Neubauten und Neuanschaffungen, den man 2008 bis 2010 deutlich gesehen habe, sei bei einer Befragung von Studierenden 2017 bis 2019 nicht mehr dagewesen. Zu diesem Schluss kommt Cort-Denis Hachmeister vom Centrum für Hochschulentwicklung. "Die ostdeutschen Bundesländer schneiden dabei zwar immer noch gut ab, aber nicht mehr so viel besser als die westdeutschen." Im Vergleich der letzten zehn Jahre zeige sich bei der Bewertung von Hörsälen und Seminarräumen, Praktikumslaboren, IT-Infrastruktur und Bibliotheken nun ein sehr viel heterogeneres Bild.

Zu diesem Befund kommt ein weiteres Problem: Niemand weiß so recht, was die erfolgversprechendste Methode ist. Es gebe "leider keine richtige Wirkmessung" für die Maßnahmen, sagt Peer Pasternack, Direktor des Instituts für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg, warum die Entscheidung für oder gegen einen Studienort falle, sei schwer nachzuvollziehen. Es habe in Deutschland seit den 2000er Jahren eine Verdopplung der Studierendenzahlen gegeben, die Studierneigung sei immens gestiegen, schon allein deshalb seien die Plätze in den Hörsälen in Ost wie West nie leer gewesen. Grundsätzlich sei zu beobachten, dass die Zufriedenheit derer, die sich auf den Weg gen Osten gemacht hätten, hoch sei.

Das würde Gerd Strohmeier wohl unterschreiben: Der Rektor der Technischen Universität Chemnitz ist gebürtiger Bayer und seit 2008 in Sachsen heimisch. Er sagt, er habe sich sowohl in der Stadt Chemnitz als auch an der TU Chemnitz sofort sehr wohl gefühlt - vermutlich viel wohler als dies an manchen Orten der "alten Bundesrepublik" der Fall gewesen wäre. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung plädiert er dafür, dass "wenn wir von Ost und West sprechen, nicht mehr in historischen, sondern in geografischen Kategorien denken". Und die sollten eher weiter gefasst sein: Zwar sei der Anteil westdeutscher Studierender in Chemnitz heute signifikant höher als vor zehn Jahren. Entscheidend aber sei, "dass eine Universität - egal, ob sie ihr Zuhause im Westen, Osten, Norden oder Süden hat - immer beides sein muss: ein Magnet für die Region und ein attraktives Angebot darüber hinaus". Ihm gehe es nicht nur darum, Studierende aus den "alten Bundesländern" zu gewinnen, heute sei es auch wichtiges Ziel, attraktiv für internationale Studierende zu sein. Mehr als ein Viertel der in Chemnitz Studierenden komme aus dem Ausland - aus mehr als 90 Ländern. "Damit sind wir die internationalste Universität in Sachsen und eine der internationalsten Universitäten in Deutschland." Mit individuellen Vorteilen punkten, nicht mehr als ostdeutsche Uni in einer Region mit niedrigen Lebenshaltungskosten: Das ist auch das Credo von Torsten Evers, zuständig für das Hochschulmarketing an der Uni Halle. Die große Kampagne Mitte der 2000er sei ihm oft "zu plump" gewesen, aber sie habe dazu beigetragen, die Ost-Unis dort sichtbar zu machen, wo sie bis dahin nicht auf dem Schirm gewesen seien. Heute punkteten die ostdeutschen Hochschulen mit einem attraktiven Fächerangebot, vielen Studiengängen ohne Zulassungsbeschränkungen und einer immer noch sehr guten, individuellen Betreuung.

Sie hätten zudem einen ganz neuen Vorteil: "Wir haben hier einen großen Vorsprung in Sachen Hochschulmarketing, weil wir immer schon um unsere Studierenden kämpfen mussten." Seine Uni habe gelernt, sich um ihre Leute zu kümmern: "Studierende können sich durchaus als einer oder eine von Hunderten oder Tausenden anderen wiederfinden. Aber das muss sich nicht so anfühlen. Und dabei sind wir im Osten richtig gut."

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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