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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Von Tellerwäscher zum Millionär - der Glaube an dieses Aufstiegsversprechen machte lange Zeit den Kern des amerikanischen Traums aus. Damit sei es vorbei, konstatiert der renommierte politische Philosoph Michael Sandel. In den vergangenen vier Jahrzehnten seien die höchsten Einkommenszuwächse in den USA vor allem den oberen zehn Prozent zugute gekommen. Auf diese "Explosion der Ungleichheit" allein lasse sich jedoch nicht der Unmut der Wähler aus "der Arbeiter- und Mittelklasse" zurückführen. Populisten und Nationalisten hätten nicht nur die leistungsorientierte Demokratie diskreditiert, sondern den Verlierern zugleich den Eindruck vermittelt, "dass die Gewinner mit Verachtung auf sie herabschauen".

Der in Harvard lehrende Philosoph gibt den europäischen Demokratien in seinem Buch Hinweise, wie sie die amerikanische Entwicklung vermeiden können. Die Menschen hätten Trump vor allem deshalb zum Präsidenten gewählt, weil er "eine Quelle von Ängsten, Frustrationen und legitimen Klagen angezapft hat, für die die etablierten Parteien keine überzeugenden Antworten hatten". Sandels Kritik macht aber auch vor einer Ikone der Demokraten nicht halt: Barack Obama habe durch seine Politik der Bankenrettung während der Finanz- und Wirtschaftskrise eine Stimmung populistischen Protests geradezu befeuert. Am Ende sei Obama sowohl von den Linken der Occupy-Bewegung als auch von den Rechten der Tea-Party-Bewegung attackiert worden. Sandel bewertet das populistische Aufbegehren vor allem als gegen die Eliten gerichtete Reaktion. Die Wahl Trumps in den USA markiere den logischen Abschluss dieser Entwicklung.

Sandels exzellente Analyse kann man als Warnung an die Politiker in Europa lesen, das öffentliche Interesse und die soziale Gerechtigkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Ansonsten könnten auch hierzulande die Trumps an die Macht gelangen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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