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Ortstermin: Audimax der TU Berlin
Winfried Dolderer
Ein »schwieriges Wochenende«

Lineare Algebra. Bilanzierung und Kostenrechnung. Stabile und Elementare Festigkeitslehre. Das sind unter anderem die Themen, von denen in diesem Wintersemester im Raum H 105 die Rede ist. Mittwochs zwischen zwölf und 14 Uhr findet hier auch die Vorlesung von Hans Hirth statt, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der TU Berlin, über "Risikomanagement und Kapitalmarkt". Die kleine Schar der Zuhörer verliert sich fast in dem gewaltigen Saal. Frage an den Professor: Kann er sagen, was hier im Februar 1968 stattfand? "68?", stutzt Hirth. "Eine Riesengaudi wahrscheinlich."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) nannte es damals eher "ein schwieriges Wochenende". Am 17. und 18. Februar 1968 tagte im Auditorium Maximum der Technischen Universität der "Internationale Vietnamkongress" des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Ein gigantisches Transparent in den Farben des Vietcong bedeckte die Rückwand des Saales, darauf in großen Lettern: "Für den Sieg der vietnamesischen Revolution!" sowie etwas kleiner darunter Che Guevaras goldene Worte: "Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen."

Auf dem Podium, wo heute Professor Hirth über Zinssätze doziert und über die unterschiedlichen Erwartungen von "Payer" und "Receiver" im Kreditgeschäft, agitierte damals der Schriftsteller Peter Weiss den proppenvollen Saal: "Die Repräsentanten der Regierung weigern sich, mit uns zu reden. So konfrontieren wir sie mit der Kraft der kämpferischen Demonstration." Der italienische Unternehmerspross und linksradikale Verleger Giangiacomo Feltrinell erklärte "in aller Deutlichkeit, dass es keineswegs der Berliner Senat ist, dass es keineswegs die Springerpresse ist, die in uns die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung in West-Deutschland erweckt, sondern es sind die Studenten im Allgemeinen, die sogenannten Rebellen".

Der Kongress zählt zu den dramatischen Höhepunkten der damaligen Revolte, der anschließende Demonstrationszug, der sich mit 12.000 Teilnehmern über den Ku'damm in Richtung Deutsche Oper bewegte, war der größte, den die 68er bis dahin auf die Beine gebracht hatten. Auf Wochenschau-Schnipseln in Schwarz-Weiß ist Rudi Dutschke zu sehen als Dirigent von Sprechchören: "Ho-Ho-Ho Chi Minh." Angereist waren rund 6.000 Teilnehmer aus 14 Ländern. Weil die Freie Universität sie nicht beherbergen wollte, wichen die Veranstalter auf die TU aus. Der von außen aluminiumverkleidete Saal des Architekten Kurt Dübbers, der aus dem Hauptgebäude in die Straße des 17. Juni hineinragt, war damals noch keine drei Jahre alt.

"Hier versucht eine kleine Minderheit, etwas ganz anderes in Bewegung zu setzen", bilanzierte der "Regierende" Schütz das Wochenende, "nämlich, was sie Revolution nennen, und was wir als den Versuch sehen, Unordnung und Chaos in unsere Städte zu tragen." Ins Langzeitgedächtnis der TU hat sich der Versuch offenbar nicht eingeprägt. Vietnamkongress? "Da klingelt nichts", meint ein Teilnehmer der Vorlesung. "Geschichtlich bin ich eine Nullnummer", sagt eine junge Frau, während ein Kommilitone sich immerhin "auf jeden Fall beeindruckt" zeigt, "dass das hier stattfand".Winfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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