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JUgendkultur
Klaus Farin
Blumen, Sex und LSD

Mit Jeans und langen Haaren rebellierten viele Jugendliche gegen Bürgertum und Konsumgesellschaft. Das Lustprinzip wurde zur obersten Maxime

Die 68er waren mehr als eine politische Opposition. Allen Beteiligten ging es darum, das enge Korsett der Adenauer-Gesellschaft zu sprengen, die unhinterfragten Autoritäten von ihren Sockeln zu stürzen und die Deutschland seit Jahrzehnten prägenden Werte und Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin und Unterordnung zu ersetzen: durch Weltoffenheit, eine neue Kommunikationskultur und eine Vielfalt an Lebensstilen. Während sich der politische Kern der 68er daran machte, die Strukturen nachhaltig zu verändern, fokussierten andere auf das Hier und Jetzt, den individuellen Lebensstil der Jungen. Neben der eher asketisch lebenden Theorie-Fraktion, für die vor allem der Name Rudi Dutschke stand, bildete sich mit der "Kommune I" als Zentrum eine hedonistische Spaß-Fraktion heraus, die vor allem durch ihre phantasievollen, ironischen Aktionen irritierte und so aufklärerisch wirken wollte. Die von Dieter Kunzelmann 1962 in München gegründete "Subversive Aktion" hatte von ihren geistigen Vätern Adorno, Horkheimer und Marcuse (siehe Text unten) gelernt, dass die moderne "repressive Gesellschaft" ihre Macht nicht mehr durch die Drohung mit Polizei und Justiz erhält, sondern durch die Verführung zum Konsum. "Anstelle echter Befriedigung ihrer Träume, Wünsche und Lust lassen die Menschen sich willig mit Ersatzangeboten aus Konsum und Illusionen abspeisen. Diese Angebote verfangen so gut, dass die Menschen nicht mehr wie früher nur durch offene Gewalt und fühlbare Unterdrückung bei der Stange gehalten werden müssen. Die Rolle von Polizei und Gefängnis haben Kino, Fernsehen, Konsum und gesteuerte Freizeit übernommen." Bevor politische Veränderungen eine Chance hätten, müssten die Menschen erst lernen, ihre unterdrückten inneren Triebe - vor allem die Sexualität - zu befreien.

Stete Provokation In der Praxis bedeutete diese "Revolutionierung des Alltags" die Abschaffung des Privateigentums und -lebens. Propagiert wurden Kommunen statt Kleinfamilien, freie Sexualität und Partnertausch. Das Lustprinzip wurde oberste Maxime allen Handelns, das Beharren auf ein "Intimleben" galt als kleinbürgerliche Verklemmtheit, die Klotüren wurden entfernt. Die stete Provokation wurde lustvoll-revolutionäre Praxis. Ein Revolutionär, der nicht darauf bedacht sei, seine Eltern durch unbürgerliche Kleidung und Haarschnitt vor den Kopf zu stoßen, sei noch weitgehend seiner bürgerlichen Herkunft verhaftet, hieß es.

Sieht man die Jugendlichen von damals heute auf Fotos, ist ihre provozierende Wirkung nicht mehr recht verständlich. Doch waren es diese "Äußerlichkeiten", die auf einen Großteil der damaligen Jugend eine viel stärkere Anziehungskraft ausübten als die Theoriedebatten der 1968er. Erst die Verbindung von Flower Power und politischem Protest, von Revolution, Subkultur und Rockmusik zu einer politisch-ästhetischen "Rebellion der Triebe" zog viele Jugendliche in ihren Bann und erzeugte ein dynamisches "Wir-Gefühl", bei dem die Erwachsenenwelt außen vor blieb. Die Verschmelzung von Studentenprotest und Jugendkultur erweiterte das Spektrum der Revolte weit über das studentisch-intellektuelle Milieu hinaus. Es entstand eine antiautoritäre Musik- und Theaterszene, es bildeten sich alternative Jugendzentren und Ansätze einer linken Lehrlingsbewegung. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die sich "oft und interessiert" mit Politik beschäftigten, stieg von 20 Prozent im Jahre 1961 auf 52 Prozent 1968. Musik spielte dabei eine zentrale Rolle. Die Rock- und Pop-Musik der 1960er Jahre bot Jugendlichen eine rebellische Identitätsvorlage für Kopf und Körper. Es waren nicht nur die Texte, die viel von "Freiheit" sprachen, sondern auch der Sound, der zu Bewegungen und körperlichen Ekstasen inspirierte, von denen selbst die Mehrheit der gleichaltrigen Tanzschulenabsolventen nicht zu träumen wagte. "Die Melancholie und Zerstörungswut der Beatles waren die Gefühle der Jugendlichen der Revolte der ersten Stunde", urteilte 1977 der Autor Peter Mosler. "'Street fighting man', 'Eve of destruction' und 'I can't get no satisfaction' wurden die Lieder der zweiten Stunde der Revolte in Berkeley, Paris, Berlin und Frankfurt. Die wahren Propheten der Dissent-Generation waren die Pop- und Rock-Gruppen."

Nahrung für den Geist Die bevorzugte Musik der "Hippies" und anderer, von ihnen inspirierter Jugendlicher war ein vom Blues beeinflusster, auf einer kraftvollen, oft virtuos beherrschten Leadgitarre aufbauender Heavy Rock à la Cream, Led Zeppelin oder Ten Years After, besonders aber, wenn sich darin - wie im so genannten Acid Rock - LSD- und andere psychedelische Erfahrungen widerspiegelten, wie bei den Doors, Grateful Dead oder Jimi Hendrix. Frank Zappa war seit seiner Platte "Freak Out" (1966) der rebellische Gott aller Underground-Fraktionen und betrachtete von Tausenden von Wohngemeinschafts-(Klo-)Wänden den Wandel der Geschichte. Man hörte LPs, nicht Singles, am liebsten programmatische Themen- oder Konzeptalben wie "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band" von den Beatles. Viele Produktionen erforderten eine voll auf die Musik konzentrierte Zuhörerschaft. Einzelne Songs wurden immer länger - etwa "Live Dead" von Grateful Dead, der gleich drei Plattenseiten füllte -, die Texte wichtiger, zugleich aber auch abstrakter; sie transportierten oft nur noch Traumbilder und verweigerten sich der eindeutigen Interpretation. Bei Konzerten kamen komplexe Lichtanlagen, Filmausschnitte, Dias, Texteinspielungen vom Tonband zum Einsatz, asymmetrische Rhythmen und Verzerrereffekte machten Tanzen unmöglich. Die Musik war immer mehr Nahrung für den Geist, nicht für den Körper. Sie sollte überraschen und verunsichern und vielfältige spirituelle Interpretationen ermöglichen.

Das Ziel der Hippies und anderen, von der studentischen Revolte beeinflussten Jugendlichen war eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt. Ihr Blick richtete sich weniger auf ein anderes System, wie bei den studentischen Kadern und Politgruppen jener Jahre, als auf die Veränderung des einzelnen Menschen. Der Kapitalismus habe den "natürlichen" Menschen von seinem eigentlichen Wesen entfremdet und in konsumsüchtige "Plastic People" (Frank Zappa) verwandelt. Die Waffe des Systems war die Rationalität, die kalte Logik der Leistungs- und Warengesellschaft. Das Gegenmittel der Hippies war spirituelle Intensität, Fühlen statt Denken.

Bunter Protest "Protest und Leben der Hippies waren optimistisch, bunt, gewaltfrei, fröhlich", schreibt der Intendant und Festivalleiter Dieter Jaenicke 1980. "Ihre Ablehnung der westlichen Industriekultur war total. Nicht Analyse, nicht Marx und Marcuse waren interessant, sondern Intuition, Spontanität, direkte Erfahrung. Kreativität, Gemeinschaft und Freunde bestimmten die Hippies, sie versuchten zu lernen, sich wieder über kleine Dinge zu freuen: Tautropfen, Sonnenstrahlen, eine Perle, Blumen, Farben - und sie veräußerlichten ihre Haltung in ihrer bunten Kleidung, in ihrem Lächeln, ihren Blumen."

Um die Fähigkeit zum relaxten Genuss zu steigern, nutzten die Hippies gerne Marihuana als Hilfsmittel. Aber auch das (halb)synthetische Halluzinogen LSD ("Acid") sollte ihnen die "Pforten der Wahrnehmung" (Aldous Huxley) öffnen. Auf ihren chemisch verstärkten Abenteuerreisen ins eigene Selbst entdeckten die Hippies völlig neue Welten - vergaßen darüber allerdings häufig die äußere Welt. "Psychedeliker neigen dazu, sich sozial passiv zu verhalten", musste selbst LSD-Prophet Timothy Leary zugestehen. So stellten sie letztlich eher ein dankbares Rekrutierungsfeld für neue religiöse Bewegungen dar als eine "Reservearmee der Revolution". So kritisierte denn auch der linke Berliner Extra-Dienst: "Die Hippies tragen zur Verschönerung des Kapitalismus bei, nicht zu seiner Abschaffung." Spätestens mit dem Woodstock-Festival im August 1969 wurde das Ende der Hippies verkündet - der "Ausverkauf" hatte begonnen.

Hysterische Reaktionen Die Hippies waren originär ein US-amerikanisches Phänomen, das sich in Deutschland jedoch nie als größere eigenständige Bewegung entfalten konnte. Auch wenn in den Medien - und der späteren Geschichtsschreibung - häufig nur von "den Hippies" die Rede war, so bildete sich hierzulande eher ein breites Spektrum "alternativer" Jugendkultur heraus, deren Kennzeichen lange Haare, Rockmusik, Jeans und eine ausgeprägte Aversion gegen "Spießertum" jeglicher Art war. Sie waren vor allem auf der Suche nach einem neuen, freieren Lebensstil. Erst die bisweilen hysterische Reaktion der Erwachsenengesellschaft - lange Haare und Jeans genügten häufig schon, in Geschäften nicht bedient und in Gaststätten nicht hineingelassen zu werden - verwandelten manche dieser Rebellen in politisch Engagierte.

Der Autor ist freier Publizist in Berlin. Er gründete 1998 das Berliner Archiv der Jugendkulturen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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