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VORDENKER
Susanne Kailitz
Väter der Revolution

Intellektuelle wie Adorno oder Horkheimer lieferten den Studenten das theoretische Fundament. Glücklich waren sie damit nicht immer

Man kann den 68ern vieles vorwerfen. Theorieferne aber gehört nicht dazu: Selten habe eine akademische Generation "so energisch auf den Lektürekanon unter Gleichaltrigen geachtet wie die Studierenden der Jahre 1965 bis 1970", schreibt der Publizist Jürgen Busche, der zur Protestbewegung geforscht und geschrieben hat. Die Bücher von Philosophen wie Bloch, Marcuse und Adorno hätten sich - oft als Raubkopien - auf den Bücherständen in den Universitäten gestapelt.

Tatsächlich produzierten allein die beiden wichtigsten Sprecher des "Sozialistischen Deutschen Stundentenbunds" (SDS), Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl, Dutzende von Papieren, in denen sie sich mit den Gedanken ihrer Lehrer und Vorbilder auseinandersetzten - die sie aber auch ungehemmt als Versatzstücke einer ganz eigenen Weltsicht nutzten, unabhängig von der Intention ihrer Urheber.

Zu den wichtigsten Stichwortgebern für die studentische Revolte gehörten zweifellos die Begründer der so genannten Frankfurter Schule: Theodor Adorno und Max Horkheimer, zwei Soziologen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA emigrierten und nach dem Krieg zurückkehrten. Ihre so genannte Kritische Theorie wurde von Dutschke, Krahl und anderen Theoretikern der Studentenbewegung schier aufgesogen. Aus ihren Werken "Dialektik der Aufklärung", "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft" und "Negative Dialektik", in denen sie unter Bezugnahme auf Karl Marx eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und des Spätkapitalismus formulierten, leiteten die Studenten Handlungsempfehlungen ab. Krahl gab zu Protokoll, die Kritische Theorie seiner Frankfurter Lehrer habe der politischen Intellektuellenbewegung die Begriffe vermittelt, "die unausdrücklich den veränderten geschichtlichen Bedingungen der revolutionären Situation in den Metropolen entsprechen". Sowohl Dutschke als auch Krahl bekannten, die Protestbewegung ziehe praktische Konsequenzen aus der Kritischen Theorie. Glücklich waren die Gelehrten damit nicht: Weil er kritisch über bestimmte Aspekte der Gesellschaft geschrieben habe, sagt etwa Horkheimer, könnten sich die Studenten auf ihn berufen. "Was mich von der Studentenbewegung unterscheidet, ist meine Überzeugung, dass heute eine Revolution im Westen die Gesellschaft nicht verbessern, sondern, indem sie zur Diktatur führen müsste, wesentlich verschlimmern würde." Die Protestformen und Aktionen der Studentenbewegung waren Adorno und Horkheimer fremd, vor allem unterschieden sich Lehrer und Schüler in ihrer Einschätzung der USA: Sahen die Studenten die Vereinigten Staaten durch ihren Krieg in Vietnam als Erben des Faschismus, betonte Max Horkheimer 1967, "dass wir hier nicht zusammen wären und frei reden könnten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte und Deutschland und Europa vor dem furchtbarsten totalitären Terror gerettet hätte". Der Konflikt eskalierte, als Studenten 1969 das Institut für Sozialforschung besetzten und die Direktoren daraufhin die Polizei zu Hilfe riefen.

Deutlich glücklicher mit seiner Rolle als Ideengeber der Studentenbewegung war Herbert Marcuse. Der Soziologe, der mit Adorno und Horkheimer emigriert war, wurde mit seinen Hauptwerken "Eros and Civilization", "One-Dimensional Man" und den "Schriften zur Repressiven Toleranz" zum Vorbild der Bewegung. Der 68er-Experte Wolfgang Kraushaar schreibt in seiner Chronik der Bewegung, Marcuse sei bei einer Vortragsreihe an der Freien Universität Berlin "wie der Messias eines neuen Zeitalters begrüßt" worden. Die Studenten leiteten aus dem "Naturrecht auf Widerstand", das er für unterdrückte Minderheiten formulierte, die Legitimation für ihr handeln ab. Sie schlossen sich Marcuses Sichtweise an, dass Terror unter bestimmten Umständen nicht nur legitim, sondern gar geboten sei.

Deutlich schwieriger war das Verhältnis zum vierten Vertreter der Kritischen Theorie, Jürgen Habermas. Zwar wussten die Studenten ihn an ihrer Seite, wenn es um die Forderung ging, das Bildungswesen zu reformieren. Aber seine Warnung vor der "verhängnisvollen Strategie" der Protestierer, die zu einer "Scheinrevolution" und "linkem Faschismus" führen könne - ein Begriff, den er später zurücknahm - trübte das Verhältnis nachhaltig.

Auch die Werke Sigmund Freuds und der Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich wurden in der Bewegung rezipiert, ebenso wie die Schriften des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Wie Marcuse sprach Sartre mit Bezug auf Friedrich Engels von der Gewalt als Geburtshelferin der Geschichte und kritisierte den Kolonialismus als brutalste Form der Ausbeutung - Wasser auf die Mühlen der Studenten, die sich als Kämpfer an der Seite der unterdrückten Massen in Lateinamerika sahen. Ohnehin ist die Spezifik im Verhältnis zwischen den 68ern und ihren intellektuellen Vorbildern, dass aus deren Schriften allein das genutzt wurde, was die eigene Haltung bestärkte. Zum Schluss fraß die Revolution ihre Väter. So fragte Fritz Teufel: "Was soll uns der alte Adorno und seine Theorie, die uns anwidert, weil sie uns nicht sagt, wie wir diese Scheiß-Uni am besten anzünden und einige Amerikahäuser dazu - für jeden Terrorangriff auf Vietnam eines."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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