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sOZIALE BEWEGUNGEN
Knud Andresen
Das Wurzelgeflecht der Zivilgesellschaft

Nach 1968 wirkten neue Mitspracheformen weit über klassische Organisationen hinaus. Frauenzentren und Jugendclubs waren nur eine Folge

In den 1970er Jahren entstanden in ganz Europa neue soziale Bewegungen. Hatte die "Fundamentalpolitisierung" (Bernd Faulenbach) nach 1968 den Parteien und Gewerkschaften, den alten sozialen Bewegungen also, noch hunderttausende neue Mitglieder gebracht, wirkten die neuen Demokratisierungsbegehren weit über diese klassische Organisationen hinaus. Zuerst waren es Schüler und Lehrlinge, die wie Studenten gegen autoritäre Strukturen aufbegehrten und mehr Mitbestimmung forderten, aber schon bald bildeten sich an spezifischen sozialen Konflikten und Wertvorstellungen Bewegungen heraus, die nicht nur von einer sozialen Gruppe gebildet wurden.

Autonome Frauenbewegung Oft ist vermutet worden, diese neuen Bewegungen seien lediglich eine Nachwirkung der politischen Ereignisse um das Jahr 1968. Gewiss waren Forderungen nach Partizipation und Anerkennung von Betroffenen als Experten für ihre eigenen Interessen von der globalen Jugendrevolte inspiriert, aber nicht immer lassen sich diese direkt darauf zurückführen. Vielen Akteuren ging es um mehr als eine Forderung; es ging im Kern darum, Demokratisierung als einen dauerhaften gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu betreiben.

Eine dieser neuen sozialen Bewegungen war zugleich eine sehr alte, hatte doch schon gut ein Jahrhundert zuvor eine auf Emanzipation und Gleichberechtigung drängende Frauenbewegung Fahrt aufgenommen; nun formierte sich eine neue Generation. Ungewollte Impulse gab dabei um 1968 nicht zuletzt die Ignoranz männlicher Protagonisten der Studentenrevolte, die auch den berühmten Tomatenwurf Richtung Männer auf einem Studentenkongress in Frankfurt am Main provozierte. Wenige Monate davor hatte sich Anfang 1968 in Berlin der "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen" gegründet, in beiden Städten entstanden die ersten "Kinderläden". Ab 1971 organisierten sich Frauen als autonome Frauenbewegung, die sich eigene Frauenzentren und Diskussionsforen schuf und die patriarchale Geschlechterordnung grundsätzlich angriff. Häusliche Gewalt, systematische Diskriminierungen und Benachteiligungen im Erwerbsleben sowie Selbstbestimmung wurden auf die politische Agenda gesetzt.

Jugendzentren Anfang der 1970er formierte sich im suburbanen und kleinstädtischen Raum eine Jugendzentrumsbewegung. Sie konnte tausende von Jugendlichen mobilisieren, um selbstverwaltete Freizeiträume zu schaffen. Diese Freiräume wurden manchmal konflikthaft, oft aber auch in offener Diskussion mit den zuständigen kommunalen Stellen ausgehandelt.

Zankapfel Gebietsreformen Mit dieser Bewegung kamen linke, jugendkulturelle Verhaltensweisen in die Provinz, doch entstand in den Auseinandersetzungen um Gebietsreformen auch eine von bürgerlichen Kreisen getragene Protestbewegung, die sich gegen als willkürlich empfundene Verwaltungsentscheidungen wehrte. Als Protestformen wurden sowohl Demonstrationen und Unterschriftensammlungen genutzt, aber oft wurde auch der juristische Weg beschritten. In größeren Städten waren es Mieter- und Anwohnerinitiativen, die geplante Abrisse ganzer Straßenzüge verhinderten und ihr Unbehagen an stadtplanerischen Großprojekten auf die Straße brachten. Es ging dabei nicht allein um Verhinderungen, da diese Bewegungen mit dazu beitrugen, dass Innenstadtbereiche seitdem behutsamer saniert werden. Bundesweit gab es Versuche von Vernetzungen, aber prägend in den sozialen Bewegungen waren dezentrale, lokal orientierte Gruppen.

Die 1970er Jahre wurden zu einer Hochphase von Bewegungen, in denen sich die hohe politische Konflikthaftigkeit des Jahrzehntes zeigte - auch in Parteien, den Kirchen oder den Gewerkschaften, die mit Kritik an organisationseigenen "Demokratiedefiziten" konfrontiert wurden. Die ökologischen Belastungen wurden bald intensiv in der wachsenden Umweltschutz- und der Anti-Atomkraft-Bewegung verhandelt und führten mitentscheidend zur Gründung der Partei "Die Grünen" im Jahr 1980.

Enquete »Jugendprotest « Auch wenn sich die junge Partei als Sprachrohr unterschiedlichster Bewegungen verstand, war sie nicht deren Vollendung. Die Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre gewann ihre große Mobilisierungskraft gerade aus der Heterogenität ihrer Akteure, vor allem aus Kirchen, Gewerkschaften und der Sozialdemokratie. Die Bewegungselemente wurden bewusst verstärkt: ein geringer Organisationsgrad und lokale Bündnisse waren ein Kennzeichen dieser Bewegung, die bei bundesweiten Demonstrationen mehrere hunderttausend Teilnehmer auf die Beine brachte.

Angesichts der Jugendunruhen 1980/81 forderte die Enquete-Kommission des Bundestages "Jugendprotest im demokratischen Staat" in ihrem Abschlussbericht, Politik als Prozess zu verstehen, nicht nur als administrative Regulierung. Dazu gehöre, dass zugehört werde und die Anliegen der Betroffenen mehr Berücksichtigung fänden. Die Historikerin Sabine Mecking hat diese Diskussionshaltung als "Kultur des Aushandelns" bezeichnet, die in den Verwaltungen und politischen Entscheidungsgremien selbstverständlicher wurden. Zugleich wuchs die Akzeptanz für neue Protestformen.

Seit den späten 1980er Jahren wurde zunehmend der Begriff Zivilgesellschaft benutzt, um bürgerschaftliches Engagement zwischen Staat, Markt und Familie zu beschreiben. Die neuen sozialen Bewegungen haben - über zahlreiche Verfalls- und Anpassungsprozesse hinaus - viel zu einer Ausbreitung der Zivilgesellschaft und der Demokratisierung im Land beigetragen. Viele Bewegungen erlebten Prozesse der Institutionalisierung und wachsender Expertise, die häufig zum Verlust des Bewegungscharakters, aber zugleich auch zum Aufstieg sogenannter Nichtregierungsorganisationen (NGO) führte.

Flüchtlingshelfer Jüngere Bewegungen wie beispielsweise "Attac", "Stuttgart 21" oder auch das große Engagement vieler freiwilliger Helfer während der Flüchtlingsereignisse 2015 zeigen, wie breit verankert politisches Engagement jenseits etablierter Gruppen heute ist. Der Demokratisierungsimpuls der späten 1960er Jahre hat dazu mit beigetragen.

Der Autor ist Privatdozent an der Universität Hamburg und Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte .

Aus Politik und Zeitgeschichte

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