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sexuelle revolution

Liebe in Zeiten aufgeheizter Politik

Die 68er versprachen eine neue Freiheit für Frauen. Eingelöst ist dies bis heute nicht

Vier Männer, drei Frauen und ein kleiner Junge, allesamt nackt, stehen mit dem Rücken zum Betrachter an einer weißen Wand. Mit ihren Händen stützen sie sich ab, die Beine sind gespreizt, als stünden hinter der Kamera Polizisten, die sie filzen wollen. Nur der kleine Junge rechts im Bild dreht Oberkörper, Kopf und Blick dem Betrachter zu, als wolle er sagen, was die Erwachsenen mit ihren nackten Hintern deutlich zu verstehen geben: "Ihr könnt uns alle mal..." Seit mehr als 50 Jahren steht dieses Bild für die vermeintliche Freizügigkeit der Kommune 1 in Berlin, das Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie, und die sexuelle Revolution der 68er.

Das Foto vom Juni 1967 von Thomas Hesterberg ist ein Stück deutscher Zeitgeschichte, eine Ikone. Es steht für die Proteste einer Generation, die sich Ende der 60er im Kampf gegen die eigenen Eltern und eine als verklemmt empfundene Gesellschaft aufrieb. Und es steht für eine Haltung, in der das Private immer auch politisch sein sollte. Sprüche wie "Euch die Macht - uns die Nacht" oder "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" standen nicht mehr an den Toilettentüren, die in der Kommune ausgehängt wurden, sondern an Hauswänden.

Dem Postulat der freien Liebe ging zunächst allerdings ein scheinbar unpolitisches Ereignis voraus. 1960 war in den USA die erste Antibaby-Pille auf den Markt gekommen, 1961 brachte Schering "Anovlar" in den Handel, die erste deutsche Pille, wie das Mittel zur Empfängnisverhütung schon bald nur noch heißen sollte. "Wir können heute schon mit Gewissheit sagen, daß an diesem Tag ein gewaltiger Schritt vorwärts getan wurde zur Lösung eines der brennendsten Probleme, das sich im Zusammenleben von Frau und Mann ergibt: das Problem der Geburtenregelung und darüber hinaus der Familienplanung", hieß es im Magazin "Stern" euphorisch. Vor allem die horrende Zahl von Abtreibungen - von 750.000 bis 1,5 Millionen im Jahr reichten die Schätzungen - sollte mit der Pille eingedämmt werden. Dass durch die Pille die Promiskuität, die sexuelle Freizügigkeit der Jugend gefördert wird, das wurde vom "Stern" noch als Gefahr bezeichnet.

Interesse an Sex Denn nichts interessierte die Jugend damals mehr als Sex, der allein mit Verboten belegt war. "Den Aufmerksameren unter den Jugendlichen war nicht entgangen, daß bei den Erwachsenen die starken Ängste vor dem Sexuellen deutlich etwas zu tun hatten mit ihrem politischen Verhalten in der Hitlerzeit,... daß der verheimlichte Faschismus der Eltern in irgendeiner Verbindung stand mit ihrer zwanghaften Verheimlichung des Sexuellen", schrieb der deutsche Kulturtheoretiker Klaus Theweleit 1996 anlässlich 35 Jahren Pille.

Die 68er zählten zu den Aufmerksameren. Fünf Jahre nach Einführung der Pille verbreitete eine Münchner Jurastudentin in der Studentenzeitung eine Liste mit Ärzten, die die Pille verschrieben, ohne unnötige Fragen zu stellen. Das machte an vielen Universitäten Schule. 1968 sahen binnen vier Monaten fünf Millionen Menschen im Kino "Das Wunder der Liebe" von Oswalt Kolle, der als "Sexualpapst" gefeiert wurde. Vor allem Frauen eröffnete sich auf einmal eine andere Zukunft als Kinder, Küche, Kirche. Im "Stern" bekannten 374 Frauen im Juni 1971: "Ich habe abgetrieben." "Mein Bauch gehört mir" war ihre Parole, ihr Ziel die Abschaffung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches. Es gibt ihn zwar heute noch, aber ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht mehr per se strafbar.

Bis 1977 sollte es noch dauern, dass Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten gehen durften. Erst dann hieß es im Bürgerlichen Gesetzbuch: "Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein."

Dass Frauen 50 Jahre nach ihrem Aufbegehren noch nicht völlig gleichberechtigt sind, war 1968 nicht vorgesehen. Aber das Begehren hat nie aufgehört. 2008 entstand zunächst in der Ukraine die Bewegung "Femen". Femen-Frauen treten europaweit statt mit blanken Hintern mit blanken Brüsten für Frauenrechte ein. Zuletzt 2015 in Berlin: Anlässlich des "Marschs für das Leben" für eine Verschärfung des Paragraphen 218, organisiert vom Bundesverband Lebensrecht, ließen Femen-Aktivistinnen einen Banner vom Balkon des Berliner Doms herab mit der Aufschrift "Thank god I can abort", zu deutsch: "Gott sei dank kann ich abtreiben".

Soziale Medien als Motor Nicht immer stoßen solch provokante Methoden auf Zustimmung. Auch unter Frauen nicht. Am ehesten lassen sich heute Mehrheiten in den Sozialen Medien finden. Unter dem Hashtag #aufschrei kamen innerhalb weniger Tage im Januar 2013 mehr als 57.000 Twitter-Nachrichten zusammen über Übergriffe, denen Frauen sich in ihrem Alltag ausgesetzt sehen und die sie als sexistisch empfinden. Gemeinsam mit einem zur gleichen Zeit wiederum im "Stern" erschienenen Artikel über eine als übergriffig beschriebene Begegnung der Journalistin Laura Himmelreich mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle lösten die Tweets in der Öffentlichkeit eine nie zuvor dagewesene Debatte über Sexismus aus.

Ob sie 50 Jahre nach der sexuellen Revolution zur Gleichheit der Geschlechter führt, ist offen. Die US-amerikanische Feministin und Kulturhistorikerin Camille Paglia schrieb 1990: "Die Feministinnen, die sich bemühen, der Sexualität Gewaltverhältnisse auszutreiben, wenden sich gegen die Natur. In der westlichen Kultur gibt es keine Beziehungen ohne Ausbeutung."

Aber die Beziehungen stehen heute unter anderen Vorzeichen. "Wir haben jetzt schöne neue Diskurse, nagelneu, ... die die Konstruktionen der Geschlechtlichkeit selbst in Frage stellen", schrieb Theweleit 1996. Er sollte Recht behalten: Anfang November 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, künftig solle es neben "männlich" und "weiblich" eine dritte Geschlechtsangabe geben. Die Geschlechter hat 1968 niemand in Frage gestellt, auch die Kommune 1 nicht.Petra Welzel

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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