Inhalt

REAKTIONEN
Winfried Dolderer
Proteste gegen den Protest

Von Standesinteressen, »alternativen« 68ern und kulturellen Konterrevolutionären

Der protestantische Theologe und Kirchenhistoriker Walter Elliger hatte schon manchen Strauß ausgetragen. Als junger Hochschullehrer hatte er die "antichristliche Polemik" der Nationalsozialisten gegeißelt, als Professor an der Ostberliner Humboldt-Universität sich mit der SED angelegt. Schließlich wechselte Elliger 1963 an die neugegründete Universität Bochum. Doch ob das eine kluge Entscheidung war, daran begann er im Laufe der Zeit zu zweifeln. "Was ich in den letzten beiden Jahren hier erlebt habe, stellt die in der DDR gemachten Erfahrungen weit in den Schatten", schrieb er 1970 verbittert über die Umtriebe rebellischer Studenten, "und lässt mich heute fast bereuen, dem Ruf an die Ruhr-Universität gefolgt zu sein."

»Liberale Scheißer« Welch einen Schock die Revolte jenen zufügte, gegen die sie sich richtete, auch Professoren, die sich selber als "liberal" verstanden, hat unlängst ein damals Betroffener geschildert, der heute 92-jährige Germanist und Göttinger Emeritus Albrecht Schöne: "Ich galt wohl als einer der 'liberalen Scheißer'", die in den Augen der studentischen Wortführer "sogar besonders verhasst waren". In traumatischer Erinnerung hat Schöne den 13. Mai 1969, als er die zum Hörsaal umgebaute Paulinerkirche betrat und das Podium von 20 Protestlern gekapert fand, die ihn wüst beschimpften. Bis heute fragt sich Schöne, ob er sich nicht einfach zum Mikrofon hätte durchboxen sollen, statt wortlos das Feld zu räumen.

Mehrere seiner Vorlesungen seien damals gesprengt worden, in einem Fall hätten Störer ihm auch das Manuskript entrissen. Vorlesungen seien nichts weiter als der "zeremonielle Ausdruck des Privatbesitzes an wissenschaftlichen Produktionsmitteln", hieß es in einem Flugblatt: "Ich habe dann acht Jahre lang keine Vorlesungen mehr angeboten." In einem anderen Pamphlet wurde dazu aufgerufen, die "Weiber" und Töchter der Professoren zu "vögeln". Schönes Mülltonne wurde durchwühlt, eine Inventarliste des Inhalts veröffentlicht. "Aggression und ungeheuerliche Brutalität", das sind in Schönes Erinnerung die prägenden Merkmale der damaligen Zeit.

Es blieb nicht aus, dass sich Widerstand formierte. Bereits 1968 machten Professoren von über 30 Universitäten im "Marburger Manifest" Front gegen die "Demokratisierungsbestrebungen der Hochschulen". Im November 1970 trafen sich in Bad Godesberg rund 1.500 Vertreter von Forschung und Lehre, Wirtschaft und Politik, um den "Bund Freiheit der Wissenschaft" aus der Taufe zu heben. Im Gründungsmanifest hatten sie sich dem Anliegen verschrieben, "den Gesinnungsterror fanatisierter Gruppen an den Hochschulen" abzuwehren.

Zu den Initiatoren zählten unionsnahe Gelehrte wie der Politikwissenschaftler Hans Maier und der Historiker Konrad Repgen, aber auch konservative Sozialdemokraten wie der Philosoph Hermann Lübbe und der Politologe Richard Löwenthal. Löwenthal hatte einst in der Weimarer Republik selber als kommunistischer Studentenfunktionär agitiert. Jetzt galt seine Sorge dem Einfluss "freiheitsfeindlicher Extremisten" und "undurchdachten Hochschulgesetzen", die "diesen Extremisten Macht gaben". Die von sozialliberalen Bildungspolitikern betriebene Umgestaltung der Universitäten, fürchtete Löwenthal, werde nicht "Anhängern konstruktiver Reform" zugutekommen, sondern den "Kommunisten verschiedener Richtungen".

Der Bad Godesberger Kongress verabschiedete eine Resolution gegen die "dilettantischen Bestimmungen in einer Reihe von Hochschulgesetzen, die Nichtwissenschaftlern zunehmenden Einfluss" gewährten. Darum ging es im Kern - die Verteidigung der Ordinarienuniversität gegen das Modell der Drittelparität, in dem auch Assistenten und Studenten über Mitbestimmungsrechte verfügten. Der Theologe Elliger etwa mochte keinen Gewinn darin sehen, sich "durch einen wilden Papierkrieg und nutzlose Marathonsitzungen zermürben und von meiner wissenschaftlichen Arbeit abhalten zu lassen".

Gemäßigte Reformer Dass es an den Universitäten und in der Gesellschaft der damaligen Bundesrepublik nichts zu reformieren gab, wäre Wulf Schönbohm, dem Bundesvorsitzenden des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) von 1967 bis 1968, nicht in den Sinn gekommen. Mit Grausen erinnerte er sich Jahrzehnte später daran, wie ihn die Berliner Zimmerwirtin seiner Freundin jeden Abend spätestens um 22 Uhr an die Luft setzte, weil sie sich vor dem "Kuppeleiparagraphen" ängstigte, sollte er über Nacht bleiben. Doch er mochte nicht einsehen, dass es, um den gesellschaftlichen Muff und Mief zu durchlüften, des Umsturzes der politischen Ordnung bedurfte, der Beseitigung von Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaat. Schönbohm veröffentlichte 1969 ein Buch über "Die Thesen der APO - Argumente gegen die radikale Linke" und stritt auf etlichen Podien mit Rudi Dutschke, der für ihn im Übrigen "der einzige mir sympathische Linke war".

Von ihren akademischen Lehrern unterschieden sich Schönbohm und seine Mitstreiter darin, dass sie derselben Generation angehörten wie die Revoluzzer und sich wie diese über den gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Veränderungsbedarf einig waren, allein den Sozialismus-Rezepten nichts abgewinnen konnten. Die "alternativen 68er" nannten sie sich, als in späterer Zeit die Republik mit jedem runden Jahrzehnt nach 1968 in Gedenkseligkeit schwelgte. Leicht hatten es diese "Alternativen" damals nicht. Als im Mai 1965 die Studenten des Otto-Suhr-Instituts den ersten Vorlesungsstreik in der Geschichte der Berliner FU beschlossen, meldete sich Schönbohm mit Zweifeln an der Sinnhaftigkeit zu Wort: Studenten seien keine Arbeitnehmer. Wenn sie den Vorlesungen fernblieben, schadeten sie nur sich selbst: "So begann meine Karriere als Faschist."

Auch der spätere Politikwissenschaftler Gerd Langguth, einer der Nachfolger Schönbohms im RCDS-Vorsitz, musste erfahren, "dass es nicht immer einfach ist, in einer emotional aufgeheizten Situation zu einer Minderheit zu gehören, zumal ja damals alle Anhänger der politischen Ordnung der Bundesrepublik unter einen Faschismusverdacht gestellt worden waren". Langguth hatte sich mit 22 "gegen den allgemeinen Mainstream" für das christdemokratische Lager entschieden, weil es ihn empörte, "wie linke Ideologen gerade auch liberale Professoren an ihren Vorlesungen hindern wollten".

Konterrevolution Weder um die Verteidigung professoraler Standesinteressen noch um einen Reformismus christdemokratischer Prägung ging es in erster Linie der dritten Variante des Protests gegen den Protest, deren Wortführer vielmehr eine kulturelle Konterrevolution im Sinn hatten. Der namhafteste unter ihnen war der Sozialphilosoph Günter Rohrmoser, nach dessen Überzeugung die "Kulturrevolution" der 68er "tiefer in das Selbstverständnis der Deutschen eingegriffen" habe, "als es vermutlich der nationalsozialistischen Kulturrevolution gelungen ist".

Unter dem Titel "Das Elend der Frankfurter Schule" hatte Rohrmoser 1970 eine Abrechnung veröffentlicht mit den intellektuellen Mentoren der Bewegung. Diese habe das, was noch "an überkommener bürgerlicher Kultur selbst vom Nationalsozialismus übriggelassen worden war, (...) diesen durch Tradition verbürgten Kulturbestand vernichtet". Rettung war nach seiner Ansicht nur von einer "geistig-moralischen Wende" zu erhoffen, die mit der Hinterlassenschaft der 68er rabiat aufräumen sollte. Dass eine so verstandene "Wende" nach dem Regierungswechsel von 1982 ausblieb, hat Rohrmoser der CDU und dem Kanzler Helmut Kohl nie verziehen. Er wurde dann 1979 zum Inspirator des von Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsidenten Hans Filbinger gegründeten "Studienzentrums Weikersheim", das sich "die geistige Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution von 1968" auf die Fahne schrieb, und zwar "im Sinn eines freiheitlichen, christlich fundierten Konservatismus".

Mit den Veteranen der Revolte teilte die Rohrmoser-Schule freilich eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit, nämlich die Überzeugung, dass die 68er die Gesellschaft nachhaltig verändert hätten. Erst sie hätten die Bundesrepublik "zivilisiert" und zu einem "normalen Staat" werden lassen, meinte die spätere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne), während der Historiker Gerd Koenen ihnen nicht weniger als die "soziokulturelle Neugründung" der Republik aufs Konto buchte. Dagegen hielt etwa Gerd Langguth die 68er mit solchen Zuschreibungen für weit überschätzt und wies darauf hin, dass die gesellschaftliche Modernisierung unabhängig von und lange vor ihnen eingesetzt hatte. Winfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag