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Sowjetunion

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Hippiekultur hinter dem Eisernen Vorhang

Äußerlich unterschied sie eigentlich nichts von ihren Altersgenossen in der San Franciso Bay Area: Sie trugen Schlaghosen, stecken sich Blumen ins lange Haar, nähten sich bunte Stofffetzen auf die Kleidung. Ende der 1960er Jahre schwappte die Hippiekultur auch in Sowjetunion, zunächst in den großen Städten wie Moskau, Leningrad und Kiew und im Baltikum, später war die Szene landesweit bis nach Sibirien und den fernen Osten gut vernetzt. Wie Wandervögel reisten und trampten sie von einem geheimen Treffen zum nächsten Untergrund-Festival, im Gepäck ein Notizbuch mit Telefonnummern und Adressen von Gleichgesinnten, bei denen man übernachten konnte. Statt in die Ashrams Indiens aufzubrechen gingen die sowjetischen Blumenkinder, die sich selbst "Sistema" nannten, auf Sinnsuche in die Weiten Zentralasiens oder in die Berger der Balkans und des Kaukasus. Selbstverständlich waren auch Drogen im Spiel, doch in Ermanglung von LSD und anderer Halluzinogene experimentierte man zum Beispiel mit einem Sud aus dem Inhalt von "Astmatol"-Zigaretten, einer - man mag es heute kaum glauben - damals gebräuchlichen Zigarettenmarke für Asthmakranke. Vor allem die Musik schweißte zusammen, nur war es natürlich deutlich schwieriger an die Platten der des Psychedelic Rocks von Pink Floyd, The Doors oder Grateful Dead zu kommen.

Viel mehr noch als in Nordamerika und Westeuropa aber war das Bekenntnis, ein Hippie zu sein, ein politisches - das zeigt der Dokumentation "Soviet Hippies" der estnischen Filmregisseurin Terje Toomistu. Für die staatlichen Stellen war "Sistema" nicht einfach nur in erster Linie eine Jugendbewegung, sondern eine vom westlichen Klassenfeind hineingetragene Gefahr. Milizionäre hielten in den Städten nach Langhaarigen Ausschau, um ihnen noch im Einsatzwagen den Schopf zu scheren, einige "Sistema" wurden in Psychiatrien gesteckt und dort Schocktherapien unterzogen. 1971 genehmigten die Behörden den suspekten Blumenkinder eine Demonstration in Moskau gegen den Vietnam-Krieg, nur um dann die aus dem ganzen Land angereisten "Gammler" dem KGB auf dem Präsentierteller zu übergeben. An dieses Ereignis erinnert die in die Jahre gekommene Szene bis heute bei einem jährlichen Treffen am 1. Juni im Moskauer Zarizyno-Park.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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