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DDR
Claudia Heine
Schräges Crossover

Wie ein »Klub der Intelligenz« nach Nachwuchs sucht - und langhaarige Jugendliche mit Jazz-Platten aus Detroit kommen

Sie nannten sich Early, Blacky oder Zappa und passten mit ihren langen Haaren und Parkas eigentlich nicht dorthin. In das Klubhaus in der Magdeburger Hegelstraße, nahe am Dom. Ein prachtvolles Gebäude der Jahrhundertwende, in dessen Klubräumen sich die Mitglieder des "Klubs der Intelligenz", vornehmlich ältere Herrschaften mit Professorentiteln, in schweren Ohrensesseln Gedanken über die Zukunft des Klubs machten. Denn der Nachwuchs fehlte, auch weil Ideen fehlten. "Die Klubleitung hat sich verstärkt bemüht, Veranstaltungen mit hohem aktuell-politischen Aussagewert durchzuführen. Bei den Mitgliedern finden jedoch musikalisch akzentuierte Veranstaltungen weitaus mehr Interesse. Kleinere aktuell-politische Gesprächsrunden zu organisieren, scheitert nicht zuletzt daran, dass der Klub derzeit kein Niveau mehr ausstrahlt", heißt es 1973 in einer Analyse des Kulturbundes, unter dessen Dach der Klub arbeitete.

Der Kulturbund als "Organisation kulturell Tätiger und Interessierter" mit seinen knapp 300.000 Mitgliedern fungierte als Sammelbecken sowohl für Heimatforscher, Hobbyphilatelisten, aber auch für Künstler und Intellektuelle. Das passte nie so richtig zusammen und stellte seine Legitimationsgrundlage während seiner ganzen Existenz immer wieder in Frage. Weil einheitliche Leitlinien für so unterschiedliche Interessengruppen schwer zu formulieren waren, entstanden aber auch Freiräume. Natürlich in Grenzen und kontrolliert.

Bitte kein Mainstream Das wussten auch Erhard, alias Early und seine Freunde. Sie wollten diese Freiräume trotzdem nutzen, gründeten ein sogenanntes Jugendaktiv als Untergruppe des Klubs der Intelligenz und versprachen, durch "pädagogisch wertvolle" Veranstaltungen dessen Attraktivität insgesamt zu steigern. Zweimal in der Woche durften sie fortan die Räumlichkeiten nutzen. Sie taten das mit großem Erfolg, die Jugendlichen strömten zu den Künstler-Workshops, Vorträgen und vor allem zu den Musikabenden und Konzerten. "Wir haben bei den Diskotheken natürlich Wert darauf gelegt, dass wir uns musikalisch abheben. Rolling Stones haben wir nicht gespielt, weil wir diesen Mainstream niveaulos fanden. Es musste irgendetwas 'Progressives' sein", sagt Erhard.

Und die Ideen dafür kamen vor allem aus den USA. Denn Erhards Schwester Leni Sinclair lebte seit 1959 in Detroit und avancierte als Fotografin zu einer wichtigen Porträtistin der Jazz- und Rock-Szene der 1960er und 1970er Jahre. "Sie war Extremkommunistin, Maoistin, Hippie, mit allem, was dazugehört" - und ein starker Einfluss für den zwölf Jahre jüngeren Bruder und dessen Freundeskreis. Ihre Rock-, aber vor allem Jazzplatten wurden vom Magdeburger Jugendaktiv hoch und runter gespielt, umrahmt von musiktheoretischen Vorträgen. Man sollte ja, und wollte es auch, pädagogisch anspruchsvoll sein. "Durch diesen sehr lebendigen Austausch mit seiner Schwester in den USA haben wir eben gesehen, was so an Freiheiten für einen Menschen möglich ist und wollten Teile davon auch hier verwirklichen", erinnert sich Joachim, genannt Blacky.

Heftige Pendelbewegungen Amerikanische Musikplatten in einem offiziellen Rahmen zu spielen - dafür lieferte die SED mit ihrem Jugendkommuniqué bereits 1963 die Basis. Auch wenn, wie stets in der DDR, auf kulturpolitische Lockerungen wieder drastische Einschränkungen folgten: Die Büchse der Pandora war damit geöffnet und nach den Zugeständnissen von 1963 konnte die SED auch nicht wieder auf Null zurück. Denn die Jugend für das Sozialismus-Projekt zu begeistern, war schlicht eine existenzielle Frage und funktionierte nicht allein mit Druck, das wusste man auch im Politbüro. So hieß es plötzlich im besagten Kommuniqué, die Jugend solle "ohne Gängelei, Zeigefingererheben und Administrieren" erzogen werden. Natürlich verlangte man von ihr weiter eine aktive Beteiligung am Aufbau des Sozialismus, warb aber gleichzeitig für mehr Offenheit. "Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen, Hauptsache, sie bleibt taktvoll", hieß es in dem SED-Papier. Die westliche Beatmusik hielt damit sozusagen offiziell Einzug in die DDR-Diskotheken und wurde zunehmend von eigenen Bands nachgeahmt. Es entstand die sogenannte Singebewegung, die zwar anfangs noch wohlwollend beobachtet wurde, der Parteiführung jedoch zunehmend entglitt. 1965 erschien die erste Beatles-LP und die erste LP mit DDR-eigener Beatmusik bei Amiga - gerade noch rechtzeitig.

Denn schon im Dezember 1965 drehte sich mit dem 11. Plenum des ZK der SED wieder der Wind. Eigentlich sollte es bei dem Treffen nur um Wirtschaftsfragen gehen, tatsächlich entwickelte es sich zu einem "Kahlschlag-Plenum" über die bisherige Jugend- und Kulturpolitik. In dessen Folge wurden zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen verboten. Die Schriftstellerin Brigitte Reimann notierte daraufhin in ihrem Tagebuch: "Heute war die Rede Honeckers auf dem ZK-Plenum abgedruckt. Die Katze ist aus dem Sack: Die Schriftsteller sind Schuld an der sittlichen Verrohung der Jugend." Die Stellschrauben wurden fester angezogen, im Kampf gegen Anglizismen wurden aus Hits wieder Spitzentitel und der von dem in der DDR lebenden kanadischen Folksänger Perry Friedman organisierte "Hootenanny-Club" wurde zum "Oktoberklub". 1971. Mit dem Wechsel von Ulbricht zu Honecker an der Partei- und Staatsspitze standen die Zeichen für einige Jahre dann wieder auf Lockerung. Die DDR strebte nach außenpolitischer Anerkennung und da passte ein bisschen Weltoffenheit ganz gut ins Konzept.

Gelebte Weltoffenheit Weltoffenheit ist dem Magdeburger Freundeskreis nie abhanden gekommen. Sie drückte sich vor allem über die Hingabe zur Musik aus. Ob Jazz, Blues oder Rock: Musik war mehr als das, in ihr drückte sich ein geistiges Grenzgängertum aus, das auch eine Mauer nicht verhindern konnte. "Dieser Freiheitsgeist schwappte wirklich in erster Linie mit der Musik rüber, so ein Hauch von dem Lebensgefühl. Man ist da, zumindest für eine Weile, wie mit der großen weiten Welt verbunden. Das tat gut. Das ist richtig gut gewesen", sagt Joachim. Und das wurde auch äußerlich untermauert, mit Jeans, Wildlederschuhen, Parka und langen Haaren. "Man wirkte dann schon so im Straßenbild und das war auch gewollt. Ich wollte einfach anders sein. Das war auch gar nicht so fest zu definieren. Das war irgendwie auch so ein Gefühl", so "Blacky" weiter. Das, was sich 1968 beziehungsweise in den Jahren davor und danach im Westen abspielte, beeinflusste junge Menschen in der DDR massiv. Jedoch in erster Linie kulturell und in Fragen des Lebensstils.

Ging es um politische Ideen, waren die Ereignisse in Prag jedoch prägender, denn sie ließen sich eher auf die eigene Lebensrealität übertragen. Für Erhard waren sie sogar lebensentscheidend: "Ich hatte demonstrativ eine tschechische Flagge an meiner Jacke. Ich war kurz vor dem Einmarsch der russischen Truppen noch dort und habe viele Leute kennengelernt. Das hat mich beflügelt. Letztlich habe ich meinen Plan, mit 18 nach Amerika abzuhauen, wegen der positiven Entwicklung in der CSSR aufgegeben." Das mag für Außenstehende wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings paradox erscheinen. Doch zeigt es, dass sich nicht alle vom Gefühl der Ohnmacht lähmen ließen, sondern trotz des gewaltsamen Endes Hoffnung daraus schöpften. "Es war für mich eigentlich die Keimzelle meines Engagements", sagt Erhard. Er verfasste mit Blacky und ein paar Anderen einen Zwölf-Punkte-Plan unter dem Namen "progressive youth", in dem es unter anderem heißt: "Wir wollen alle Strukturen befreien vom geschlossenen System der Vorschriften, wir wollen, dass jeder dort leben kann, wo er seine Bedürfnisse am besten befrieden kann." Wegen "staatsfeindlicher Hetze" landete Erhard 1971 für 18 Monate im Gefängnis - und die Stasi füllte fortan Aktenordner um Aktenordner über ihn - bis 1989.

Die Reise geht weiter Doch dieser Bruch bedeutete nicht das Ende ihres Engagements. Ausreisen wollten sie nicht (mehr), denn "Kapitalismus, diesen ganzen Konsumterror wollten wir ja auch nicht", sagt Joachim. "Dann haben wir uns überlegt, dass wir uns schon weiter engagieren wollten. Aber es musste was Offizielles sein und da kam uns der Kulturbund gerade recht."

Ein paar Jahre ging das wilde Treiben auch ganz gut. "Wir haben zwar nicht gegen die DDR gearbeitet, aber es waren immer so Gratwanderungen, so ein Crossover. Wir wurden beobachtet, aber man hat uns auch Möglichkeiten gegeben. Ein bisschen schizophren war das schon", sagt Erhard. Nachdem sich Mitte der 1970er Jahre der Wind mal wieder zu drehen begann, ging es auch mit dem Jugendaktiv zu Ende. Offiziell, weil sie es nicht geschafft haben, genügend "junge Intelligenz" an den Klub zu binden. Aber auch danach ging es für den Freundeskreis weiter: in der Friedensbewegung oder als Organisatoren von Free-Jazz-Konzerten in der ostdeutschen Provinz. Denn dort wurde der Geist von "68" in einer Art DDR-Woodstock weiter gefeiert. Bis zum Sommer 89.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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