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Blick nach Osten
Interview
»Eine Eintrittskarte für Gesellschaftskritik«

Viele 68er kritisierten, dass es in der DDR keinen Widerstand nach westlichem Vorbild gab. Den konnte es so auch nicht geben, sagt Detlef Pollack

Herr Pollack, Sie haben den Einfluss der westdeutschen Revolte von 1968 auf die DDR im Vergleich zu den Prager Ereignissen als weniger bedeutsam bezeichnet. Wie wirkte sie dennoch auf die Ostdeutschen?

Die DDR-Bürger haben, vor allem über die Medien, die Partizipations- und kulturellen Aufbruchsbestrebungen in der Bundesrepublik sehr intensiv verfolgt. Insofern sollte man die kulturellen Impulse, die von der 68er-Bewegung auf die DDR ausgegangen sind, nicht unterschätzen. Sie haben auch in der DDR zu einem höheren Anspruch auf individuelle Selbstbestimmung und auf politische Partizipation geführt.

Hat man im Westen verstanden, wie prägend die Niederschlagung des Prager Frühlings für die Ostdeutschen war?

Man hat das schon verstanden, aber die Durchschlagskraft der Ereignisse nicht begriffen. Für die meisten Ostdeutschen war die Niederschlagung des Prager Frühlings durch russische Panzer und die Truppen des Warschauer Pakts eine Bestätigung ihrer Erfahrungen von 1953. Sie hat vor allem gezeigt, dass man gegen die Waffenmacht des sozialistischen Systems wenig ausrichten kann. Das ohnehin bestehende Gefühl der politischen und sozialen Ohnmacht wurde so bestätigt. Wie stark diese Wirkung war, hat man im Westen nicht wahrgenommen.

Wie wurden die Prager Ereignisse von den West-Studenten interpretiert?

Sie fühlten sich dadurch in den eigenen Emanzipations- und Partizipationsbestrebungen bestärkt. Man muss ja bedenken, dass nach 1968 die wichtigsten Intellektuellen aus der Tschechoslowakei entweder emigrierten oder sich ins Private zurückzogen haben. Das bedeutete ein kulturelles Ausbluten und führte zu einem gesellschaftlichen Stillstand über Jahrzehnte. Im Westen sah man im Prager Frühling mehr den Aufbruch, aber beschäftigte sich weniger mit seinen depressiven Folgen.

Zur gleichen Zeit fuhren FU-Studenten nach Ostberlin, um sich die Marx-Engels-Gesamtausgabe zu kaufen.

Viele Ostdeutsche fanden das sehr merkwürdig, dass sie nun mit Westdeutschen schon wieder über Marx reden sollten. Sie wollten diese seltenen Gelegenheiten des Zusammentreffens mit Intellektuellen aus dem Westen mehr dazu nutzen, etwas über das Leben und die kulturellen Entwicklungen im andern Teil Deutschlands zu erfahren. Zwar gab es auch nonkonforme intellektuellen Zirkel in der DDR, die an den Debatten über die Zukunft der Marxschen Theorie ein Interesse hatten. Die Konzentration auf den Marxismus hat, glaube ich, viele allerdings wohl eher irritiert.

Vielen 68ern blieb die DDR stets fremd. Warum?

Das hatte vor allem damit zu tun, dass viele westdeutsche Intellektuelle die DDR als den deutscheren Teil Deutschlands empfunden haben. Da war aus ihrer Sicht sozusagen die Zeit stehengeblieben. Viele der als typisch deutsch empfundenen Eigenschaften wie Obrigkeitsgehorsam oder die Hochschätzung von Werten wie Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit oder Gemeinschaftlichkeit entdeckten sie nun im Osten wieder. Die Geschichte der westdeutschen Linken aber ist großteils eine Emanzipationsgeschichte von Deutschland und den mit ihm assoziierten Werten wie Gehorsam, Gemeinschaft oder Staat. Vor allem vor diesem Hintergrund wurde die DDR, und zwar nicht nur das System, sondern auch die Haltung der Bevölkerung kritisiert.

Worauf beruhte diese Einschätzung?

Ich denke, der Ausgangspunkt für die Beurteilung der DDR durch die westdeutschen Linken war nicht das repressive System in der DDR, sondern die eigene im Westen gemachte Erfahrung, dass Gesellschaftsutopien und Gemeinschaftsideologien sich nicht durchsetzen lassen und Gesellschaften prinzipiell konflikthaft sind. Die Gemeinschafts- und Konsensorientierung der Ostdeutschen erschien ihnen nicht als Folge eines repressiven Systems, sondern als Konsequenz des Weiterwirkens "typisch deutscher" Eigenschaften.

Aber die Zeit ist doch auch in der DDR nicht stehengeblieben.

Natürlich hat es kulturelle Modernisierungs- und Liberalisierungsprozesse gegeben, wenn auch weniger durchschlagend als im Westen. Sonst hätte es 1989 nicht zu so einer breiten Demokratiebewegung kommen können.

Eine Kritik der 68er lautete, dass es in der DDR keinen ernsthaften Widerstand gegeben habe.

Ich denke, dass man im Westen die repressive Macht des Systems unterschätzt hat. Viele der Älteren haben ja in den 1950er Jahren erfahren, dass man bei offener Systemkritik mit Gefängnisstrafen rechnen muss und die Ausbildungschancen der Kinder beschnitten werden. Das Gefühl, dem politischen System ausgeliefert zu sein, war tief verinnerlicht. Man hat im Westen weithin unterschätzt, dass die DDR eine geschlossene Gesellschaft war, mit der man sich arrangieren musste. Durch den Bau der Berliner Mauer war die Möglichkeit der Flucht verstellt, und das hat die Bürger noch einmal gefügiger gemacht.

Haben die westdeutschen Linken ihre eigenen Erfahrungen zu schnell auf die DDR übertragen?

Sie haben ja die Lernerfahrung gemacht, durch Protest die Gesellschaft zwar nicht zu einem idealen Ort der Gleichen und Freien machen, sie aber sehr wohl verändern zu können. Diese positive Erfahrung hat man auf die DDR angewandt und nicht verstanden, warum die Menschen so eingeschüchtert waren. An dieser Einschätzung ist ja auch vieles richtig, denn viele Ostdeutsche waren häufig ängstlicher, als sie sein mussten, und haben Freiräume, die existierten, nicht genutzt. Aber dahinter stehen eben die negativen Erfahrungen der 1950er und 1960er Jahre.

Dennoch entstanden später zahlreiche Oppositionsgruppen.

Aber an deren inhaltlicher Ausrichtung gab es auch Kritik von westdeutscher Seite. So wurde der DDR-Opposition vorgeworfen, dass sie nicht deutlicher aufbegehrt hat, dass sie mehr von der Humanisierung und Demokratisierung des Sozialismus gesprochen habe, aber nicht die Einführung der parlamentarischen Demokratie, die Gewährung von Menschenrechten und die Überwindung der deutsch-deutschen Teilung gefordert hätten. Das waren natürlich alles Themen, die, wenn man sie angesprochen hätte, einen zum Feind der DDR gemacht hätten und jede Möglichkeit der politisch-oppositionellen Aktivität ausgeschlossen hätten.

Die westdeutschen Linken konnten nicht nachvollziehen, dass man im Osten an sozialistischen Utopien festhielt?

Nein, das konnten sie nicht. Während sie sich in den 1970er und 1980er Jahren vom Sozialismus weitgehend verabschiedeten, war das Festhalten an ihm im Osten auch so etwas wie eine Eintrittskarte für Gesellschaftskritik. Nach dem Motto: Wir sind ja für den Sozialismus, aber er muss sich ändern. Es war nahezu ausgeschlossen, das System in seinen Grundfesten zu kritisieren, dann wäre man einfach nur im Gefängnis gelandet. Man kann das als halbherzig kritisieren, aber man muss die Bedingungen bedenken, unter denen man im Osten handelte. Viele Ostdeutsche haben nach 1989 das Gefühl gehabt, dass sie in ihrer Art, Freiräume auszutesten, keine Anerkennung gefunden haben.

Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster. Eines seiner Forschungsthemen ist die innerkirchliche Oppositionsbewegung der DDR.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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