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1968
Gunter Hofmann
Ein bisschen Revolution

Deutschland hat sich seitdem vielfach gehäutet. Allerdings dreht sich der Zeitgeist spürbar

Es ist wie verhext: Kaum glaubt man einmal mehr, "68" historisieren zu können, taucht es aus der Versenkung auf, befehdet von den einen, glorifiziert von den anderen, jedenfalls quicklebendig wie eh und je. Sie bedienten sich ähnlicher Protestmethoden gegen das "Establishment" wie die Außerparlamentarische Opposition (APO) seinerzeit, rühmten sich jüngst Vertreter der AfD, nur diesmal mit dem richtigen Vorzeichen; ihre Partei positioniere sich nämlich ausdrücklich rechts gegen multikulturelles Denken und ein "links-rot-grün verseuchtes 68er Deutschland". Den Rechtspopulisten von heute und ihrer These, die einstige Protestgeneration sei für die Globalisierungsfolgen und die sozial "Abgehängten" verantwortlich, sei nur mit einem Ruf nach "mehr 68" zu begegnen, erwidert hingegen etwa die Politologin Petra Dobner.

Was bleibt, 50 Jahre nach "68"? Gewiss bescherte der Mauerfall 1989 uns allen die bei weitem nachhaltigste, tiefste Zäsur. Liest man die Geschichte der alten Bundesrepublik seit 1949 jedoch als eine von vielerlei kleineren und größeren Anfängen (und Abschieden), die in der Summe ein großes Neues ergeben, ragt "68" zweifellos unübersehbar heraus - als Chiffre für "Anfang und Aufbruch" auf vielerlei Ebenen, kulturell, gesellschaftlich, politisch zugleich. Als Leitwerte galten nun nicht länger Gehorsam, Disziplin, Pflichterfüllung oder Autorität, vielmehr ein gleichberechtigtes Verhältnis der Geschlechter, antiautoritäre Erziehung, Partizipation, Transparenz, Liberalität und Buntheit. Erst all das zusammen, ineinander verwoben und nicht wirklich greifbar, macht den bleibenden Mythos aus - und liefert den Zündstoff für ewig neue Konflikte.

Mentale Revolte Gewiss die empfindlichste mentale Herausforderung steckte in der Frage an die Elterngeneration nach ihrer Vergangenheit in der Hitler-Zeit. Erst diese Zuspitzung verlieh "68" bei uns den Charakter einer nachholenden "Stunde Null". Prompt vermisste die Aufbaugeneration (das reichte bis Helmut Schmidt und Helmut Kohl) die Anerkennung ihrer Verdienste. Ausgerechnet diese junge Demokratie und ihre Institutionen sollten als "formal" und hohl gelten? Tatsächlich mischten sich in diese mentale Revolte, den Widerstreit unterschiedlicher Wertewelten, bei manchen zweifellos auch Verachtung für den Rechtsstaat und demokratische Verfahren, oder Ressentiments gegen das "Establishment" generell, wie es damals schon hieß. Viele Verletzungen selbst bei den Verständnisvollen, die das Land liberaler und offener wollten, sind bis heute nicht recht verheilt.

Dennoch: Die Protestgeneration erkannte ihr Grundmotiv nicht zuletzt in Brandts Ostpolitik wieder, die Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen und einen strikt europäischen Weg einzuschlagen. Kanzler Willy Brandt, ein Exilant und keineswegs ein 68er, griff mit seinem Wort von der Demokratie, die erst richtig anfange, das Motiv von der "Stunde Null" insgeheim auf. Jetzt zeigte sich, dass sich die Adenauer'sche Kanzlerdemokratie zu einer Konfliktdemokratie im angelsächsischen Sinne - wie Ralf Dahrendorf es bereits 1965 vorschlug - mauserte. Staat und Gesellschaft rückten nahe zusammen, die "diskursive" Republik wollte mitsprechen.

Natürlich neigten die 68er zur Legendenbildung in eigener Sache. Sicher war der Liberalisierungs- und Modernisierungsschub bereits vorher angelegt. Unter dem Strich bleibt aber, dass die Bundesrepublik sich tatsächlich vielfach häutete. Auf die Frage nach dem, was von "68" geblieben ist, hat Jürgen Habermas wunderbar trocken erwidert: "Rita Süssmuth". Etwas von diesem Aufbruch, hieß das, sei in sämtliche Poren der Gesellschaft eingedrungen. In jedem Deutschen stecke nicht nur ein Lutheraner, wandelte daher der Rechtsphilosoph Christoph Möllers jüngst einen vielzitierten Satz ab, sondern auch ein 68er. Nicht zuletzt: Die Rebellion erfasste nicht nur den Westen, sie erreichte auch Prag, Warschau, Budapest, Ost-Berlin. West und Ost konnten einander entdecken. Der Provinzialismus der frühen Jahre kam ans Ende.

Zu einem ehrlichen Bild dieser "Umgründung" gehören auch die autoritären, antidemokratischen Versuchungen, die von "68" ausgingen, die Verehrung selbst noch für Pol Pot, vor allem aber die blutige Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF) bis hin zum "deutschen Herbst" 1977. Joschka Fischer, seit 1998 Außenminister, hat im Streit über seine Frankfurter "Straßenkämpferjahre" und seine Nähe zu Weggefährten, die in den Terrorismus abglitten, bemerkenswert offen davon gesprochen, er habe Glück gehabt, weil er sich gerade noch für einen anderen Weg, den durch die Institutionen, entschied.

Aus der Revolte gingen Bürgerinitiativen, Kernkraftgegner, Friedens- und Frauenbewegung hervor, schließlich 1980 die neue Partei der Grünen. Mit Gerhard Schröders rot-grüner Koalition kam die Protestgeneration doch noch in den höchsten Ämtern der Republik an. Beinahe in letzter Sekunde konnten sich die Generationen, die disparaten Wertewelten, die höchst gegenläufigen Politikmodelle miteinander versöhnen, nahezu jedenfalls.

Aber nicht die Ausfransungen und Verirrungen, sondern wohl eher die gesellschaftlichen und kulturellen Erfolgsspuren führten dazu, dass von Anfang an die Deutungen von "68" aufeinander prallten. Es stimmt ja: Die Republik hat sich seitdem beinahe runderneuert. Vor allem die Kultur des Erinnerns an die Nazi-Vergangenheit (aber auch an das DDR-System) hat sich bis ins Parlament hinein fest etabliert. Heute erregt es die Gemüter einer konflikterprobten Republik nicht mehr, wenn sich junge Leute im Protest gegen Castor-Transporte an Bahngleisen festketten oder altgewordene Liberale wie Burkhard Hirsch oder Gerhart Baum zum Widerstand aufrufen gegen die Kontrollsucht des Staates im Zeitalter von Google, Amazon und NSA. Kaum ein Murren war noch aus der CDU zu hören, als die Kanzlerin sich über Nacht bereit erklärte, die "Ehe für alle" durchzuwinken. Das Scheidungsrecht ist längst entmottet, in der Ehe gilt der Mann nicht länger als Vormund, Vergewaltigung wird strafrechtlich geahndet. Gleichheits- und Teilhaberechte haben sich weithin (nicht bei den Löhnen) festschreiben lassen.

Im Streit über die "Willkommenskultur" bei der Aufnahme von knapp einer Million Flüchtlinge 2015 flackerte allerdings der Vorwurf wieder auf, die 68er und ihre Jünger wollten Deutschland und das Christliche insgesamt abschaffen. Jetzt war es Angela Merkel, die sich auf gemeinsame Werte berief und befand, ohne diese wäre die Bundesrepublik nicht mehr ihr Land. Die Individualisierung im Alltag, Bastelbiografien, die Ungezwungenheit junger Paare, antiautoritäre Kitas, ja selbst das zivilisierte Auftreten von Polizisten im Alltag - auch im europäischen Vergleich nimmt sich das Land von 2018 nicht autoritär oder national engstirnig aus.

Nichts von diesen Metamorphosen, von der Liberalisierung, auch nicht der ökonomische Push lässt sich immer in gerader Linie zurückführen auf "68" und die Kapitalismuskritiker von einst. Aber so weit kann man gehen: Mit Recht ist das Datum zur Chiffre dafür geworden, vieles von diesem Sprung nach vorn ermöglicht zu haben, ob gewollt oder nicht. Allerdings dreht sich der Zeitgeist spürbar. Übertrieben ist es kaum, von einer Krise der Demokratie zu sprechen, auch in Europa. Wenn die Impulse der 68er letztlich auf Demokratisierung, Politisierung des Gesellschaftlichen, Entnationalisierung hinausliefen, so steht genau das heute in Frage. "68" erweckte, grob gesagt, die demokratische Zivilgesellschaft zum Leben. Aber autoritäre Sehnsüchte und populistische, nationalistische Stimmen, die sich heute als Zivilgesellschaft deklarieren, könnten die Demokratie mehr gefährden, als es RAF und Sektierertum und intellektueller Hochmut mancher 68er vermochten.

Ironie der Geschichte: Spätestens das macht deutlich, was auch die 68er und ihre Erben dringend zu verteidigen haben: Dass nämlich die schönste Graswurzeldemokratie, eine starke Zivilgesellschaft von "unten", ohne funktionierende Institutionen, ein stolzes Parlament, strikte Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit schwerlich überleben kann.

Der Verfasser ist Autor der Wochenzeitung "Die Zeit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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