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Kata Kottra
Schneewittchen trifft Królewna

Görlitz - Zgorzelec Das Leben in der geteilten Stadt zeigt Chancen und Hindernisse im deutsch-polnischen Verhältnis auf

V on der Fassade des fünfstöckigen Hauses in der Daszynskiego-Straße blättert die graubraune Farbe. Wie ein Klotz liegt das Gebäude am Rande der polnischen Kleinstadt Zgorzelec am östlichen Ufer der Neiße. Trotzdem besuchen Kunden aus Deutschland gerne den kleinen Laden im Erdgeschoss des Hauses. Hier verkauft Malgorzata Oehmr Zigaretten und Alkohol - zu polnischen Preisen, versteht sich. Sie trägt eine große Sonnenbrille im Haar, glitzernde Ringe und eine dicke goldene Kette. "Die Geschäfte laufen gut", bestätigt sie gutgelaunt auf deutsch. Die Raucher aus dem Nachbarland haben es nicht weit zu ihr: Sie müssen sie nur über eine Fußgängerbrücke spazieren, die Görlitz am Westufer der Neiße mit Zgorzelec am Ostufer des Flusses verbindet.

Görlitz gehörte zu den Städten, die Ende des Zweiten Weltkrieges in der Mitte auseinandergerissen wurden. Der westliche Teil der Stadt wurde Teil der DDR, der östliche kam zu Polen. Es gibt einige solcher Städte entlang des einstigen Grenzflusses: Frankfurt an der Oder und Slubice gehören dazu oder Guben und Gubin. Wie Deutsche und Polen übereinander denken, wie sie zusammenleben und miteinander umgehen, lässt sich hier wie in einem Mikrokosmos studieren. Zum Beispiel beim Kommunalwahlkampf: "Polen-Invasion stoppen" stand auf Plakaten, die die rechtsextreme NPD in Görlitz an Straßenlaternen befestigt hatte. Polen würden "Scheinwohnsitze" auf deutscher Seite anmelden, um Hartz IV zu beziehen, erklärte der NPD-Sprecher Arne Schimmer. Das wurde auch in Polen registriert: "Jetzt lenken die deutschen Neofaschisten ihre Aggressionen direkt gegen die Polen", schrieb eine Zeitung in Wrozlaw (Breslau). Gegen die Plakate regte sich bald Protest: Mehrere Bürger, unter ihnen ein CDU-Landtagskandidat, stellten Strafanzeige, andere rissen die Plakate ab. Die Bürgermeister der Doppelstadt, der Görlitzer Joachim Paulick und der Zgorzelecer Rafal Gronicz, gaben eine gemeinsame Erklärung gegen jegliche von "Fremdenhass erfüllten Haltungen und Aktionen" heraus. Bei den Kommunalwahlen im Juni stimmten dennoch 4,7 Prozent für die NPD. Sie erhielt einen Sitz im Stadtrat.

Normalität statt Visionen

Ressentiments und Vorurteile sind seit der Grenzöffnung in Görlitz nicht verschwunden. Ihr steht eine lange Geschichte gemeinsamer Pläne und Projekte gegenüber: Schon kurz nach der Wende trafen sich Deutsche und Polen, um über neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen. Neun Jahre später besiegelten die Bürgermeister die Verbindungen, als sie die geteilte Stadt zur "Europastadt Görlitz/Zgorzelec" erklärten. Seit fünf Jahren spannt sich, als sichtbarstes Zeichen der neuen Verbundenheit, an historischer Stelle eine neue Fußgängerbrücke zwischen den Stadthälften. Für 2010 bewarben sich Görlitz und Zgorzelec gemeinsam um den Titel der "Europäischen Kulturhauptstadt". Der Titel wäre eine Krönung aller Anstrengungen für ein gemeinsames Stadtbild und engere Verbindungen gewesen, ein wichtiger Schritt für eine gemeinsame Identität. Doch im Finale entschied sich die Jury für die Ruhrmetropole Essen. Die hochfliegenden Visionen sind seitdem einer gewissen Nüchternheit gewichen. Dort, wo Besucher aus der pittoresken Görlitzer Altstadt über die Fußgängerbrücke auf die polnische Seite hinüberspazieren, sollten auf Zgorzelecer Seite die Gebäude um den Alten Postplatz wieder aufgebaut werden. Sie waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Aber seitdem klar ist, dass keine Kulturhauptstadt-Besucher kommen werden, geht es auf der Baustelle langsamer voran. Kioskbesitzerin Malgorzata Oehmr findet, dass von der Aufregung um die Bewerbung in der polnischen Stadthälfte "nicht viel zu merken" gewesen sei. Ihr Kiosk gegenüber der Baustelle lockt die Besucher jedenfalls zuverlässig nach Zgorzelec.

Malgorzata Oehmr wurde auf der polnischen Seite der Stadt geboren. 49 Jahre ist das inzwischen her. Früher besaß sie einen Laden am alten Grenzübergang bei der Stadtparkbrücke, wo sich auf polnischer Seite Geldwechselstuben und Zigarettengeschäfte drängten. Seit die Altstadtbrücke eröffnet ist, sind diese verwaist. Oehmrs neuer Kiosk ist hingegen zur Anlaufstelle geworden für Görlitzer Jugendliche, die sich mit Gauloises eindecken oder für Touristen, die im Sommer in Scharen über die Brücke spazieren. Nicht einmal einen Pass brauchen sie mehr dafür, seitdem Polen im Dezember 2007 Teil des Schengenraumes wurde. Viele ihrer deutschen Kunden kennt Malgorzata Oehmr mit Namen. Die Deutschen nennen sie der Einfachheit halber "Margareta". Denn mit dem konsonantenreichen Polnisch tun sich die meisten deutschen Zungen schwer.

Gegenseitige Sprachlosigkeit

Auch Ludwig Fichte schaut ab und zu gerne bei der umtriebigen Kioskbesitzerin vorbei. Der 27-jährige Student sitzt am Sonntagvormittag mit seiner Freundin Christina Bechert auf einem sonnenbeschienenen Holzsteg am Görlitzer Neißeufer. Wenn er nach Polen blickt, sieht er links der Brücke einen grauen Turm aufragen: Das ist die alte Dreiradmühle mit einem Restaurant darin, "Piwnica Staromiejska" wird sie von den Polen genannt. "Die Bedienung ist relativ freundlich, und für 10 bis 12 Euro kann man schon essen gehen, mit Vor- und Nachspeise", das schätzt Christina Bechert an den Besuchen dort. Rechts der Brücke: Oehmrs Kiosk. Tiefer nach Zgorzelec sind die beiden selten vorgedrungen. "Man nimmt sich zwar am Anfang vor, mal einen Polnischkurs an der Uni zu belegen", sagt Ludwig Fichte, der für sein Studium aus Rostock nach Görlitz gekommen ist. "Aber dann hat man doch immer etwas anderes zu tun." Viele Görlitzer erzählen, dass sie gerne nach Polen einkaufen oder essen gehen - solange der Preis stimmt und die Qualität. Um unbefangen in der polnischen Stadthälfte unterwegs zu sein oder engere Kontakte zu knüpfen, fehlt dann aber oft die polnische Sprache. Für offizielle Anlässe lernen Görlitzer Amtsträger einige Brocken Polnisch. Die Sprachlosigkeit ist oft gegenseitig: Auch der junge Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz spricht zwar Englisch, aber kein Deutsch.

Dass Kinder fremden Sprachen und anderen Menschen oft unbefangener begegnen als Erwachsene, weiß man auch in Görlitz und Zgorzelec. Deshalb können beiderseits der Neiße schon kleine Kinder die Sprache ihrer Nachbarn lernen. "Zwergenhaus" heißt eine der Görlitzer Einrichtungen, auch der polnische Name, "Dom Krasnoludkow", klebt in bunten Buchstaben auf der gläsernen Eingangstür. Im Garten mit dem saftig grünen Rasen versuchen die sechsjährige Emilia, ganz in rosarot gekleidet, und der gleichaltrige, blonde Kornel ein Feuer zu entfachen, indem sie zwei Stöckchen aneinanderreiben. Die beste Methode dafür diskutieren sie abwechselnd auf deutsch und polnisch. Kornels Eltern sind Polen, sie besitzen in Zgorzelec ein Restaurant. Emilias Vater arbeitet bei der Görlitzer Polizei, ihre Mutter ist Polin.

Makkaroni und makaron

Agnieszka Greiner soll die Kleinen mit beiden Sprachen vertraut machen. Mit ihrem deutschen Mann zog die Kindergärtnerin vor acht Jahren nach Görlitz. Im Zwergenhaus hat die 37-Jährige alles doppelt beschriftet: Die Speisekarte kündigt für den Mittag Makkaroni und makaron an, im Umkleideraum hängt ein ausgemaltes Bild von Schneewittchen neben ihrer polnischen Schwester Królewna Sniezka. Mit den Kindern in der Gruppe redet die gebürtige Bunzlauerin polnisch und ihre Kollegin deutsch. Märchenstunden mit den "Bremer Stadtmusikanten" werden zweisprachig abgehalten. Wie viel die Kinder dabei lernen, ist unterschiedlich. "Manche Eltern denken, sie könnten mit ihren Kindern nach ein paar Jahren in Polen einkaufen gehen. Bei manchen funktioniert das, bei anderen nicht", erzählt Greiner.

Rege Kontakte nach Polen hatte das Zwergenhaus schon vor der Wende, erzählt Greiners 55-jährige Kollegin Susanne Heppert. Ihre Gruppen besuchten gemeinsam den Tierpark in Görlitz oder fuhren ins Riesengebirge. Heppert erinnert sich an gemeinsame Feste mit polnischen Kindergärtnerinnen am "Tag des Lehrers". Für Heppert waren das keine "von oben" verordnete Veranstaltungen im Namen der sozialistischen Bruderfreundschaft. "Das war von beiden Seiten gewünscht und entsprach nicht unbedingt dem, was vorgeschrieben war" , erinnert sie sich.

Ambivalente Beziehungen

Zur Zeit als Görlitz noch zur DDR und Zgorzelec zur Volksrepublik Polen gehörte, waren die deutsch-polnischen Beziehungen ambivalent: Einerseits gab es polnische Arbeiterinnen, die täglich zur Arbeit in Fabriken auf der deutschen Seite fuhren. Man feierte gemeinsame Feste und tauscht sich aus. Zwischen 1972 und 1980 konnten Deutsche und Polen eine Weile sogar ohne Visum auf die andere Seite der Neiße reisen - ein Experiment, das beim Erstarken der freien Gewerkschaft Solidarnosc in Polen von den kommunistischen Führungen rasch wieder beendet wurde. Doch es gab auch Unaussprechliches, das die Beziehungen belastete: Über das Schicksal Zehntausender, die am Kriegsende vor allem aus Schlesien als Flüchtlinge und Vertriebene nach Görlitz gekommen waren, durfte nicht gesprochen werden. Auch Susanne Hepperts Eltern hatten das erlebt. "Es war nicht einfach, hier mit nichts wieder anzufangen", erzählt sie leise. Im offiziellen Sprachgebrauch waren die Neuankömmlinge "Umsiedler", über deren alte Heimat nicht geredet werden durfte. Selbst das "Schlesische Himmelsreich", eine Spezialität aus Schweinebauch, Backobst und Knödeln, wurde wegen Revisionismusverdachtes von den Speisekarten verbannt. Heute erlebt das Schlesische eine Renaissance, kulinarisch wie kulturell: Das vor drei Jahren eröffnete "Schlesische Museum" zeigt die wechselvolle Geschichte der Region. Obwohl die Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Historikern bei der Konzeption nicht reibungslos war, hat ihre Eröffnung - im Gegensatz zum geplanten "Zentrum gegen Vertreibungen" - beiderseits der Neiße wenig Kontroversen und Polemik ausgelöst.

Am engsten sind die deutsch-polnischen Beziehungen aber weder zwischen Pädagogen noch zwischen Stadträten. Sie beginnen oft zufällig. Dann etwa, wenn eine junge Polin bei der Arbeit im Görlitzer Kondensatorenwerk einen Deutschen kennenlernt. "25 Jahre sind wir inzwischen verheiratet", lächelt Kioskbesitzerin Oehmr. Die Fabrik ist heute stillgelegt und blickt aus leeren Fenstern über die Neiße zu Oehmrs neuem Kiosk. Ihr Mann hat inzwischen sogar Polnisch gelernt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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