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Parlamentarisches Profil
Hans-Jürgen Leersch
Der Mann mit der Fliege: Heinz Riesenhuber

Als Heinz Riesenhuber 1976 erstmals in den Bundestag gewählt wurde, war Helmut Schmidt Bundeskanzler, und von der deutschen Einheit träumten nur wenige. Riesenhuber war damals Manager einer Tochterfirma der Frankfurter Metallgesellschaft. Mehr als drei Jahrzehnte später ist Riesenhuber erneut als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Main-Taunus in den Bundestag eingezogen. Und in seiner 10. Wahlperiode kommt der frühere Bundesforschungsminister zu besonderen Ehren: Als Alterspräsident wird er die erste Sitzung des neu gewählten Bundestages eröffnen.

Als Altenteiler fühlt sich der 73-jährige Riesenhuber keinesfalls. Wer den Hessen erlebt, wie er mit schnellem Schritt durchs Bundeshaus eilt, dem kommt eher ein Teilnehmer des Berliner Marathons in den Sinn als ein Politiker, der den größten Teil seiner Zeit recht unsportlich in Sitzungen zu verbringen hat. Zwei Dinge kennzeichnen den CDU-Mann außerdem: Er hat rhetorisches Talent, das mit dem Cicero-Rednerpreis gewürdigt wurde, und er gilt als Mann, der ein Auge für gute Anzüge hat und diese auch trägt - aber nicht mit Krawatte, sondern stets mit einer Fliege. Von der Krawatte zur Fliege zu wechseln, hatte für den jungen Riesenhuber materielle Gründe. Zu oft wurde der Schlips des Chemiestudenten Opfer des Bunsenbrenners. Die Fliege ist heute sein Markenzeichen. Wo andere große Bilder auf Plakate drucken ließen, wurden die CDU-Plakate im Main-Taunus-Kreis mit einer Fliege in schwarz-rot-goldener Farbgebung verziert. Zwar hat auch Riesenhuber eine Homepage (wo sofort die schwarz-rot-goldene Fliege auffällt), schreibt und beantwortet E-Mails, kennt Twittern und Facebook, doch spielten diese Kommunikationsformen nicht die ganz große Rolle in seinem Wahlkampf. "Die großen Netzwerke, die Obama hatte, haben sich in Deutschland noch nicht entwickelt." Twitter scheine sich noch nicht so durchgesetzt zu haben. "Für mich ist das wichtigste Instrument das Gespräch mit den Bürgern", sagt Riesenhuber. "Ein Dutzend Termine am Tag scheint mir nach wie vor das stärkste verfügbare Instrument zu sein. Und es entsteht eine freundschaftliche Zusammengehörigkeit, die die Lebensfreude befördert."

Mit mehr als drei Jahrzehnten Parlamentserfahrung ist Riesenhuber ein Politiker, der die Veränderungen des Politikbetriebes hautnah miterlebt hat. Sehr wesentlich sei der Unterschied, dass es heute ein Fünf-Fraktionen-Parlament gebe, während 1976 drei Fraktionen (Union, SPD, FDP) das gesamte Parlamentsspektrum bildeten. "Das klassische, saubere Gegenüber von zwei Volksparteien - die eine in der Regierung, die andere in der Opposition - hat sich aufgelöst. Das geht zu Lasten des klaren Profils von beiden", sagt Riesenhuber. Während auf das klare Profil früher sehr viel Wert gelegt worden sei, "war der Wahlkampf von etwas eigener Art, weil die beiden großen Parteien in einer Koalition zusammen waren und die Unterschiede in dem, was man politisch wollte, nicht so deutlich wurden".

Auch der Charakter des Parlaments habe sich im Vergleich zu seinen ersten Jahren in Bonn verändert. Damals habe es große Reden gegeben, die eine prägende Kraft gehabt hätten, "während der Bundestag sich jetzt mehr zu einem Arbeitsparlament entwickelt hat, das mit Sorgfalt einzelne Fragen aufzuarbeiten hat", sagt Riesenhuber, der dem Wirtschaftsausschuss angehört. Dem Wähler sei das sicher nicht leicht zu vermitteln, aber für die Ergebnisse müssten die Veränderungen nicht schlecht sein.

Ein Präsidentenamt übt Riesenhuber bereits aus. Er leitet die Parlamentarischen Gesellschaft, den Zusammenschluss der Bundestagsabgeordneten. Riesenhuber sorgt dafür, dass sich Abgeordnete im ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais, heute Sitz der Gesellschaft, ungestört treffen können. "Damit ist er ein behutsamer Hüter der leisen Kultur des Parlaments", stellte der Publizist Helmut Herles fest. Als Alterspräsident hat Riesenhuber berühmte Vorgänger, zum Beispiel Paul Löbe, Konrad Adenauer und Willy Brandt - "ein etwas überraschendes Gefühl", wie er sagt. In seiner Rede will er "über das sprechen, was mir wichtig ist. Aber ich will nicht als Praeceptor Germaniae den Kollegen ihre Arbeit erklären".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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