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Interview mit Reinhard Rudat, Leiter der Nichtwählerstudie beim Forschungsinstitut Dimap
FÜnf FRAGEN ZUR: WAHLBETEILIGUNG

Die Beteiligung bei der Bundestagswahl lag bei knapp 71 Prozent - ein Negativrekord. Haben Sie bei der Nichtwähler-Studie, die Dimap dieses Jahr durchführt, die Gründe dafür herausgefunden?

Nichtwähler sind der Wahl vor allem aus drei Gründen ferngeblieben: Vier Fünftel von ihnen haben das Gefühl, dass Politiker ihnen nicht die Wahrheit sagen. Ein genauso wichtiger Grund für ihre Wahlenthaltung ist das Gefühl, dass die Parteien keine überzeugenden Lösungen für die wichtigen Probleme unserer Zeit anbieten. Viele haben auch das Gefühl, sie könnten mit ihrer Stimme den Wahlausgang nicht in ihrem Sinn beeinflussen.

Wie könnte man diese Menschen wieder motivieren, wählen zu gehen?

Das lässt sich aus den genannten Gründen ableiten: Die Politiker müssen an ihrer Glaubwürdigkeit und an ihrer Ehrlichkeit arbeiten. Und sie müssen Fachkompetenz beweisen und Lösungen anbieten, die die Menschen überzeugen und dabei auch die unangenehmen Seiten nicht verschweigen.

Vor der Bundestagswahl gab es Mobilisierungskampagnen: unter anderem von ProDialog, dem Auftraggeber der Nichtwähler-Studie, und vom Bundestag, der mit vielen Aktionen für die Teilnahme warb. Welche Wirkung haben solche Kampagnen?

Die Wirkung kann durchaus positiv sein. Nichtwähler haben mit der Politik oft nicht mehr viel zu tun und hören nicht mehr hin. Wenn die Leute dann von neutraler, dritter Seite angesprochen werden, kann es durchaus sein, dass sie der Botschaft Aufmerksamkeit widmen, weil sie nicht von einer politischen Partei kommt. Wenn Parteien sich an die Bürger wenden, sind doch etliche dabei, die die Schotten gleich dichtmachen. Unabhängige, neutrale Stellen haben es vielleicht leichter, die Leute wieder zu erreichen, um sie aufzufordern: Guckt euch das an, beteiligt euch, sitzt nicht nur passiv herum!

Es heißt oft, dass ältere Wähler die Teilnahme an Wahlen als Bürgerpflicht empfinden. Haben Ihre Ergebnisse das bestätigt?

Wählen als Bürgerpflicht war eine Attitude, die bei der älteren Bevölkerung weit verbreitet war. Aber dem ist nicht mehr so: Das Nichtwählen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es sind nicht mehr nur Bürger mit einer einfachen Bildung und einem niedrigen Berufsstatus, Nichtwähler gibt es inzwischen in allen Altersgruppen und Schichten.

Sie werden die Menschen, die Sie vor der Wahl befragt haben, nach der Wahl wieder kontaktieren. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich davon?

Wir vergleichen, was die Leute gesagt haben und was sie hinterher dann wirklich gemacht haben: Ob sie trotz ihrer Bedenken doch noch wählen gegangen sind - oder trotz ihrer Ankündigung zu Hause geblieben sind.

Die Fragen stellte

Kata Kottra.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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