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Hans-Hagen Bremer
Glückwünsche für Chère Angela

INTERNATIONAL Das Ausland blickte mit Spannung auf die deutsche Wahl. Reaktionen aus Frankreich, Polen und den USA

Frankreichs Präsident war der erste. Das Glückwunschschreiben, das er vor allen anderen Regierungschefs an Angela Merkel schickte, war längst fertig. Er wartete nur noch die letzten Zahlen ab, dann fügte er der offiziellen Gratulation an die "Madame la Chancelière" die persönliche Anrede "Chère Angela" hinzu und unterzeichnete handschriftlich als "Ton ami" (Dein Freund) Nicolas Sarkozy.

Wie der Präsident hatte sich auch die politische Klasse Frankreichs darauf eingestellt, dass die bisherige Bundeskanzlerin auch die nächste sein würde. Offen war nur die Frage, mit welchem Koalitionspartner Angela Merkel die künftige Bundesregierung bilden wird. Dass die CDU/CSU eines ihrer schlechtesten Ergebnisse erzielte, während die Liberalen massiv Gewinne einfuhren, war dann für die Beobachter an der Seine doch eine Überraschung. Merkel habe gesiegt, aber nicht triumphiert, hieß es.

Deutsches Paradox

Ebenso verblüffte der Niedergang der SPD bei gleichzeitigem Zuwachs für die Linke und die Grünen, woraus nun auch die Linke in Frankreich Lehren ziehen müsse. Als "deutsches Paradox" bezeichnete die linksliberale Zeitung "Libération" es, dass die FDP als Partei eines Liberalismus, dessen Versagen in der Krise offenkundig wurde, Gewinner der Wahl wurde. "Le Monde" meinte, das Ende der Großen Koalition sei "vielleicht eine gute Sache", doch dass die Kanzlerin nun Pressionen der FDP ausgesetzt sein könnte, müsse den Partnern in Europa Sorgen bereiten. Auf das Risiko, dass die wirtschaftspolitische Annäherung, zu der Paris und Berlin in der Krise gefunden haben, durch den Einfluss der FDP gestört werden könnte, wies auch "Le Figaro" hin. Doch das konservative Blatt ist zuversichtlich. Unter der Überschrift "Bravo, Angela!" sagte es der Kanzlerin eine gestärkte Autorität auf der internationalen Bühne voraus.

Das wäre ganz im Sinn des französischen Präsidenten. Nachdem Sarkozy anfangs vor allem auf London setzte, hat er inzwischen die Kooperation mit Berlin zu schätzen gelernt. Angesichts der "großen Herausforderungen" des Klimaschutzes und der Wirtschafts- und Finanzkrise wünscht er eine Verstärkung "dieser Entente", schrieb er der Kanzlerin. Dem Vorschlag sollen jetzt Taten folgen. Schon vor der Wahl hatten Merkel und Sarkozy vereinbart, der 1963 von de Gaulle und Adenauer begründeten Zusammenarbeit neuen Schwung zu verleihen. Mit Merkel hofft Sarkozy, eine Avantgarde zu bilden, die den Partnern Beispiel für die Einheit Europas sein soll.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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