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ORTSTERMIN BEI DEN: DOLMETSCHERN
Sandra Ketterer
»Ich muss zeitgleich zuhören, verstehen und übersetzen«

Wenn der Redner seine Ansprache beginnt, legt Alexander Wood (rechts im Bild) los. Der 37-Jährige wiederholt jedes Wort des Redners, imitiert sogar die Betonung. Er hört erst auf damit, wenn auch der Vortrag zu Ende ist. Manche der Zuhörer können seinen Worten besser folgen als denen des Redners. Und keiner stört sich daran. Im Gegenteil, ohne ihn wäre manches Publikum aufgeschmissen.

Wood ist Englisch-Dolmetscher im Bundestag. Insgesamt drei Dolmetscher, zwei für Englisch und einer für Französisch, sind im Parlament fest angestellt. Dazu kommen eine Übersetzerin, die ebenfalls dolmetscht, und eine große Anzahl freier Mitarbeiter. Seit rund neun Jahren arbeitet der Sohn eines Briten und einer Deutschen im Bundestag. "Wir sind überall dabei, vor allem bei Anhörungen in Ausschüssen und Enquetekommissionen, aber auch bei Ansprachen des Bundestags- und der Vizepräsidenten und natürlich bei Treffen von Parlamentariergruppen mit ausländischen Gästen", erklärt Wood.

Ein Termin ist zum Beispiel der Festakt des Bundestages anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls: Während Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, ihre Ansprachen halten, sitzt Wood mit seiner Kollegin Eva Unverdorben (links im Bild) in einer extra aufgestellten Kabine eine Etage höher. Vor sich haben die beiden Buzeks Redetext in englischer Übersetzung, Lammert hat kein Manuskript.

In die Kabine passen nur zwei Personen. Jeder hat einen kleinen Apparat mit mehreren Schaltern und Mikrofon vor sich, daneben stehen eine kleine Lampe und ein Glas Wasser. Lammert tritt ans Pult, Wood setzt seine Kopfhörer auf, drückt den Mikrofonknopf und fängt an, zu übersetzen. Lammert redet von 1989, davon, dass die Ereignisse keine Märchen waren. Er spricht über die Bedeutung des Bildes "Jonction III", dankt dem Maler Karl Otto Götz, kündigt danach das Orchester mit der "Eroica" von Beethoven an. Auf diese Details hat sich Wood vorbereitet. Er kennt die Namen des Orchesters, des Dirigenten und der Stücke, hat nachgeschaut, was es mit dem Bild und seinem Maler auf sich hat. "Als Dolmetscher mag man keine Überraschungen. Ich habe während des Redens keine Zeit zum Nachdenken, also muss ich Bescheid wissen über das, was ich übersetze", sagt er.

Eine halbe Stunde am Stück übersetzt Wood in der Regel, dann kommt die Kollegin dran. Die Aufgabe ist schwerer ,als sie aussieht: "Ich muss zeitgleich zuhören, verstehen, übersetzen und mir selbst beim Sprechen zuhören", sagt er. Viele Leute nehmen seine Arbeit nicht ernst, erzählt er, oft heiße es, er rede ja nur. Doch dahinter stecke jahrelanges "Üben, Üben, Üben". Sein Diplom hat er an der Universität Mainz gemacht, in einem Studiengang mit sehr hohem Praxisanteil. Dazu kamen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften.

Bei einer Feier wie dem Festakt zum Mauerfall komme es vor allem auf die Zwischentöne an. Bei Expertenanhörungen sind die Inhalte oft komplex, da liest er vorher auch Fachliteratur. Sein Schwerpunkt ist die Außenpolitik, dazu kommt Verteidigungs- und Entwicklungspolitik. "Aber prinzipiell werde ich für alles eingesetzt, auch bei Veranstaltungen zu Technik oder Medizin", erläutert er. Ein wenig schwieriger wird es, wenn der Redner weder Deutsch noch Englisch spricht. Dann muss Wood einem anderen Dolmetscher zuhören und dessen Version übersetzen. Kompliziert wird es auch, wenn der Ton schlecht ist.

Nein, er habe nie geplant, als Beamter im Bundestag zu arbeiten. "Es gibt so wenige Stellen, so etwas kann nur Zufall sein." Die meisten Dolmetscher arbeiteten freiberuflich. Höhepunkte? Ja, die gebe es. Zum Beispiel die Besuche von Queen Elisabeth II. oder dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush. "Die Chance, diese Personen zu erleben, und diesen besonderen organisatorischen und logistischen Aufwand, der dazu gehört, erhält nicht jeder", sagt Wood.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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