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Helmut Lölhöffel
Ohne Schwulst und Heimatduselei

Deutsche Geschichte Hilke Lorenz erzählt exemplarisch das Leben der Vertriebenen

Lange Zeit sind die Schicksale der deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge kein Thema gewesen. Nach vollbrachter Eingliederung der anfangs unerwünschten, als "Rucksackdeutsche" verhöhnten Ankömmlinge wollten weder die Alteingesessenen noch die Neubürger daran rühren. Die "Ewig-Gestrigen" blieben bei ihren Landsmannschaftstreffen unter sich. Wörter wie "Heimat" und "Unrecht" waren im liberalen und linken Spektrum der Bundesrepublik verdächtige besetzte Vokabeln, hinter sich denen revanchistische Ansprüche auf Grenzkorrekturen verbargen.

Allmählich wird das gesellschaftliche Versäumnis, diesen Ausschnitt der Folgen des Zweiten Weltkriegs tabuisiert oder ausgeblendet zu haben, aufgeholt. Fernsehserien, Romane, Tagebücher widmeten sich ausgiebig der Flucht und Vertreibung - bedauerlicherweise manchmal überdeckt von personalisiertem Streit über Sinn und Standort eines Vertreibungs-Museums.

Eine soeben berühmt gewordene Frau, die ihre Heimat im rumänischen Banat verlassen hat, ist Herta Müller. Für sie gebe es "keine selbstverständlichen Orte der Zugehörigkeit" antwortete die Literatur-Nobelpreisträgerin auf die Frage, ob sie "die Heimat ganz verloren" habe. So rational und nüchtern können die Frauen und Männer, die in dem bewegenden Buch "Leben aus dem Koffer" zu Wort kommen und beschrieben werden, nicht mit dem Begriff Heimat umgehen, wenn sie über Ostpreußen, Oberschlesien, Südmähren oder Bessarabien sprechen. Für sie sind Schwermut, Angst, Verlorenheit, Verlusterfahrung, Orientierungslosigkeit und das Gefühl, entwurzelt und ausgegrenzt zu sein, bestimmende Elemente. So selbstbewusst wie Herta Müller ("Ich wusste, als ich hier in Deutschland ankam, dass ich es jetzt geschafft habe") sind viele deutsche Heimatvertriebene nie mit beiden Beinen im Westen Deutschlands angekommen.

Eingliederung

Die Schicksale, die die Hilke Lorenz liebevoll aufgegriffen, sorgfältig recherchiert und in zehn Reportagen feinfühlig geschildert hat, sind wahrscheinlich nicht repräsentativ für die rund zehn Millionen, die nach 1945 bis 1970 aus den deutschen Ostgebieten in den Westen zogen. Hinzuzurechnen sind 4,5 Millionen Umsiedler in der DDR, von denen wiederum hunderttausende in die Bundessrepublik gingen. Die Mehrzahl hat sich offenbar bruchlos eingegliedert oder zumindest glatt arrangiert und letztlich eine neue Heimat gefunden zwischen Bayern und Schleswig-Holstein. Aber viele der hier dargestellten Fälle haben sicher typische Züge für eine große Zahl von Menschen, die ihre Problemen niemals öffentlich ausbreiten mochten und für sich behielten. Manche sind daran zerbrochen.

Hilke Lorenz ist es stilvoll gelungen, ohne jeden Schwulst und ohne alle Heimatduselei Geschichten zu bewahren, die sonst verloren gingen. Es sind Alltagsgeschichten von ganz normalen Leuten, die sich ihre Erlebnisse während der Flucht und aus der Zeit danach zwar untereinander erzählen, aber sie nicht aufschreiben. Und von Menschen, die erniedrigende Erfahrungen des neuen Lebens in sich vergraben haben wie den Familienschmuck oder andere Wertgegenstände im Garten des verlassenen Wohnhauses, als sie sich dem Flüchtlings-treck anschlossen.

Es sind Psychogramme von Menschen, die als unerwünschte Ankömmlinge mit Zurücksetzungen und Demütigungen leben mussten. Lorenz hat in diese Zeitzeugen - bemerkenswerterweise überwiegend Frauen - hineingehorcht, ihre Erinnerungen und Traumata gedeutet, ihr Handeln interpretiert und sogar Auswirkungen auf Kinder und Enkel erforscht. Trotz mitfühlenden Verständnisses hat sie sich an keiner Stelle dieses aussagekräftigen, stellenweise drastischen Buchs verleiten lassen, die deutschen Vertriebenen als die einzigen Leidtragenden des Zweiten Weltkriegs zu sehen, sondern die von Deutschen begangenen Verbrechen als Ursache benannt.

Hilke Lorenz:

Leben aus dem Koffer. Vom Leben nach Flucht und Vertreibung.

Ullstein Verlag, Berlin 2009; 304 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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