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Alexander Weinlein
Ende einer Ära

Weltpolitik Peter Scholl-Latours düsterer »Abgesang auf den weißen Mann« spiegelt sein eigenes journalistisches Wirken

Er hat den letzten weißen Fleck von der Landkarte getilgt. Noch im Januar 2008 erklärte Peter Scholl-Latour in einem Interview mit dem "Focus", dass Ost-Timor der letzte Mitgliedstaat der Vereinten Nationen sei, den er noch nicht bereist habe. Und beeilte sich hinzuzufügen, dass das Ticket bereits gebucht sei - die Reise beginne an seinem 84. Geburtstag am 9. März. Es fehlt eigentlich nur "Peterchens Mondfahrt" und der Journalist hätte den gesamten Bewegungshorizont der menschlichen Rasse durchschritten. Seine Reise nach Ost-Timor sowie die nach Indonesien, Australien und Neuseeland, in die Inselwelt Ozeaniens, nach China, Tibet und Zentralasien hat Scholl-Latour publizistisch gewohnt zügig aufgearbeitet. Es ist sein nunmehr 30. Buch, das der journalistische Fahrensmann in seiner rund 60-jährigen Karriere, die 1948 mit einem Volontariat bei der "Saarbrücker Zeitung" begann, geschrieben hat.

Wären Verkaufszahlen das alleinige Kriterium, nach denen sich der Wert von Büchern bemessen ließe, dann entzögen sich die gesammelten Werke des erfolgreichsten deutschen Sachbuchautor der letzten Jahrzehnte jeder Kritik. Auch "Die Angst des weißen Mannes", so der gewohnt provokative Titel seines neuen Werks, fand sich innerhalb kürzester Zeit auf den vordersten Rängen der Bestseller-Listen.

"Die Angst des weißen Mannes" reiht sich nahtlos in die Abfolge seiner bisherigen Bücher. Wieder sind es Aufstieg und Fall von Reichen und Imperien, die ewige Auseinandersetzung zwischen Völkern und Rassen, Ideologien und Religionen, die für Scholl-Latour die Antriebskräfte der Weltpolitik darstellen. Stand er von jeher im Ruf einer Unke und Kassandra, so kommt sein neues Buch noch düsterer daher. Nicht weniger als einen "Abgesang" auf den "weißen Mann" hat er diesmal zu Papier gebracht.

Schmerzliche Anpassung

Es spricht für sich, dass Scholl-Latour auf eine Vokabel zurückgreift, die "mit dem Odium des Rassendünkels behaftet" ist, wie er selbst schreibt. Moderne Politologen, Historiker und Journalisten meiden solche Begrifflichkeiten, schreiben lieber vom "Ende der westlichen Dominanz" oder über den "Aufstieg der Anderen". Unter dem Strich beschreiben sie ähnliche Phänomene, bei Scholl-Latour kommen sie aber stets barocker daher - eher wie ein historischer Fanfarenstoß. Schon "die kommende Generation" so mahnt er, "wird sich mit der schmerzlichen Anpassung an eine inferiore Rolle im globalen Kräftespiel, an geschwundenes Prestige abfinden müssen und mit den tragischen Fatum leben, dass den weißen Herren von gestern das sachte Abgleiten in Resignation und Bedeutungslosigkeit bevorsteht." Die "dominante Ära des ,weißen Mannes', der sich um 1900 die ganze Welt untertan gemacht hatte", habe ihren Endpunkt erreicht. Da ist es auch nur konsequent, dass er seinen Buchtitel an Rudyard Kiplings "the white man's burden", "die Bürde des weißen Mannes" angelehnt hat. Das macht ihn aber nicht automatisch zu einem Verklärer kolonialer Ambitionen und imperialer Größe, wie Kritiker meinen.

Aber nicht nur thematisch bleibt Scholl-Latour sich treu. Es ist jene Mischung aus Reisereportagen, Hintergrundgesprächen mit den lokalen Politikern, Geistlichen, Militärs oder Geheimdienstleuten, Erinnerungen an frühere Berichterstattungen und einem ordentlichen Schuss Menschheitsgeschichte, mit denen er auch diesmal seine Leserschaft wieder zu fesseln versteht. Nun stapft der 85-Jährige zwar nicht mehr mit amerikanischen GIs durch die Reisfelder Vietnams oder klettert mit afghanischen Gotteskriegern durch den Hindukusch wie in früheren Tagen, seinen gewohnt pointierten Analysen und seinem kraftvollen Ausdrucksvermögen tut dies jedoch keinen Abbruch.

"Die Angst des weißen Mannes" ist letztlich eine Quintessenz aus dem Leben und Schaffen seines Verfassers. Als Scholl-Latour Mitte der 1950er Jahre seine Tätigkeit als Auslandskorrespondent in Asien und Afrika begann, wehten dort auf vielen Kapitalen noch der britische Union Jack und die französische Trikolore. Als 22-Jähriger diente er 1946 selbst noch als Angehöriger einer Fallschirmjägereinheit im französischen Indochina. Seitdem konnte er den schrittweisen Rückzug der Europäer aus ihren Kolonialreichen beobachten, verfolgte den Aufstieg der USA und der Sowjetunion als den neuen Weltmächten, wurde Zeuge ihres Scheiterns in Vietnam und Afghanistan, und kommentierte die Grenzen politisch-militärischer Macht der USA und der Nato im Mittleren Osten und in Zentralasien.

Hin und wieder droht ihm, der rote Faden verloren zu gehen. Aber dies weiß er charmant zu kompensieren: Er fühle sich "den Weltumseglern der Entdeckerzeit verbunden, die in ozeanische und terrestriche Weiten vorstießen, ohne sich ihrer präzisen Zielsetzung bewusst zu sein". Ohne Zweifel mutet Peter Scholl-Latour selbst wie ein letzter Vertreter einer Epoche an, in der es noch den ein oder anderen weißen Flecken auf dem Globus zu kartografieren gab. Diese hat er sich und seinen Lesern in den letzten Jahrzehnten unbeirrt von aller Kritik erschlossen.

Peter Scholl-Latour:

Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang.

Propyläen Verlag, Berlin 2009; 458 S., 24,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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