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Helmut Stoltenberg
Wer bei der Wahl für wen votierte

BUNDESTAGSWAHL 2009 Die »Repräsentative Wahlstatistik« gibt Aufschluss über das Stimmverhalten der Altersgruppen und Geschlechter

Es war die niedrigste Wahlbeteiligung, die je bei einer Bundestagswahl verzeichnet wurde: Nur rund 44 Millionen der fast 62,2 Millionen Wahlberechtigten und damit gerade einmal 70,8 Prozent haben am 27. September 2009 ihre Stimme abgegeben - immerhin 6,9 Prozentpunkte weniger als noch vier Jahre zuvor. Damit machten nicht einmal drei von vier Deutschen bei der jüngsten Bundestagswahl von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Wie sehr dabei das Ausmaß der Wahlmüdigkeit nach Bundesländern und Altersgruppen schwankte, zeigt ein Blick in die "Repräsentative Wahlstatistik zur Bundestagswahl 2009", die Bundeswahlleiter Roderich Egeler unlängst vorgelegt hat.

Sie beruht auf den Wahlergebnissen in 2.861 der insgesamt 90.000 Wahlbezirke. Da diese Ergebnisse hochgerechnet wurden, können sich leichte Abweichungen zum amtlichen Endergebnis ergeben. Die größte Differenz liegt dabei bei der ermittelten Wahlbeteiligung mit einer Abweichung von 0,6 Prozentpunkten nach oben. Gleichwohl ermöglicht die Statistik für den Bund und die einzelnen Länder eine Analyse des Wählerverhaltens nach Geschlecht und Altersgruppen sowie der Struktur der Wähler und Nichtwähler.

So zeigt sich nicht nur in den neuen Bundesländern und dem Ostteil Berlins eine erneut deutlich niedrigere Wahlbeteiligung (65,1 Prozent) als im alten Bundesgebiet (72,9 Prozent). Wie schon bei früheren Bundestagswahlen beteiligten sich auch die jüngeren Altersgruppen unterdurchschnittlich an der Stimmabgabe. Dabei machte die Generation im Alter unter 30 Jahren mit 10,2 Millionen ohnedies nur etwa ein Sechstel aller Wahlberechtigten aus, während die 60-jährigen und älteren Senioren mit 20,4 Millionen fast ein Drittel stellte - und zumeist eine besonders hohe Wahlbeteiligung erzielte. Das Einflusspotenzial der jungen Wahlberechtigten im Vergleich zu den älteren Wählern war also überproportional schwach.

Saarländer vorn

Mit 59,1 Prozent wiesen die 21- bis 24-Jährigen laut Repräsentativer Wahlstatistik erneut die geringste Wahlbeteiligung aller Altersgruppen aus. Besonders niedrig war dabei mit 52,9 Prozent die Wahlbeteiligung bei den Ostdeutschen in dieser Altersgruppe, wobei die Frauen mit 52,7 Prozent noch seltener zur Wahl gingen als die Männer mit 53,1 Prozent. Aber auch im alten Bundesgebiet blieben ihre Altersgenossen mit einer Wahlbeteiligung von 60,7 Prozent klar Schlusslicht aller Gruppen.

Differenziert nach Geschlecht und Bundesländern, beteiligten sich die 25- bis 29-jährigen Männer in Mecklenburg-Vorpommern mit nur 45,9 Prozent am wenigsten an der Wahl. Bei den Frauen hatten die 21- bis 24-Jährigen ebenfalls in dem nordöstlichen Bundesland mit 46,5 Prozent die "rote Laterne".

Mit steigendem Alter nahm die Wahlbeteiligung bis zur Gruppe der 60- bis 69-Jährigen kontinuierlich zu: Diese Altersgruppe wies mit 80 Prozent die höchste Wahlbeteiligung aus. Mit 73,8 Prozent lag die prozentuale Wahlbeteiligung bei den Ostdeutschen dieser Altersgruppe sogar über der der Westdeutschen in den Gruppen zwischen 18 und 44 Jahren. Rekordhalter bei den 60- bis 69-jährigen Männern waren die Saarländer mit einer Wahlbeteiligung von 84,9 Prozent und bei den Frauen dieser Altersgruppe die Wählerinnen in Schleswig-Holstein mit 84 Prozent.

Deutliche Unterschiede

Auch bei der Stimmabgabe zeigten sich je nach Geschlecht und Altersgruppe deutliche Unterschiede. So hatte die CDU bei der Bundestagswahl 2009 bei allen Altersgruppen die Nase vorn, wobei sie ihr bestes Ergebnis bei den Senioren ab 60 Jahren mit 34,4 Prozent einfuhr. Von den 18- bis 24-Jährigen stimmten dagegen lediglich 20,9 Prozent für die CDU. Auch kam sie bei den Frauen mit 29,6 Prozent auf einen höheren Stimmenanteil als bei den Männern mit 24,8 Prozent. Bei der Wahl im Jahr 2005 hatten noch 28,0 Prozent der Frauen und 27,5 Prozent der Männer der CDU ihre Zweitstimme gegeben. Die damalige Differenz hat sich damit im Jahr 2009 fast verzehnfacht.

Auch die nur in Bayern antretende CSU schnitt bei den 60-jährigen und älteren Wählern mit (bundesweit) 8 Prozent am besten ab, musste aber im Vergleich zu 2005 in allen Altersgruppen leichtere Verluste hinnehmen. Auch ihr gaben im vergangenen September mehr Frauen (6,8 Prozent) als Männer (6,2 Prozent) ihre Zweitstimme.

Die SPD verzeichnete 2009 bei allen Altersgruppen massive Verluste. Am stärksten stürzte sie bei den 18- bis 24-Jährigen ab, bei denen sie vier Jahre zuvor noch am besten abgeschnitten hatte: Von den damals in dieser Altersgruppe erreichten 36,9 Prozent blieb 2009 mit 18,2 Prozent nicht einmal mehr die Hälfte übrig. Dieser Verlust von 18,7 Prozentpunkten wurde in den folgenden Altersgruppen zwar kontinuierlich geringer, lag aber auch bei den Senioren ab 60 Jahren immer noch bei 6,8 Punkten. Hatte die Partei 2005 noch ihren höchsten Stimmenanteil bei den Jungwählern erzielt, war dies nun mit 27,3 Prozent bei den Senioren der Fall. Dabei verlor die SPD 2009 bei den Frauen im Vergleich zu 2005 mit minus 12,4 Punkten stärker als bei den Männern mit minus 9,8 Punkten und lag im Ergebnis mit 23,1 Prozent zu 23,0 Prozent bei beiden Geschlechtern fast gleichauf.

FDP punktet bei Männern

FDP, Die Linke und Grüne legten bei der Wahl 2009 in allen Altersgruppen zu. Die Freidemokraten holten dabei ihr bestes Ergebnis mit 18,3 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen, während sie bei den Wählern im Alter von 60 und mehr Jahren mit 12,2 Prozent am schlechtesten abschnitten. Zugleich war der Stimmenanteil für die FDP bei den Männern mit 16,1 Prozent deutlich höher als bei den Frauen mit 13,1 Prozent.

Die Linke erzielte bei den 45- bis 59-Jährigen mit 15,2 Prozent ihr stärkstes Ergebnis, während sie bei den Jungwählern unter 25 Jahren mit 10,3 Prozent und bei den Senioren ab 60 Jahren mit 10,4 Prozent ihr schwächstes Resultat bei der Wahl 2009 erreichte. Auch Die Linke fand bei den Männern mit 13,3 Prozent höhere Zustimmung als bei den Frauen mit 10,6 Prozent.

Bündnis 90/Die Grünen konnten besonders bei den Jungwählern im Alter von 18 bis 24 Jahren punkten, bei denen sie einen Zweitstimmenanteil von 15,4 Prozent einheimsten - mehr als dreimal so viel wie bei den Wählern ab 60 Jahren, bei denen sie mit nur 5 Prozent am wenigsten Stimmen einfahren konnten. Zudem fanden sie bei den Frauen mit 12 Prozent deutlich mehr Zustimmung als bei den Männern, von denen lediglich 9,4 Prozent der Partei ihre Stimme gaben.

Rekord beim Splitting

Einen neuen Höchststand gab es bei der Bundestagswahl 2009 beim so genannten Stimmensplitting - mit 26,4 Prozent verteilten so viele Wähler ihre Erst- und Zweitstimmen auf unterschiedliche Parteien wie noch nie bei einer Bundestagswahl. Besonders häufig machten davon die Zweitstimmenwähler der FDP Gebrauch: Rund 55 Prozent von ihnen votierten mit der Erststimme für den Direktkandidaten einer anderen Partei, wobei sich 45,8 Prozent für einen Wahlkreisbewerber der Unionsparteien entschieden. Im Gegenzug stimmten 17,9 Prozent der Wähler, die ihre Erststimme der CDU gaben, mit der Zweitstimme für die FDP; bei der CSU waren es 12,8 Prozent.

Mit rund 46 Prozent unterstützten auch viele Zweitstimmenwähler der Grünen mit der Erststimme Kandidaten anderer Parteien, 33,3 Prozent von ihnen entschieden sich für einen SPD-Bewerber. Zugleich gaben 12,8 Prozent der SPD-Erststimmenwähler ihre Zweitstimme den Grünen. Bei Linke-Wählern stellten die Statistiker übrigens im Vergleich zu 2005 einen Rückgang des Splittings fest.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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