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ORTSTERMIN: BEI ZWEI ABGEORDNETEN-MITARBEITERN
Sandra Schmid
»Das ist hier was für Macher«

Wenn Thomas Wierer zur Arbeit kommt, dann warten auf ihn jeden Morgen rund 100 bis 150 E-Mails, ein dicker Stapel Post sowie mehrere Presseschauen. Bevor sein Chef, der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Schindler, das Büro betritt, gilt es, das alles zu sichten und zu ordnen, kurz: das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. "Chaosbekämpfung", nennt Wierer das scherzhaft. Es ist durchaus ernst gemeint: Tatsächlich hat der 46-Jährige, der zusammen mit einer Kollegin seit mehr als 15 Jahren das Büro Schindlers leitet, unterschiedlichste Aufgaben: "Das Organisatorische ist nicht vom Inhaltlichen zu trennen", sagt Wierer (links im Bild), der sich 1993 auf Empfehlung eines Freundes hin für die CDU/CSU-Fraktion entschieden hatte, bevor er dann im Jahr darauf zu Schindler wechselte.

Der Takt des Parlaments bestimmt insbesondere in Sitzungswochen Wierers Arbeitstag: Plenar-, Ausschuss- und Arbeitsgruppen-Sitzungen müssen vorbereitet werden, zu denen er seinen Chef genauso begleitet wie zu Hintergrundgesprächen mit Interessenvertretern. Dazwischen schreibt er Pressemitteilungen, beantwortet Bürgeranfragen oder betreut Besuchergruppen aus dem Wahlkreis. Ein beachtliches Arbeitspensum: Häufig sind es Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage, die Mitarbeiter eines Abgeordnetenbüros absolvieren. Und trotzdem hat Wierer, der als früherer Offizier Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr studiert hat, meist nur in den sitzungsfreien Wochen die Chance, Liegengebliebenes aufzuarbeiten.

Wissenschaftlicher Referent und Büroleiter, ein geschickter Netzwerker und noch dazu fit in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeitsarbeit - die Tätigkeit in einem Abgeordnetenbüro erfordert echte Alleskönner: "Wir sehen uns als Allrounder", bestätigt Wierer. Wer den Job mache, müsse stets politisch auf dem Laufenden sein: "Ohne den Instinkt, welches Thema für den Abgeordneten wichtig werden könnte, geht es nicht." Genauso elementar: Flexibilität. Sich schnell in Themen einarbeiten oder sich auf neue Menschen und Situationen einstellen zu können, gehöre zu den Grundvoraussetzungen für den Job. "Eigentlich läßt sich kaum etwas planen, jeder Tag ist anders", sagt Wierer.

Gerade diese Vielseitigkeit schätzt Martina Hartleib (rechts): Die Sozial- und Wirtschaftshistorikerin ist Mitarbeiterin im Büro des SPD-Abgeordneten Stefan Schwartze, der nach der Wahl im September erstmals in den Bundestag eingezogen ist. Für ihn, den Neuling, ist Hartleib ein Glücksfall: Mit den Mechanismen des Parlamentsbetriebes ist die 42-Jährige bestens vertraut. Seit 13 Jahren arbeitet sie bereits für verschiedene SPD-Abgeordnete und weiß worauf es ankommt: Starke Nerven - und gute Manieren: "Das sagt zwar keiner, weil es so selbst verständlich ist, aber die richtigen Umgangsformen sind das A und O." Es war Otto Schily, der 1997 auf Hartleib aufmerksam wurde und sie in sein Büro holte. Heute ist Schily nicht mehr im Bundestag, Hartleib schon. Eine Seltenheit - in der Regel bleiben Abgeordnetenmitarbeiter nicht so lange wie sie dabei. Kein Wunder, die Arbeit gilt als ‚Traumjob auf Zeit'.

Als Angestellte des Abgeordneten endet das befristete Arbeitsverhältnis, wenn dessen Mandat endet: Das kann alle vier Jahre nach der Wahl sein oder wenn der Abgeordnete sein Mandat vorzeitig zurückgibt. Oft entwickelt sich zwischen dem Abgeordneten und seinen Mitarbeitern ein enges Vertrauensverhältnis. Sie beraten ihn, halten ihm den Rücken frei, schirmen ihn wenn nötig auch nach außen ab. "Wie ein Schutzschild", sagt Wierer.

Der eigene Job ist aber nicht nur aufgrund der Befristung unsicher: Die Verträge der Abgeordnetenmitarbeiter sind sechs Wochen zum Quartalsende kündbar. Und eine überfraktionelle Arbeitnehmervertretung ist erst im Entstehen. Das sind Risiken, mit denen so mancher nicht auf Dauer leben möchte. Martina Hartleib schon. Sie liebt ihren Arbeitsplatz - spannend, abwechslungsreich, flache Hierarchien. "Das ist hier was für Macher!"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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