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Parlamentarisches Profil
Kata Kottra
Politische Künstlerin: Agnes Krumwiede

Als sie am 20. Januar 2010 ans Rednerpult tritt, haben Angela Merkel (CDU), Gregor Gysi (Die Linke) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) schon gesprochen. Die Debatte um den Haushalt des Bundeskanzleramtes, zu dem auch der Etat von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) gehört, dient traditionell der Generalaussprache zwischen Regierung und Opposition. Die Fraktionen schicken deshalb ihre profiliertesten Redner ins Feld. Agnes Krumwiede ist die Letzte auf der Rednerliste - und mit 32 Jahren die Jüngste. Erst im September 2009 ist die Grüne in den Bundestag eingezogen. Heute ist sie kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Bei dieser, ihrer zweiten Rede im Bundestag, trägt sie einen schwarzen Pullover, einen Rock in Violett und Pink und schwarze Stiefel mit hohen Absätzen. Agnes Krumwiede fällt auf zwischen der Mehrheit korrekt sitzender Zweireiher und zieht deshalb auch außerhalb der Parlamentsflure die Aufmerksamkeit auf sich. Als Konzertpianistin hat sie einen ungewöhnlichen Beruf für eine Politikerin, sie ist jung und sieht "nett" aus, wie sie selber sagt. Zeitungen und Magazine von "Cicero" bis "Spiegel online" veröffentlichten Porträts von ihr, Erwin Pelzig lud sie in seine Kabarett-Sendung in der ARD ein, auch der Nachrichtensender N24 bat sie zum Gespräch. Die Bild-Zeitung kürte Krumwiede zuerst zur "Miss Bundestag" und zeigte dann eine Videoaufnahme von ihrem ersten Auftritt im Plenum: Als sie nach ihrer Rede wieder zu ihrem Sitz läuft, folgt Jürgen Trittin ihr mit seinen Blicken. "Er wollte mir einfach nur zu meiner Rede gratulieren", stellt Agnes Krumwiede klar. Ihre Medienpräsenz sieht sie als nützliches Werkzeug, um "viele Menschen von meinen Inhalten zu überzeugen". Wer nach dem Video suche, sehe sich eben manchmal nicht nur die letzten Sekunden an.

Die Generaldebatte am 20. Januar nutzt sie zur Kritik an der Kulturpolitik der Regierung. Wie für Banken verlangt sie auch für Kulturprojekte einen "Nothilfefonds". Aus diesem sollen vor allem "die kleineren Kultureinrichtungen, die freie Szene, die Soziokultur und die Kinder- und Jugendkultur" gefördert werden. Wenn es um Kultur- und Bildungspolitik geht, sprüht Agnes Krumwiede vor Ideen. "Kreativität", ein von ihr oft gebrauchtes Schlagwort, ist aber nicht nur für sie ein wichtiger Maßstab. "Musischen Fächern in der Schule muss ein ebenso hoher Stellenwert beigemessen werden wie den naturwissenschaftlichen Fächern oder den Sprachen", forderte sie im März 2009 und überzeugte ihre bayerischen Parteikollegen, sie auf einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl zu setzen.

Agnes Krumwiede will Theater- und HipHop-Projekte an den Schulen verankern. Bekannte Musiker möchte sie dazu bringen, bei Schulbesuchen Jugendliche für ihre Instrumente zu begeistern. "Es gibt Kinder, die haben noch nie ein Cello gesehen." Dabei sei erwiesen, dass das Lernen eines Musikinstrumentes die Konzentration erhöhe; Theaterspielen sei gut für die soziale Kompetenz und fördere das Selbstbewusstsein.

Dass ihr Kreativität und Kultur so am Herzen liegen, ist kein Zufall, schließlich ist die Konzertpianistin selbst fest in der Kulturszene verwurzelt. Bis 2005 studierte sie an der Würzburger Musikhochschule, danach eröffnete sie in Ingolstadt eine Klavierschule - auch aufgrund dieser Erfahrungen fordert sie einen Mindestlohn für Künstler. Als Pianistin spielt Agnes Krumwiede mit Vorliebe die Stücke von Komponistinnen - nun will sie für staatliche Orchester eine Frauenquote einführen.

Ur-grüne politische Forderungen, wie die nach Gleichberechtigung durch Quotenregelungen, lassen sich eben auch auf die Kunst beziehen. Deshalb ist auch der Wechsel in die Politik für Krumwiede absolut kein Widerspruch zu ihrer Berufsbiografie. Kultur und Politik, das passe sehr gut zusammen, sagt die Abgeordnete, die schon kurz nach dem Abitur Mitglied der Grünen wurde. Denn: "Es gibt keine unpolitische Kunst."

Und in noch einem Punkt nutzt Krumwiede ihre Erfahrungen als Künstlerin für die Politik: Manche Tricks beim Atmen könne man auf der Bühne wie im Bundestagsplenum anwenden, verrät sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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