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Nicole Tepasse
Das Publikum von morgen

KULTURGUTSCHEIN Die Stadt Halle hat 3.400 Kindern und Jugendlichen eine Freikarte für einen Theater- oder Museumsbesuch geschenkt

Leon und Antonia hat die Aktion schon begeistert. Dagmar Szabados hält einen Brief der beiden Grundschüler in der Hand. Auf einem weißen DIN-A-4-Blatt haben die beiden eine große rote Blume gemalt. Darüber ein paar Zeilen geschrieben: "Liebe Frau Szabados, Dankeschön für den Kulturgutschein", ist dort zu lesen. "Wir freuen uns schon, ihn einzulösen." Die beiden gehören zu den mehr als 3.400 Kindern, die im November Post von ihrer Oberbürgermeisterin bekommen haben. "Lieber Leon", hieß es in dem Brief, "sicher weißt Du, dass unsere Stadt tolle Museen und Theater hat und Du hast einige von ihnen bestimmt auch bereits kennengelernt." Mit dem Brief wolle sie ihn nun "überraschen und dazu anstiften", die Kultureinrichtungen der Stadt auf eigene Faust mit einer Begleitperson besser kennenzulernen. "Sie sollen Orte für Dich werden, wo Du Dich auskennst und wohlfühlst", schrieb Szabados.

Beste Prävention

Wenn Dagmar Szabados gefragt wird, wie sie auf die Idee für den Kulturgutschein gekommen ist, ist sie nicht zu stoppen. "Für mich ist Bildung die beste Prävention, damit Kinder nicht abrutschen, und das darf man nicht auf die Schule reduzieren", erklärt Szabados. Gerade kulturelle Bildung sei wichtig, um soziale Kompetenzen zu erlernen. "In dieser reizüberfluteten Welt muss man sich verdammt was einfallen lassen, um die Kinder zu erreichen." Und so setzt die Oberbürgermeisterin, deren Stadt rund 150 Millionen Euro Schulden und eine Arbeitslosenquote von 14,2 Prozent hat, ganz darauf, dass ein kostenloser Besuch den Kindern und Jugendlichen Theater, Museum oder Oper schmackhaft macht und sie gerne wiederkommen. Es geht ihr um das Publikum von morgen. "Das, was wir machen, ist nicht reiner Alt-ruismus", erklärt sie, "es füllt die Säle und Plätze, die sonst auch nicht unbedingt besetzt wären." Für die Künstler sei es schöner, vor vollen Rängen zu spielen.

Insgesamt hat Szabados mehr als 14 Kultureinrichtungen aus der Stadt Halle mit ins Boot geholt. "Wir waren in die Konzeption der Initiative involviert", sagt Martin Windolph von der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, zu der unter anderem die Oper, das Puppentheater und das Thalia Theater Halle gehören. "Wir fanden die Idee großartig und haben uns mit der Oberbürgermeisterin darauf geeinigt, vorerst zwei Altersgruppen für die Initiative auszuwählen", berichtet Windolph. Mit den 9- und 15-Jährigen würden Kinder angesprochen, die sich gerade in einer Umbruchphase befänden, erläutert Szabados. Die einen stünden vor dem Wechsel auf eine weiterführende Schule, die 15-Jährigen vor der Entscheidung: Ausbildung oder Abitur. "Der richtige Zeitpunkt, um einen Zugang zur Kultur zu finden", ist die Oberbürgermeisterin überzeugt.

Anreiz geben

Auch dem Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendanten der Händel-Festspiele, Clemens Birnbaum, ist ein Anliegen, die Kinder "dabei zu unterstützen, die Kultur in ihrer Stadt kennenzulernen. Gerade für Kinder aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Familien kann der Kulturgutschein ein erster Anreiz und Anlass hierfür sein", sagt Birnbaum. Selbst wenn nur einige der 3.500 Dritt- und Neuntklässler daraufhin zum ersten Mal das Händel-Haus oder andere Kultureinrichtungen besuchten oder sich damit beschäftigten, sei dies schon ein großer Erfolg. "Wir können mit dieser Initiative nur gewinnen."

Davon ist auch Ursula Wohlfeld, Kulturreferentin der Stadt Halle, überzeugt. "Gerade in einer solchen Krisenzeit sollte man nicht zuerst an der Kultur sparen", sagt sie.

Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados hatte aber dennoch mit Vorbehalten zu kämpfen. "Einige Theaterpädagogen waren gegen eine offene Wahl der Veranstaltungen", erinnert sie sich. Aber den Kindern vorzugeben, welche Einrichtung oder welches Stück sie besuchen, kam für Szabados nicht in Frage. "Es geht ja gerade darum, dass die Kinder und Jugendlichen sich selber damit auseinandersetzen sollen, was angeboten wird und was sie interessiert."

Gute Nachricht

Von den 3.400 Schülern, die Ende November des vergangenen Jahres angeschrieben wurden, waren bislang 130 im Theater. Ein Zwischenfazit, was den Besuch etwa in den Museen angeht, steht noch aus. Anhand der Postleitzahlen, die auf den Gutscheinen vermerkt sind, lässt sich nachvollziehen, aus welchen Stadtteilen die Kinder kommen. "30 von ihnen sind aus Halle Neustadt, 10 von der Silberhöhe - zwei Stadtviertel mit weniger Gutbetuchten", sagt Wohlfeld.

Für ihre Chefin ist das eine gute Nachricht. "Ich sehe das als Erfolg", sagt Dagmar Szabados. "Kultur, ins Theater gehen - das muss dazu gehören und so normal sein wie Fernsehen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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