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Gabriela Walde
Im großen Bogen

Bundeskulturstiftung Ein weiter Kulturbegriff und interdisziplinäre Projekte prägen ihr Profil

Es muss wie ein vorgezogenes Weihnachten gewesen sein: Auf ihrer letzten Sitzung im Dezember bewilligte die Kulturstiftung des Bundes (BKS) 21 Millionen Euro für neue Vorhaben. Eine stolze Summe in nicht gerade budgetstarken Zeiten. Allein 10 Millionen Euro fließen in ein Programm zur kulturellen Bildung an Haupt- und Realschulen - ein Aushängeschild der Stiftung. "Agenten", also Vermittler, sollen gemeinsam mit der Schulleitung ein fächerübergreifendes Kulturangebot entwickeln und beispielsweise auch Kooperationen mit Kultureinrichtungen der Städte anstoßen. Vorgesehen ist ein fächerübergreifendes Programm an zunächst 50 Schulen in fünf Bundesländern.

1,4 Millionen Euro des Etats gehen an den bekannten Choreografen William Forsythe. Er hat in den vergangenen Jahren ein ausgetüfteltes Notationssystem erarbeitet, mit dessen Hilfe eine Choreografie anhand der Partitur rekonstruiert werden kann. Diese Transkription will er weiterentwickeln, um sie in die digitale "Motion Bank" zu integrieren, abrufbar für jeden Tanzinteressierten. Ihm geht es um "Lesbarkeit von Choreografie" und "fundamentale Organisationsprinzipien" des Tanzes. Das Projekt sei wichtig, begründet die Stiftung ihre Wahl, weil es bisher an brauchbaren Methoden zur Dokumentation und Archivierung von Choreografien gefehlt habe.

Allein der Blick auf diese zwei geförderten Projekte zeigt, wie die Stiftung arbeitet: mit einem sehr weit gespannten Kulturbegriff und interdisziplinär. Schwerpunkte sind, so heißt es in der Stiftungssatzung, "die Förderung innovativer Programme und Projekte im internationalen Kontext". Tanz ist ohnehin ein großes Thema mit dem "Tanzplan Deutschland", der als Katalysator für die Szene wirken und der Sparte zu mehr Anerkennung verhelfen soll.

Die Bundeskulturstiftung wird gern als Glanzleistung der sozialdemokratischen Kulturpolitik der Ära Gerhard Schröder gefeiert - letztlich wohl auch, weil damit eine Idee seines Freundes und Nobelpreisträgers Günter Grass realisiert wurde. Dieser hatte allerdings eine Deutsche Nationalstiftung im Sinn, gemeinsam getragen von Bund und Ländern. Dass die bereits bestehende Kulturstiftung der Länder mit der BKS nicht fusioniert wurde, lag daran, dass die mächtigen Landesväter, allen voran in Bayern, auf ihre verfassungsrechtliche Eigenständigkeit und damit auf einen Teil ihrer Landes-Identität pochten. Der Eindruck konzeptioneller Unschärfe bei der BKS ist bisweilen wohl auch durch dieses Nebeneinander beider Stiftungen bedingt.

Die Bundeskulturstiftung in Halle beschäftigt insgesamt 40 Mitarbeiter. 35 Millionen Euro stehen 2010 im Etat des Kulturstaatsministers für sie bereit. Im Jahr 2009 war es noch 1 Million Euro mehr. Keine Zuschüsse gibt es für Gründungen, Ankäufe oder rein institutionelle Förderungen. Auf der Agenda ganz oben stehen die sogenannten "Leuchttürme der Gegenwartskultur" - dazu zählen die Donaueschinger Musiktage, das Theatertreffen, die Documenta in Kassel und die Berliner Kunstmesse Biennale. Auf den Förderlisten finden sich Zuschüsse für Projekte sehr unterschiedlichen Zuschnitts, darunter die Präsentation "Record > again" zu 40 Jahren Videokunst und das kryptisch betitelte Festival "Von Helden und Monstern - Life Sciences", wo es um biotechnologische Entwicklungen geht und sich Mediziner, Ethiker und Filmemacher versammeln.

Geld und wenige Grenzen

Ausstellungen sowie Tanz, Theater und Performance zählen zu den am stärksten geförderten Sparten. Man wolle, so heißt es in Halle, keine "repräsentative Staatskultur", sondern ein weites Spektrum einer Kulturlandschaft abbilden. Das bedeutet auch: keine Konzentration auf die Hauptstadt als zentralen Imageträger Deutschlands, schließlich sollen regionale Eigenheiten und Strukturen im Zentrum stehen. Genau hier steckt die Stiftung in einem Dilemma: Weil die Projekte dezentral angesiedelt sind, wird die Institution oft nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Bei Künstlern und Kulturschaffenden jedoch ist die BKS beliebt, weil sie Geld hat und kaum Grenzen bei den Bewerbungen: "Es gibt es nichts, was wir ausschließen" heißt es in Halle.

Über die einzelnen Fördermaßnahmen kann man streiten, in manchem Programm wünscht man sich eine stärkere Profilierung. "Gemischtwarenladen" sagen die einen, andere nennen es "schwammig". Doch wer sich "Innovation" und "Experiment" auf die Fahnen schreibt, muss mit dieser Kritik rechnen, da sich Neues eben nicht in herkömmlichen ästhetischen Standards verpacken lässt. Und Scheitern und Suchen kann schließlich auch Programm sein.

Davon konnte im Jubiläumsjahr 2009 absolut nicht die Rede sein. Die Präsentation "60 / 40 / 20 - Kunst in Leipzig seit 1949" sowie das gesellschaftliche Fragen ausleuchtende Rahmenprogramm zur Berliner Thomas Demand-Ausstellung "Nationalgalerie" und die Schau "Kunst und Kalter Krieg" im Deutschen Historischen Museum bildeten perspektivisch den roten "Einheits"-Faden. "Kunst und Kalter Krieg" entstand als Kooperation mit dem County Museum of Art in Los Angeles. Was könnte passgenauer sein für die Auswärtige Kulturpolitik als dieser internationale Austausch?

Die Autorin ist Redakteurin im Feuilleton der Welt-Gruppe.

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