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Mirko Heinemann
Experimente jenseits der Sprachkurse

Goethe-Institute Sie verbreiten nicht nur die deutsche Kultur im Ausland, sondern vernetzen und fördern Künstler weltweit

Wie radikal die Wandlung war, die das Goethe-Institut in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat, kann William Wells anschaulich beschreiben. Der Kanadier lebt seit 25 Jahren in Ägypten und betreibt dort eine große Kunstgalerie. "Als ich in den 80er Jahren ins Goethe-Institut Kairo kam, war es ein deutsches Kulturinstitut wie aus dem Bilderbuch", erzählt er. "In einer neoklassizistischen Villa fanden Klassikkonzerte und Ausstellungen deutscher Künstler statt." Heute hingegen erkenne er das Institut nicht mehr wieder. "Es ist die progressivste Kulturorganisation in der Region und treibt die Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst maßgeblich voran", sagt Wells.

In der Tat ist das Goethe-Institut Kairo immer für eine Schlagzeile gut. Ob die Deutschen eine Modenschau in einer Autowerkstatt organisieren, Muezzine ihre Lebensgeschichte auf der Bühne erzählen lassen oder dem jungen Festival des unabhängigen Films eine Heimstatt bieten - das Institut hat sich den Ruf eines wichtigen Raums für Experimente erarbeitet, bei den Künstlern, aber auch bei der ägyptischen Regierung. "Man lässt uns bislang freie Hand", bestätigt Regionalleiter Heiko Sievers. "Wir lassen uns von Zensurauflagen nicht beirren."

Nun werden sich manche fragen: Wo bleibt denn hier die deutsche Kultur? In der Tat kann man dem Goethe-Institut einiges unterstellen; missionarischer Eifer gehört nicht dazu. Vielmehr versteht man sich heute als Mittlerorganisation, welche die Kulturen der Welt mit der deutschen, aber eben auch miteinander vernetzt.

Neue Chancen

Seit es 1951 als Nachfolgeinstitution der Deutschen Akademie gegründet wurde, hat das Goethe-Institut eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen - die jedoch stets auch das Kulturverständnis der Deutschen widerspiegelte. In den beinahe 60 Jahren seines Bestehens meisterte "Goethe", wie das Institut knapp weltweit genannt wird, nicht nur die Wandlung vom Sprach- zum Kulturinstitut, sondern auch vielfältige Herausforderungen, von denen die wohl größte die Wiedervereinigung war, aus der ein völlig neues Deutsch- landbild erwuchs.

Nach der Neugründung als gemeinnütziger Verein widmete sich das Goethe-Institut der Fortbildung von ausländischen Deutschlehrern. Die Sprachkurse wurden in Bad Reichenhall, Murnau und Kochel angeboten, idyllische Orte, die Nachkriegsdeutschland von seiner besten Seite zeigen sollen. Die repräsentativen Kulturprogramme in den Auslandsinstituten kamen erst viel später hinzu. Sukzessive erkannte auch das Auswärtige Amt die Bedeutung einer regierungsunabhängigen Kulturarbeit und begann, das Goethe-Institut zu fördern. Anfang der 70er Jahre erklärte die Bundesrepublik die "dialogische und partnerschaftliche Kulturarbeit" zur dritten Säule der Außenpolitik.

Im Jahr 1989, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Wiedervereinigung Deutschlands, sah sich auch die deutsche Kulturorganisation neuen Herausforderungen ausgesetzt. Wo bisher die demokratischen Werte der Bundesrepublik im Mittelpunkt der Arbeit standen - in Abgrenzung zum NS-Deutschland, aber auch zur DDR - musste nun die Werte eines neuen, größeren Deutschlands vermittelt und ein neues, "selbstkritisch-selbstbewusstes" Kulturverständnis entwickelt werden, wie der derzeitige Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, im Rückblick formuliert.

Osteuropa rückte plötzlich in den Fokus, zahlreiche Goethe-Institute eröffneten in den Ländern hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang. Ein Engagement, das mit der Schließung so manch alt eingesessenen Instituts erkauft werden musste. Der damalige Präsident Hilmar Hoffmann kritisierte den Sparkurs der Bundesregierung heftig.

Seit drei Jahren ist das Goethe-Institut wieder auf Expansionskurs. Institute und Verbindungsbüros eröffneten neu oder erneut, so in Tansania, Angola, in Russland, in der Mongolei. In Nordkorea konnte sich das Goethe-Institut als erste westliche Kulturinstitution überhaupt niederlassen. Derzeit gibt es 13 Niederlassungen in Deutschland, dazu kommen 136 Institute und zehn Verbindungsbüros in 91 Ländern. Der Gesamtetat betrug im vergangenen Jahr 291,16 Millionen Euro; 228,54 Millionen steuerte das Auswärtige Amt bei, 62,62 Millionen waren Einnahmen aus Sprachkursen, Prüfungsgebühren und Sponsoring.

Eigenständige Regionalinstitute

Heute sieht das Institut seine Aufgaben außer in der Sprachvermittlung vor allem in der Vertiefung des Verständnisses "der Kulturen untereinander". Der Sprachunterricht und die Fortbildung von Deutschlehrern im In- und Ausland sind weiterhin zentrales Element. Die Spracharbeit des Goethe-Instituts entwickele sich sogar "außerordentlich positiv", resümierte Klaus-Dieter Lehmann auf der Jahrespressekonferenz im Dezember. Die Nachfrage nach Sprachkursen sei stabil, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft soll intensiviert werden. "Hier ist Sprachkompetenz gefragt." Mit der 2008 ins Leben gerufenen Initiative "Pasch - Schulen: Partner der Zukunft", habe es zudem noch einmal einen Schub gegeben. Rund 1.300 Schulen weltweit sollen die Sprache Deutsch bis zur Hochschulreife vermitteln.

Die sogenannten "Regionalinstitute" haben im Rahmen einer Strukturreform vor zwei Jahren deutlich erweiterte Kompetenzen erhalten. Dazu gehört vor allem mehr Selbstständigkeit in der Programmgestaltung, die bis dato von der Zentrale in München vorgegeben wurde. "Programme entstehen nun dort, wo die Lokalexpertise sitzt, nämlich im Ausland", erklärte Lehmann. Seit dem vergangenen Jahr werden zudem die "Artist in Residence"-Programme ausgebaut, in deren Rahmen Künstlern, Kuratoren, Schriftststellern, Musikern, aber auch Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten wird, längere Zeit an einem Ort im Ausland zu verbringen. Solche Residenzprogramme würden immer wichtiger für den interkulturellen Austausch, denn auch die Bedeutung von internationalen Koproduktionen wachse. Dazu gehören auch offene Projekträume für lokale und internationale Künstler, wie sie jüngst in New York und Johannesburg entstanden sind. Nachhaltiger Kulturaustausch auf Augenhöhe, Vernetzung mit Künstlern weltweit, Förderung von Kulturprojekten im Ausland - auf solche Aspekte wird das Goethe-Institut in Zukunft Wert legen.

Erprobtes Frühwarnsystem

Warum internationale Kulturinstitute immer wichtiger werden, erläutert der Generalsekretär des Goethe-Instituts Hans-Georg Knopp. Die Welt sei im Zeitalter der Globalisierung unübersichtlicher geworden. Stelle man sich aber als Kulturinstitut diesen Herausforderungen, erhalte man ein "Frühwarnsystem", das rechtzeitig anzeigt, "wenn in den Beziehungen zwischen Gesellschaften etwas zu knirschen beginnt."

Zudem erhalte man vielfältige Anlässe für Begegnungen und Diskussionen, um Erfahrungen auszutauschen. Ein Prozess werde ausgelöst, der "Einsichten geben und Verständnis wecken" könne. Kulturarbeit leiste so einen wichtigen Beitrag, um "in der globalisierten Welt die Voraussetzungen für ein Miteinander zu schaffen."

Die Arbeit der Goethe-Institute ist für die nächste Zukunft gesichert. Weitere Neueröffnungen von Instituten sind zwar in diesem Jahr nicht absehbar. Aber der Koalitionsvertrag hat die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik als tragende Säule der deutschen Außenpolitik auch weiterhin festgeschrieben. Für Klaus-Dieter Lehmann ist politische Unabhängigkeit hierbei ein wichtiger Faktor: "Kultur darf nicht instrumentalisiert werden", so der Präsident. "Sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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